Porträt Oliver Abraham © Costa Belibasakis
Porträt Oliver Abraham © Costa Belibasakis

Am 27. September 2025 porträtierte Oliver Abraham (DGPh-Mitglied seit Anfang 2020) anlässlich der DGPh Photography Awards mit der Verleihung des Kulturpreises und des Dr. Erich Salomon-Preises der DGPh und der Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography die Preisträger*innen und den geschäftsführenden Vorstand der DGPh. Mit einem Teil dieser Porträts und weiteren seiner Arbeiten stellen wir Ihnen den Fotografen hier vor.

Oliver Abraham nahm sein erstes Künstlerporträt bereits Ende der 1990er Jahre mit einer Rollei-Mittelformatkamera auf. Seine Arbeit und seine Serie hat er seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. 2004 schloss er sein Fotografie-Studium als Meisterschüler von Arno Fischer an der Berliner Schule „Fotografie am Schiffbauerdamm“ ab, seit dieser Zeit arbeitet er mit einer 8×10-Inch-Großformatkamera. Die Auswahl der von ihm Porträtierten trifft er sehr bewusst: Sie basiert auf der Faszination für die Künstler*innen und ihre spezifische Arbeit sowie der Auseinandersetzung mit ihrer Lebensgeschichte. 

David Lynch © Oliver Abraham
David Lynch © Oliver Abraham

Regelmäßig bereist Oliver Abraham mit Auto und schwerem Equipment Europa und porträtiert bei diesen Reisen, in den allermeisten Fällen in nur wenigen Bildern, Persönlichkeiten aus naher Entfernung, vor neutralem Hintergrund und bei natürlichem Licht. Letzteres ist für ihn, wie er selbst betont, von besonderer Bedeutung: „Das natürliche Licht sorgt bei jedem Porträt für andere Situationen, wodurch jede Sitzung zu einem einmaligen, nicht reproduzierbaren Ereignis wird.“ 

Unvorhergesehene Elemente wie etwa der von einem nicht ganz korrekt verschlossenen Balgen seiner alten Kamera hervorgerufene Lichteinfall bei dem Portrait David Lynchs machen Oliver Abrahams Arbeiten zu spannenden Ergebnissen aus Geplantem und Zufälligem. Zugleich betonen sie das Handwerkliche seiner rein analogen Arbeit. Der Kurator Jean-Christophe Ammann notierte in einem Text über den Fotografen: „Oliver Abraham gelingt etwas Ungewöhnliches. Er schafft die Identität von Bild und Person. [….] Bei [ihm] tritt nicht die Person, ihre Berühmtheit, in den Vordergrund, sondern das Bild. […] Wer immer die Berühmtheiten sein mögen, es sind die Bilder, die einen sprachlos machen. […] Die Bilder sind so stark, dass die Personen hinter sich zurücktreten“. Der Purismus der strengen, schwarz-weißen Gelatinesilberabzüge unterstreicht die Zeitlosigkeit der Aufnahmen.

Wie er zur Fotografie gekommen ist, was ihm wichtig ist, worin er die Kraft von Fotografie sieht und weitere Fragen stellten wir Oliver Abraham, um etwas mehr über ihn zu erfahren. Seine Antworten lesen Sie hier:
 

Freedom of Speech. Miao Zhang, Journalist für die ZEIT © Oliver Abraham
Freedom of Speech. Miao Zhang, Journalist für die ZEIT © Oliver Abraham

Wie bist Du zur Fotografie gekommen?

Mein Großvater mütterlicherseits war Porträt- und Gesellschaftsfotograf in Saigon/Vietnam und hat das Handwerk der Fotografie Anfang 1900 in Paris erlernt. Kennengelernt habe ich ihn leider nicht, allerdings schwebte sein Geist über vielen Erzählungen und Anekdoten, immer auf den Familientreffen mit, so dass mich das schon früh geprägt hat. Ein weiterer Einfluss war mein Cousin, in den 80er Jahren Modefotograf in Paris. Angefangen habe ich mit Porträts in meiner unmittelbaren Nähe, mit Familienporträts (einem Langzeitprojekt, an dem ich immer noch arbeite) und mit Porträts von Freunden. Daraus sind dann die Serien von Künstlern (Portraits of Artists), Journalisten/Philosophen/Aktivisten (Freedom of Speech) und Wissenschaftlern während und nach der Corona-Pandemie (Evidence Based) entstanden, an denen ich die letzten 20 Jahre gearbeitet habe und immer noch arbeite.

Freedom of Speech. Julian Assange, WikiLeaks © Oliver Abraham
Freedom of Speech. Julian Assange, WikiLeaks © Oliver Abraham

Welcher Bereich der Fotografie ist aktuell am wichtigsten für Dich?

Die Porträtfotografie ist seit 30 Jahren der wichtigste Bereich für mich und stellt für mich das ideale Medium da, um ein Abbild, anhand von Persönlichkeiten, unserer Zeit zu zeigen. Ich versuche in meiner Arbeit Geschichten und Zusammenhänge, anhand von Porträts von Protagonisten und deren Beziehung zueinander, zu erzählen. Gelegentlich mache ich auch Landschaftsbilder und Stillleben, aber letztendlich sind sie der Porträtfotografie untergeordnet. 

Worin liegt für Dich die Stärke der Fotografie?

Eine der wesentlichen Stärken der Fotografie ist ihr dokumentarischer Charakter. Mit ihr geht der Beweis bzw. die Zeugenschaft hervor, was besonders im journalistischen Bereich wichtig ist. Aber auch im Bereich der Porträtfotografie ist er von Bedeutung. Was mich nach wie vor fasziniert, bei einer Porträtsitzung oder bei dem Erstellen einer Fotografie, ist die Tatsache, dass es nicht wichtig ist, was davor und danach war. Letztendlich zählt nur der Augenblick, die 1/15 sec, in dem das Bild entstanden ist, die Verdichtung von Zeit und Raum. Und dieser Moment ist dann nicht mehr reproduzierbar und ist schon Geschichte, wenn das Bild noch nicht mal entwickelt ist. Im Hinblick auf die aufkommende KI, ist dieser Fakt ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal.

Die Porträtserie "Freedom of Speech", an der ich seit 2014 arbeite  bekommt für mich aktuell und auch gesellschaftlich immer mehr Bedeutung. Gerne möchte ich sie zeitnah in einer Institution einem breiterem Publikum zeigen, begleitend mit Texten und einer zusätzlichen Präsentation im öffentlichen Raum.

Freedom of Speech. Agnes Heller, Philosophin © Oliver Abraham
Freedom of Speech. Agnes Heller, Philosophin © Oliver Abraham

Nenne uns bitte zwei bis drei Fotobücher oder fotografische Arbeiten, die Dich besonders beeindruckt haben.

Es gibt ein Fotobuch welches mich sehr geprägt hat, ein Sammelbildband über die Street Photography New Yorks: The New York School - Jane Livingston mit Beiträgen von Diane Arbus, Lisette Model, Louis Faurer, das Frühwerk von Robert Frank, Richard Avedon und Saul Leiter. Zusätzlich werden noch die frühen und einzigen Fotos des legendären Designers Alexey Brodovitsch gezeigt. Diese Fotos wurden jetzt gerade bei Steidl neu publiziert, in einem sehr schönen hochwertigen Buch: Ballet. Alexey Brodovitsch.

Die Ausstellung von Richard Avedon In the American West im Kunstmuseum Wolfsburg von 2001 hat auf mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es war großartig die gesamte Serie, großformatig sehen zu können, als eine Art Performance der Porträtfotografie. In jüngster Zeit, bedingt durch meine Zusammenarbeit mit der Galerie  Julian Sander, habe ich Einblicke in das Werk von August Sander bekommen, die sehr persönlich und interessant sind, um den humanistischen Ansatz seiner Arbeit zu verstehen und auch auf die eigene Arbeit wirken zu lassen.
 

Freedom of Speech. Trevor Paglen © Oliver Abraham
Freedom of Speech. Trevor Paglen © Oliver Abraham

Welche historische Persönlichkeit der Fotogeschichte hättest Du gerne kennen gelernt oder würdest Du gerne kennen lernen?

Gerne hätte ich den französischen Porträtfotografen Nadar kennengelernt. Er hat im 19. Jahrhundert mit der Darstellung von Persönlichkeiten die man nicht unbedingt mit der Fotografie bzw. mit einem fotografischen Abbild in der Verbindung bringt, ein beachtliches Frühwerk der Porträtfotografie geschaffen (Baudelaire, Delacroix , Ravel, Dumas, Berlioz, Debussy, Verdi u.w.). Zusätzlich war er Erfinder, Ballonpionier und Herausgeber von Zeitungen, letztendlich also ein Generalist, wie das zu der Zeit üblich war. Neulich habe ich erfahren dass er u.a. dem Maler Paul Cézanne eine seiner ersten Ausstellungen in seinem Fotoatelier ermöglicht hat. 
 

DGPh Photography Awards 2025, Dr. Erich Salomon-Preis, Preisträgerin Kathy Ryan © Oliver Abraham
DGPh Photography Awards 2025, Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography, Preisträger und Preisträgerin Hans Rooseboom und Mattie Boom, Stifter des Preises Manfred Heiting, © Oliver Abraham
DGPh Photography Awards 2025, Dr. Erich Salomon-Preis, Laudator François Hébel © Oliver Abraham
Geschäftsführender Vorstand der DGPh bei den DGPh Photography Awards am 27. September 2025, v.l.n.r.: Roy Hessing, Stephan J. Schulz, Michael Kaune, Ira Stehmann, Ruediger Glatz, Frank Schumacher © Oliver Abraham
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