Astrid Ullens de Schooten, © Rip Hopkins
Astrid Ullens de Schooten, © Rip Hopkins
Mit Astrid Ullens de Schooten ehrt die Deutsche Gesellschaft für Photographie 2026 eine Sammlerin, für die Fotografie weit mehr ist als Gegenstand einer Kollektion. 

Die erste Preisträgerin des neu geschaffenen Gruber Award versteht das Sammeln als langfristige Beziehung zu Künstlern, als Bildungsauftrag und als Möglichkeit, gesellschaftliche Wahrnehmung zu verändern. In einem Gespräch mit der DGPh erläutert sie die Grundsätze ihres Engagements.

Astrid Ullens de Schooten, © Rip Hopkins
Astrid Ullens de Schooten, © Rip Hopkins

Dass sie einmal für ihre Arbeit ausgezeichnet werden würde, habe sie nicht erwartet, sagt Astrid Ullens de Schooten. Sie habe ihre Aktivitäten stets aus Leidenschaft und ohne Aussicht auf Anerkennung verfolgt. Entsprechend versteht sie den Gruber Award nicht nur als Würdigung ihrer eigenen Arbeit, sondern auch als Anerkennung des Teams ihrer Fondation und der Künstler, deren Arbeiten sie über viele Jahre begleitet und sichtbar gemacht hat.

Von der zeitgenössischen Kunst zur Fotografie

Ullens’ Weg zur Fotografie begann über die zeitgenössische Kunst. In den 1980er Jahren interessierte sie sich besonders für die intellektuellen Fragestellungen einzelner Künstler und begann, deren Werke zu sammeln. Als sich der Kunstbetrieb aus ihrer Sicht in den 2000er Jahren zunehmend kommerzialisierte, wandte sie sich stärker der Fotografie zu, die zu diesem Zeitpunkt noch wesentlich weniger im Zentrum des Kunstmarkts stand.

Ein entscheidender Einschnitt war eine Reise nach Afghanistan im Jahr 2006. Dort sei ihr besonders deutlich geworden, welche Gefahren Ignoranz, geistige Abschottung und fehlende Bildung für eine Gesellschaft bedeuten können. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich der Wunsch, ihre Sammlung nicht allein als privaten Bestand zu begreifen, sondern sie gezielt für Vermittlung und Bildung zu öffnen. Wenig später entschied sie sich, in einem benachteiligten Viertel von Brüssel einen Ort zu schaffen, an dem insbesondere Kinder und Jugendliche Zugang zur Fotografie erhalten sollten.

Fondation A, Brüssel
Fondation A, Brüssel

Der Inhalt entscheidet

Für Ullens ist nicht der Marktwert eines Bildes ausschlaggebend, sondern die Haltung, die in einer fotografischen Arbeit sichtbar wird. Entscheidend sei die Botschaft, die ein Künstler im Hinblick auf die Welt von heute und morgen vermitteln wolle. Besonders interessieren sie Arbeiten, die Missstände benennen und gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar machen, bevor deren Folgen allgemein erkannt werden.

Daraus erklärt sich auch, weshalb ihre Sammlung häufig nicht auf einzelne Schlüsselbilder setzt, sondern auf umfassendere Werkgruppen. Einige wenige Fotografien reichten nicht aus, um die Konsequenz und Tiefe eines künstlerischen Ansatzes zu verstehen. Erst die Beschäftigung mit einem größeren Zusammenhang mache sichtbar, was ein fotografisches Werk tatsächlich auszeichne.

Sammeln bedeutet Beziehung

Eine besondere Bedeutung misst Ullens der Beziehung zwischen Sammler und Künstler bei. Diese werde im Laufe der Jahre persönlicher und intensiver. Künstler zweifelten immer wieder an der Richtung und Qualität ihrer Arbeit. Der Sammler habe deshalb eine Verantwortung, die über Kauf und Bewahrung hinausgehe: Er könne Künstler unterstützen, ihnen Rückhalt geben und dazu beitragen, ihre Arbeit und ihre Botschaft einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dieser Gedanke prägt auch die Arbeit der von Ullens gegründeten Fondation A. Nach ihrer Afghanistan-Reise sei ihr klar geworden, dass eine fotografische Sammlung ein besonders geeignetes Instrument sein könne, um jüngere und mit Kunst weniger vertraute Menschen zu erreichen.

Fotografie besitzt für Ullens dabei eine besondere Vermittlungskraft. Sie sei grundsätzlich zugänglich, brauche bei komplexeren dokumentarischen Arbeiten jedoch häufig Erklärung und Kontext. Entscheidend sei, Menschen einen Einstieg zu ermöglichen. Wer neugierig sei, könne über Fotografie einen neuen Zugang zur Welt gewinnen. Im besten Fall verlasse ein Besucher eine Ausstellung mit einer veränderten oder erweiterten Perspektive.

Ullens formuliert den Anspruch ihrer Bildungsarbeit bewusst zurückhaltend: Es gehe nicht darum, die Welt unmittelbar verändern zu wollen. Es gehe darum, etwas zu säen.

Foundation A
Foundation A

Unabhängigkeit vom Markt

Auch ihr Verständnis vom Sammeln ist von dieser Haltung geprägt. Eine Sammlung, so Ullens, entwickle sich aus dem Blick des Sammlers und nicht aus den Erwartungen des Publikums. Gerade in einer Zeit, in der Fotografie in immer neuen Formen und Kontexten auftrete, sei es entscheidend, der eigenen Linie treu zu bleiben.

Diese Unabhängigkeit zeigt sich auch in ihren ästhetischen Vorlieben. Ullens beschreibt ihre besondere Affinität zu kleinen, qualitativ herausragenden Formaten. Solche Arbeiten zwängen den Betrachter dazu, näher heranzutreten und sich intensiv mit dem einzelnen Bild auseinanderzusetzen – im Gegensatz zu Ausstellungen, die sich bereits beim ersten Blick durch einen ganzen Raum erfassen lassen.

Ein weiblicher Blick auf das Sammeln

Dass sie sich in einer lange männlich dominierten Sammlerwelt bewegte, hat Ullens ebenfalls geprägt. Zu Beginn der 2000er Jahre sei Sammeln in diesem Bereich noch weitgehend ein männliches Privileg gewesen. Sie habe sich deshalb bewusst zurückhaltend und ohne Suche nach öffentlicher Anerkennung ihren eigenen Platz geschaffen.

Heute blickt sie auf eine Phase der Fotografie zurück, die sie selbst als besonders prägend empfindet. Angesichts der gegenwärtigen Bilderproduktion stelle sie sich zunehmend Fragen nach der Integrität fotografischer Bilder. Umso dankbarer sei sie dafür, ihre Sammlung in einer Zeit aufgebaut zu haben, in der sie sich weitgehend unabhängig von äußeren Zwängen und kurzlebigen Strömungen entwickeln konnte.

Ohne Titel. NN

Förderung als Verpflichtung

Für die Zukunft stehen für Astrid Ullens de Schooten zwei Aufgaben im Mittelpunkt: die Unterstützung von Künstlern und die Öffnung der Fotografie für Bildungsarbeit. Besonders wichtig sei ihr ein persönlicheres und uneigennützigeres Engagement für junge Fotografen, deren Zukunft häufig unsicher sei und deren Leidenschaft Unterstützung brauche.

Damit formuliert Ullens zugleich ein Verständnis von Sammeln, das weit über Besitz und Bewahrung hinausgeht. Eine Sammlung gewinnt in ihrer Vorstellung ihren eigentlichen Wert dort, wo sie Beziehungen schafft: zwischen Künstlern und Betrachtern, zwischen Erfahrung und Erkenntnis und zwischen einer fotografischen Arbeit und einer Öffentlichkeit, die möglicherweise erstmals mit ihr in Berührung kommt.

Astrid Ullens de Schooten wird 2026 gemeinsam mit Howard Greenberg mit dem erstmals vergebenen Gruber Award der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ausgezeichnet. Der Preis würdigt nachhaltiges kulturelles Engagement und besondere Verdienste um die Fotografie.

Das vollständige Interview mit Astrid Ullens de Schooten lesen Sie hier:

https://www.profifoto.de/szene/notizen/2026/10/13/die-aufgabe-ist-zu-saeen-nicht-die-welt-zu-veraendern/

Weitere Informationen zur Fondation A und zur Sammlung: fondationastichting.com

Transparenzhinweis: Das Gespräch führte ProfiFoto-Herausgeber Thomas Gerwers. Er ist zugleich Vorsitzender der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht, die den GRUBER AWARD anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens ins Leben gerufen hat.