
Interview und Text: Ute Noll
Sophie-Charlotte Opitz, geboren 1987 in Aachen, ist seit 2026 Professorin für Medienwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. Sie studierte Philosophie und Kunstpädagogik und promovierte über Entstehungszusammenhänge von Kriegs- und Konfliktfotografie. Als Krupp-Stipendiatin arbeitete sie u.a. am Fotomuseum Winterthur und am Victoria & Albert Museum in London, leitete u.a. danach die The Walther Collection und war zuletzt Kuratorin am Bucerius Kunst Forum Hamburg. In Forschung, Lehre und kuratorischer Praxis verbindet sie Fotografie mit Fragen visueller Erinnerungskulturen und internationaler Bildpolitiken. Während eines Thomas-Mann-Fellowships in Los Angeles erforschte sie visuelle Strategien globaler Protestkulturen. Neben ihrer Professur arbeitet sie weiter als Kuratorin.
Wie würden Sie Ihre Arbeit heute beschreiben, und was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Fotografie hat mich immer fasziniert, da sie oft mehr über uns selbst, unsere Wahrnehmungsmuster, Erinnerungskulturen und gesellschaftlichen Diskurse aussagt als über das rein Abgebildete. Ich begreife Fotografie als kulturelle Praxis, als Denkform und als Potenzial für gesellschaftliche Diskussionen. So sehr Fotografie Gefahr läuft, instrumentalisiert zu werden, so sehr eröffnet sie Räume für kritische Reflexion, Perspektivvielfalt und offene Dialoge. Technologischer Wandel ist dabei eines der zentralen Wesensmerkmale der Fotografie. Gerade deshalb bleiben Bildkompetenz, kritische Medienbildung und die Reflexion von Autor*innenschaft und Verantwortung zentrale Aufgaben.
Wie entwickelt sich ein Vorhaben von der ersten Idee bis zur Umsetzung, und was bedeutet Ihnen der Weg dorthin?
Am Anfang steht meist ein Moment der Irritation oder ein Aha-Effekt, aus dem sich weitere Fragen ergeben, die zunächst unbeantwortet bleiben. Daraus entwickelt sich ein Prozess des Recherchierens, des Verwerfens und des Neuformulierens. Das gilt gleichermaßen für meine Lehre, Forschung und kuratorische Arbeit. Der Weg selbst ist ein zentraler Bestandteil der Erkenntnisgewinnung. Auf diesem Weg begegne ich Menschen, die ihr Wissen mit mir teilen, ereignen sich Zufälle, die neue Richtungen eröffnen, und entstehen Entdeckungen, die meine eigene Sichtweise erweitern.
Woran erkennen Sie fotografische Qualität im Blick auf die Arbeiten anderer?
Fotografische Qualität zeigt sich für mich weniger in technischer Perfektion als in der Fähigkeit, bei Betrachtenden etwas anzustoßen. Schon immer waren für mich Fragen nach Kontext, Haltung und Verantwortung zentral. Natürlich kann ein formalästhetisch überzeugendes Bild dies leisten, ebenso aber jene Bilder, die leiser sind und zunächst vielleicht übersehen werden. Gerade Bilder, die Zeit benötigen und darauf warten, wirklich und wahrhaftig betrachtet zu werden, können diese besondere Qualität des „Etwas-Bewegens“ in sich tragen.
Was ist der Kern Ihrer kuratorischen Haltung und der als Professorin?
Meine Rollen geben mir die Macht, zu entscheiden, was sichtbar wird, und das ist eine große Verantwortung. Als Kuratorin geht es mir darum, Positionen zu zeigen, die es braucht, um Gemeinschaftsgefühl herzustellen und Gegenbilder zu vorherrschenden Erzählungen zu schaffen. Ich frage mich stets, was Resonanzen erzeugt und was die Betrachter:innen mitnehmen. An der Hochschule verantworte ich die Ausbildung der Gestalter:innen von Morgen mit. Genau deswegen gilt es mit ihnen unsere heutigen gesellschaftlichen (Bild-)Dynamiken kritisch zu reflektieren.
Woran erkennen Sie fotografische Qualität im Blick auf die Arbeiten anderer?
Fotografische Qualität zeigt sich für mich weniger in technischer Perfektion als in der Fähigkeit, bei Betrachtenden etwas anzustoßen. Schon immer waren für mich Fragen nach Kontext, Haltung und Verantwortung zentral. Natürlich kann ein formalästhetisch überzeugendes Bild dies leisten, ebenso aber jene Bilder, die leiser sind und zunächst vielleicht übersehen werden. Gerade Bilder, die Zeit benötigen und darauf warten, wirklich und wahrhaftig betrachtet zu werden, können diese besondere Qualität des „Etwas-Bewegens“ in sich tragen.
Was ist der Kern Ihrer kuratorischen Haltung und der als Professorin?
Meine Rollen geben mir die Macht, zu entscheiden, was sichtbar wird, und das ist eine große Verantwortung. Als Kuratorin geht es mir darum, Positionen zu zeigen, die es braucht, um Gemeinschaftsgefühl herzustellen und Gegenbilder zu vorherrschenden Erzählungen zu schaffen. Ich frage mich stets, was Resonanzen erzeugt und was die Betrachter:innen mitnehmen. An der Hochschule verantworte ich die Ausbildung der Gestalter:innen von Morgen mit. Genau deswegen gilt es mit ihnen unsere heutigen gesellschaftlichen (Bild-)Dynamiken kritisch zu reflektieren.
Feminismus spielt in Ihrer Arbeit eine Rolle. Was meinen Sie damit konkret?
Ich sehe nicht, dass wir bereits an einem Punkt der Gleichberechtigung angekommen sind. Aber ich sehe auch, dass wir in einer Zeit angekommen sind, in der Feminismus Sisterhood statt Einzelkämpferinnentum bedeutet. Es geht darum, patriarchalen Strukturen etwas entgegenzusetzen, mit Qualitäten wie Caring, Koalition und gegenseitiger Unterstützung, nicht mit Konkurrenz. Ich lebe das mit meinen Kolleginnen weltweit.
Was hinterfragen Sie an Ihrem eigenen Blick?
Welche Bilder, welche Perspektiven und welche Stimmen übersehe ich? Warum ist das so, und wie kann ich etwas daran ändern? Fotografie ist für mich immer auch eine Praxis der Selbstbefragung und kritischen Selbstreflexion. Ich bin ebenso Teil unserer visuellen Kultur wie jede*r andere. Die Antwort auf diese Fragen kann niemals abschließend sein. Sie verlangt, die eigenen Blickregime, Gewissheiten und Positionierungen immer wieder neu zu hinterfragen.


