Monde Exposé - Pierre © Frank Schumacher
Monde Exposé - Pierre © Frank Schumacher

Interview und Text: Ute Noll

Am Lette Verein Berlin, einer der traditionsreichsten Fotoschulen Deutschlands, die seit 1890 ausbildet, leitet Frank Schumacher seit 2008 den Fachbereich Fotografie. 2017 erneuerte er dort auf eigene Initiative gemeinsam mit dem Kollegium und der Schulleitung die Ausbildung grundlegend. Zudem entwickelte er für die Zeit Akademie das Online-Seminar Angewandte Fotografie. Zuvor war er als Nachfolger von Lewis Baltz an der Hochschule für Gestaltung Offenbach zunächst Gastprofessor, danach Inhaber einer befristeten Stiftungsprofessur. Der 1965 in Köln geborene Fotograf studierte Fotografie bei Gottfried Jäger an der Fachhochschule Bielefeld und arbeitete als Volontär bei Ute Eskildsen am Museum Folkwang. Als Fotokünstler wurden seine Arbeiten unter anderem im Fotomuseum Winterthur, im NRW-Forum Düsseldorf und am Institute of Contemporary Art Boston gezeigt. Heute gehört Schumacher dem geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) an.

Touch 2026 © Frank Schumacher
Touch 2026 © Frank Schumacher

2017 beantworteten Sie die Frage, ob Fotografie überhaupt noch ausgebildet werden muss, mit einem klaren Ja. Stellt sie sich angesichts der KI heute neu?
Ja, und ich beantworte sie weiterhin mit einem klaren Ja. Allerdings hat sich die Begründung verändert. KI hat die Produktion von Fotografie und fotografisch anmutenden Bildern grundlegend verändert. Berufsfelder und Geschäftsmodelle wandeln sich, viele Fotograf*innen müssen sich neu orientieren. Gleichzeitig gewinnt Fotografie dort an Bedeutung, wo es um tatsächliche Begegnungen und Ereignisse geht, etwa im Essay, in der Bildreportage, im Porträt oder in künstlerisch-konzeptionellen Arbeiten.

Welche Qualifikationen gewinnen dadurch an Bedeutung?
Eine eigenständige Haltung und konzeptionelles Denken, soziale und kommunikative Fähigkeiten, Kenntnisse unterschiedlicher fotografischer und generativer Produktionstechniken sowie ein fundiertes Wissen über Fotografiegeschichte und visuelle Kultur. Vor allem aber die Fähigkeit, Bilder kritisch zu hinterfragen: Wie ist dieses Bild entstanden? Wer hat es gemacht? Was zeigt es und was behauptet es zu zeigen?

Touch 08_2026 © Frank Schumacher
Touch 08_2026 © Frank Schumacher

Wie vermittelt sich dieses Wissen heute in der Ausbildung?
Bereits 2017 haben wir die Ausbildung stärker individualisiert und ein Modulsystem mit kleineren Gruppen und persönlicherem Mentoring eingeführt. Viele der heute wichtigen Kenntnisse kann man sich online und mithilfe von KI aneignen. Ich erlebe jedoch täglich, wie wichtig der persönliche Austausch im Seminarraum, in den Studios und Laboren ist. Gemeinsames Sehen, Diskutieren und kritisches Widersprechen lassen sich nicht einfach durch eine KI ersetzen. Fotografie muss heute wegen der KI ausgebildet werden, nicht trotz ihr.

Monde Exposé Cactus 2025 © Frank Schumacher
Monde Exposé Cactus 2025 © Frank Schumacher

Noch im Studium katalogisierten Sie die Sammlung der Deutschen Gesellschaft für Photographie am Museum Folkwang, darunter Werke von August Sander. Was haben Sie aus dieser Erfahrung mitgenommen?
Für mich war als Volontär bei Ute Eskildsen vor allem die direkte Arbeit mit fotografischen Originalen prägend. Ich habe Fotografien nicht nur als Reproduktionen kennengelernt, sondern als materielle Objekte. Ich habe Originale gesichtet, verglichen und gelernt, ihren Zustand und ihre Entstehung genau zu beschreiben. Das hat mein Verständnis von Fotografie nachhaltig erweitert. Ein Bild ist eben nicht nur das, was darauf zu sehen ist. Auch seine Materialität, seine Verwendungssituation und der Kontext, in dem es gesammelt und ausgestellt wird, verändern seine Bedeutung. Diese unmittelbare Begegnung mit Originalen hat meinen Blick auf das Medium dauerhaft geprägt.

Touch 11_2026 © Frank Schumacher
Touch 11_2026 © Frank Schumacher

Die Ausstellung Drängende Gegenwart beim EMOP Berlin 2023, die Sie mitorganisiert haben, zeigte den Blick der jüngsten Generation auf Krieg, Klimakrise und Rechtsruck. Was unterscheidet diesen Blick von dem älterer Generationen, auch von Ihrem eigenen?
Eine eigene Haltung zur Welt war für mich immer zentral, und genau diese Haltung erwarte ich auch von meinen Studierenden. Der Unterschied liegt eher darin, wie sie heute entwickelt und formuliert wird. Die jüngere Generation wächst mit einer permanenten Verfügbarkeit von Bildern und unterschiedlichen Medien auf. Fotografie wird deshalb selbstverständlich als veränderbares Material verstanden, das sich mit anderen medialen Formen verbinden lässt. Die Grenzen zwischen Dokumentation, Inszenierung, Recherche und persönlicher Erfahrung sind durchlässiger geworden. Die Welt wird nicht nur beobachtet und abgebildet. Man ist selbst Teil dieser Gegenwart und reflektiert die eigene Position darin.

Touch 10_2026 © Frank Schumacher
Touch 10_2026 © Frank Schumacher

Sie unterrichten seit Jahrzehnten und arbeiten gleichzeitig an Ihrer eigenen künstlerischen Praxis. Wie prägen Ihre Studienerfahrungen und die Arbeit mit Ihren Studierenden Ihr Verständnis von Fotografie heute?
Für mich war die selbstorganisierte fotografische Praxis während des Studiums wichtig. Gemeinsam mit Kommiliton*innen organisierten wir Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen. Dadurch habe ich Fotografie früh nicht nur als individuelle Arbeit, sondern auch als etwas Gemeinschaftliches, Diskursives und Öffentliches erlebt. Diese Erfahrung prägt bis heute mein Verständnis von Lehre, die für mich weit mehr ist als reine Wissensvermittlung. Fotografie ist für mich nie nur das einzelne Bild, sondern immer auch Material, Geschichte, Kontext und kulturelle Praxis. In der Arbeit mit meinen Studierenden begegne ich ständig anderen Blicken auf die Welt und anderen Fragen, die mit Fotografie bearbeitet werden. Das fordert mich immer wieder heraus, meine eigene fotografische Position zu hinterfragen. Gleichzeitig lassen sich die eigene Arbeit und das Unterrichten gar nicht so klar voneinander trennen. Was mich beschäftigt, fließt in meine Arbeit ein und umgekehrt.

Porträt Frank Schumacher © Sabine Schründer
Porträt Frank Schumacher © Sabine Schründer

Welche gesellschaftliche Relevanz hat Fotografie für Sie?
Ich frage mich, was Fotografie in der Gesellschaft bewirken kann und wie wir das stärker ermöglichen. Wie schaffen wir es, dass sie aus ihrer eigenen kulturellen Blase herauskommt? Ich glaube, dass wir Fotografie stärker als gesellschaftliche Praxis verstehen müssen, die Perspektiven sichtbar macht, Austausch anstößt und Fragen aufwirft. Und vielleicht bleibt am Ende die wichtigste Frage: Was kann ein Bild in der Welt auslösen?

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