MAN TO MAN, London 2026 © Ruediger Glatz
MAN TO MAN, London 2026 © Ruediger Glatz

Interview: Ute Noll

Ruediger Glatz, geboren 1975 in Heidelberg, arbeitet als Künstler und Fotograf mit Schwerpunkt auf dem konzeptionellen Porträt, sein Werk verbindet dokumentarische Fotografie mit Video, Sound und Installation und wird international ausgestellt, unter anderem in Rom und Florenz. Unter dem Namen Ruedione war er zunächst Graffiti-Writer und wurde unter diesem Namen auch als Fotograf in der Szene bekannt. 1996 war er Mitgründer einer Vertriebsfirma für Sprühfarben, aus der die Marke MONTANA CANS hervorging und die er bis 2011 leitete. 2000 fand er zur Fotografie, ab 2007 machte er sie zu seinem Lebensmittelpunkt, mit mehreren Buchpublikationen, zuletzt KAMENICA: A Portrait of Chemnitz (2025) bei Kehrer. 2025 gründete er den Verlag BALD BOOKS, bei dem 2026 sein Buch ON STYLEWRITING erschien. Seit 2012 begleitet er Tilda Swinton fotografisch bei ihrer performativen Zusammenarbeit mit dem Modehistoriker und Kurator Olivier Saillard, von Impossible Wardrobes (Rizzoli, 2015) über Sur-Exposition (2016, mit Charlotte Rampling) bis A Biographical Wardrobe (2025). Er lebt in Hamburg, leitet die Agentur BALDHAUS, ist Mitgründer des Kunstmarkt-Start-ups COLLEKTON und seit September 2025 Vorsitzender der DGPh.

 

Sie bezeichnen Ihre Fotografie als dokumentarisch-konzeptionell. Was unterscheidet für Sie das Konzeptionelle an Ihrer Arbeit von einer dokumentarischen Fotografie, die ohne vorab festgelegte Idee oder Methode entsteht?

Ich nenne meine Arbeiten konzeptionelle Porträts. Dokumentarisch ja, und meist arbeite ich auch nach diesen Regeln. Aber wenn es nötig ist, verlasse ich den Rahmen, der im journalistischen Kontext erwartet wird. Ich gehe mit Mehrfach- und Langzeitbelichtungen in die Abstraktion. Im Zentrum steht nicht das Motiv, sondern eine Idee oder ein Gefühl. Ich bin lange vor Ort, und die Kamera ist von Anfang an dabei. Deshalb Porträt, auch wo kein Gesicht im Bild ist: Auch das Bild eines Ortes kann Teil eines Porträts sein.

REFLECTING PASOLINI, Rom 2022 photo: MP3studio
REFLECTING PASOLINI, Rom 2022 photo: MP3studio

Sie kommen aus der Graffiti-Szene, haben dort auch mit Sprühdosen gehandelt und später die Marke Montana Cans mitbegründet. Was ist von dieser Zeit in Ihre Arbeit als Fotograf übergegangen, was haben Sie bewusst aufgegeben, und was hat sich radikal verändert?

Übergegangen ist fast alles, was mit Haltung zu tun hat. Ohne Auftrag und eigenständig zu arbeiten. Aufgegeben habe ich eine funktionierende Position, nach dem Verkauf 2003 war ich rein angestellter Geschäftsführer bei MONTANA CANS, der Handlungsspielraum war ein anderer. Ein bewusstes Risiko war es insofern, als ich wusste, was ich verlasse, aber dem Sog bin ich gefolgt, so verstehe ich das Leben grundsätzlich. 2007 habe ich die Fotografie zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht, 2011 wurde sie zum Beruf. Radikal verändert hat sich die Sichtbarkeit: Als Writer war mein Name sichtbar und ich meist unsichtbar, heute stehe ich mit meinem Namen für die Arbeit ein, und sie muss ohne den Mythos der Anonymität bestehen.

THE NEW BLACK , Paris 2015 © Ruediger Glatz
THE NEW BLACK , Paris 2015 © Ruediger Glatz

Mehrere Ihrer Serien laufen seit über fünfzehn Jahren. Was hält ein Projekt für Sie so lange offen, und woran erkennen Sie, dass eines abgeschlossen ist?

Offen bleibt ein Projekt, solange sich das Thema selbst noch bewegt, und meine Sicht darauf verändert sich mit. Es kommt auch vor, dass aus einer Serie Freundschaften und Routinen entstehen, bei denen die Fotografie zur Nebensache wird. THE NEW BLACK ist dafür ein Beispiel: Seit fünfzehn Jahren fahre ich mindestens zweimal im Jahr zur Fashion Week nach Paris. Daraus wird ein Porträt der Welt der Mode, das ich in meinem Verlag Bald Books publizieren werde. KAMENICA, mein Porträt von Chemnitz, ist dagegen ein gutes Beispiel für ein Abschließen: Der Anlass war die Kulturhauptstadt, die Form war das Buch, damit war die Serie an einem gewissen Punkt abgeschlossen.

RUGGED&RAW, Frankfurt 2023 © Ruediger Glatz
RUGGED&RAW, Frankfurt 2023 © Ruediger Glatz

Sie sprechen von einem mystischen Moment in Ihrer Arbeit. Das Mystische entzieht sich dem Fassbaren, die Fotografie beansprucht traditionell Nähe zur Wirklichkeit. Wie gehen Sie damit um?

Für mich stellt sich keine Mystik ein, ich gehe mit ihr um. Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Fragen, auf die letztlich weniger die Wissenschaft als die Religionen Antworten haben. Glaube und Vertrauen sind für mich hohe Güter, mit denen ich mich konstant auseinandersetze — und damit genau mit dem Unbekannten. Einen Widerspruch sehe ich darin nicht: Die Fotografie zeigt etwas, das es gab, und hat gleichzeitig die Möglichkeit, Unsichtbares anzudeuten oder Gefühltes zu visualisieren.

MAN TO MAN, London 2026 © Ruediger Glatz
MAN TO MAN, London 2026 © Ruediger Glatz

Bei den Performances von Tilda Swinton und Saillard existiert die Idee bereits, bevor Sie fotografieren. Was bedeutet das für Sie, und sind die Aufnahmen für Sie konzeptionelle Porträts?

Der wesentliche Unterschied ist, dass hier bereits die Idee eines Werks von anderen existiert, bevor ich anfange. In diesem Fall trifft der Begriff Hommage es besser als konzeptionelles Porträt: Meine Bilder sind Porträts, ihre Hauptintention aber die kollaborative Übersetzung der Performances. Damit wird mein Werk auch ein Teil ihres Werkes, und umgekehrt. Dasselbe passiert auch gerade in diesem Moment in London. Ich kollaboriere mit Tilda, Steven Unwin und dem Royal Court Theater, um deren Inszenierung von Manfred Karges MAN TO MAN fotografisch zu interpretieren. Das Ergebnis wird schon die kommenden Wochen in den Vorverkauf gehen und das Stück wandert von London nach Edinburgh, Berlin und New York.

Für Ihre Installation Addicted2Click spielt Musik eine wichtige Rolle. Was leistet Klang in Ihrer Arbeit, das Bild allein nicht leisten kann?

Addicted2Click ist zunächst eine Online-Installation unter addicted2click.com. Anlässlich des Relaunches 2021 habe ich daraus eine physische Installation in der Barlach Halle K entwickelt und präsentiert, für die ich Musik von Nils Frahm für ein vermittelndes Video nutzen konnte, dieselbe, die ich beim Erarbeiten der Installation auch für mich selbst gehört habe. Musik ist für mich ein Werkzeug wie die Kamera: Ich versetze mich mit ihr in Gefühlszustände, bis hin zu einem Hyperfokus, den ich mir beim Schaffen der Bilder zunutze mache.

© Ruediger Glatz, ME MYSELF AND I, Hamburg 2021 © Ruediger Glatz
© Ruediger Glatz, ME MYSELF AND I, Hamburg 2021 © Ruediger Glatz

Sie leiten Collekton gemeinsam mit dem Galeristen Julian Sander und sind Vorsitzender der DGPh. Was an Collekton ist für Sie visionär, und was setzen Sie im Alltag für die Fotografie aufs Spiel?

COLLEKTON ist im Kern ein Infrastrukturprojekt: eine digitale Schnittfläche zur Vernetzung der internationalen Kunstwelt. Julian verantwortet die Technik, ich die Vermittlung und Kundenakquise. Visionär ist daran vor allem, dass wir von Anfang an groß denken: ein Projekt anzugehen, das bei Gelingen über unsere Lebenszeit hinausgeht. Speziell das Engagement bei der DGPh ist ein sehr großes Zeitinvestment, und natürlich nehme ich mir diese Zeit von Familie und Beruf weg. Was dem Ganzen zusätzlich zum Opfer fällt, ist der Schlaf. Hoffentlich nur für einen kurzen Lebensabschnitt. Ich glaube ohnehin nicht, dass die Trennung so scharf ist: Die DGPh, COLLEKTON, BALD BOOKS, das sind alles Formen, mit Fotografie umzugehen.

 

Das Interview wurde im August 2026 geführt

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