
Künstler entwickeln, Beziehungen stärken: Daniel Schierke im DGPh-Online-Talk
Wie finden Galerien neue künstlerische Positionen? Welche Rolle spielen persönliche Begegnungen, Kunstmessen und Unternehmenssammlungen? Im Online-Talk der DGPh-Sektion Kunst, Markt und Recht am 13. Oktober 2026 gab der Frankfurter Galerist Daniel Schierke Einblicke in seine Arbeit. Im Gespräch mit Silke Güldner ging es um langfristige Künstlerentwicklung, die Stellung der Fotografie im Kunstmarkt und die Vermittlung digitaler Bildwelten.
Galeriearbeit beginnt für Daniel Schierke lange vor dem Verkauf eines Kunstwerks. Im Zentrum steht die Entwicklung eigenständiger künstlerischer Positionen und einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Für das Programm der Galerie Schierke Seinecke sucht er insbesondere an Kunsthochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach jungen Talenten.
Dieser Ansatz hat sich aus dem früheren Galerieprojekt Rundgänger entwickelt, das zunächst eine offene Plattform für die Präsentation junger Künstler bot. Heute setzt Schierke Seinecke auf eine längerfristige Aufnahme ins Programm. Künstler, Galerie und Sammler sollen eine kontinuierliche Beziehung aufbauen können, die über einzelne Ausstellungen hinausreicht.
Fotografie als gleichberechtigtes Medium
Etwa ein Viertel des Galerieprogramms entfällt nach Schierkes Angaben auf fotografische Positionen. Viele der vertretenen Künstler arbeiten medienübergreifend und nutzen Fotografie in Verbindung mit anderen gestalterischen Verfahren.
Für Schierke ist Fotografie selbstverständlich Teil der zeitgenössischen Kunst. Bei der Auswahl interessiert ihn vor allem, ob eine Arbeit eine eigenständige, überzeugende Haltung erkennen lässt. Eine ansprechende Bildwirkung allein genügt dafür nicht. Entscheidend sind die inhaltliche Auseinandersetzung, die Reflexion des eigenen Mediums und die Fähigkeit, neue Perspektiven zu eröffnen.
Der Ausbildung an einer Kunsthochschule misst er dabei einen hohen Stellenwert bei: Sie ermöglicht intensive Arbeit, Kritik und die Entwicklung einer Position im Austausch mit anderen. Ebenso wichtig bleiben persönliche Atelierbesuche. Sie geben Einblick in Arbeitsprozesse und schaffen eine Grundlage für die Einschätzung, ob eine langfristige Zusammenarbeit tragen kann.
Zwischen fotografischem Bild und digitaler Transformation
Anhand einzelner Positionen erläuterte Schierke die Bandbreite seines Programms. Andrea Grützner arbeitet mit Licht und Farbfiltern, um Räume fotografisch in Bilder zu verwandeln, deren Erscheinung zwischen Architektur und Abstraktion liegt.
Ralf Brück verbindet fotografische Ausgangsmotive mit digitalen Eingriffen und einer markanten Farbgestaltung. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen erkennbaren räumlichen Strukturen und deren visueller Transformation.
Christian Holze greift auf vorhandenes Bildmaterial zurück und bearbeitet es mit digitalen Verfahren. Seine Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Motiven eröffnet zugleich Fragen nach Autorschaft, Aneignung und dem Status von Bildern im digitalen Zeitalter.
Diese Beispiele verdeutlichten eine zentrale Aufgabe der Galerie: Künstlerische Verfahren und Zusammenhänge müssen vermittelt werden, damit sich die Betrachtung über den ersten ästhetischen Eindruck hinaus entwickeln kann.
Lokale Netzwerke und die Rolle der Messen
Einen Schwerpunkt des Gesprächs bildete die Arbeit am Standort Frankfurt. Schierke sieht dort erhebliches Potenzial, zugleich aber die Herausforderung, kunstinteressierte Menschen tatsächlich für Galeriebesuche zu gewinnen. Veranstaltungen, persönliche Ansprache und Kontakte zu Unternehmen schaffen Gelegenheiten, Kunst kennenzulernen und mit ihren Urhebern ins Gespräch zu kommen.
Schierke beobachtet eine stärkere Hinwendung zu lokalen Beziehungen und Sammlern. Persönliche Begegnungen gewinnen aus seiner Sicht angesichts einer zunehmenden digitalen Präsenz an Bedeutung.
Kunstmessen bleiben dennoch wichtige Orte für Sichtbarkeit, Kontakte und die Entwicklung des Galeriegeschäfts. Ihr Nutzen lässt sich nicht allein am unmittelbaren Verkaufsergebnis messen. Gleichzeitig erfordern die hohen Kosten eine sorgfältige Auswahl: Zu viele Messebeteiligungen können die wirtschaftliche Stabilität einer Galerie belasten.
Private Sammler und Unternehmenssammlungen
Nach Schierkes Angaben gehen rund 85 Prozent der Verkäufe seiner Galerie an private Käufer. Ihre Entscheidungen entstehen häufig aus persönlichem Interesse und einer wachsenden Verbindung zu den Künstlern und deren Arbeiten.
Unternehmenssammlungen folgen stärker strategischen und kuratorischen Überlegungen. Sie können Kunstförderung mit Unternehmenskultur verbinden und Werke durch Ausstellungen oder Führungen öffentlich zugänglich machen. Schierke sieht diesen Bereich allerdings im Wandel: Wirtschaftliche Unsicherheit führt zu vorsichtigeren Ankäufen, veränderten Budgets und teilweise auch zu Verkäufen aus bestehenden Beständen.
Künstlerische Freiheit und wirtschaftliche Professionalität
Für Künstler gehört ein Verständnis wirtschaftlicher Abläufe zur beruflichen Praxis. Schierke verwies darauf, dass entsprechende Kenntnisse während der Ausbildung häufig zu kurz kommen. Professionelles Handeln bedeutet für ihn jedoch nicht, die eigene Arbeit ausschließlich an ihrer Verkäuflichkeit auszurichten. Künstlerische Entwicklung braucht Zeit und kann sich auch über institutionelle Anerkennung und inhaltliche Fortschritte entfalten.
Auch bei KI und digitalen Verfahren plädierte er für eine differenzierte Betrachtung. Die eingesetzte Technik allein erklärt weder die Qualität noch den Wert einer Arbeit. Umso wichtiger wird die Vermittlung der Entscheidungen und Prozesse, aus denen ein Werk entsteht.
Das Gespräch machte deutlich, wie eng künstlerische Entwicklung, wirtschaftliche Verantwortung und persönliche Beziehungen in der Galeriearbeit miteinander verbunden sind. Die Aufzeichnung des Online-Talks ist über die DGPh-Website (Mediathek) zugänglich.