Rainer Schlautmann: Heike Mutter und Ulrich Genth, Tiger & Turtle: Magic Mountain, Duisburg 2011
Rainer Schlautmann: Heike Mutter und Ulrich Genth, Tiger & Turtle: Magic Mountain, Duisburg 2011

Text und Interview: Ute Noll 

Rainer Schlautmann arbeitet seit mehr als dreißig Jahren als freiberuflicher Fotograf, unter anderem für das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch und die Ruhrtriennale. Der 1971 in Oberhausen geborene Fotograf begleitet mit seiner Kamera den Wandel der postindustriellen Landschaft durch Kunst und Kultur. Für eine Einzelausstellung zur Kunst im öffentlichen Raum Oberhausens dokumentierte er rund 100 Werke aus etwa 100 Jahren. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Fotografiegeschichte des Ruhrgebiets, zu der er 2021 und 2025 Gastvorlesungen an der Universität Perugia hielt. Zahlreiche der von ihm dokumentierten temporären Arbeiten bestehen heute nur noch in Fotografien fort. Für die Manifesta 16 Ruhr dokumentierte er beispielsweise Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler in entwidmeten Kirchen des Ruhrgebiets. Als Kurator verantwortete er die Fotoausstellungen zur Grünen Hauptstadt Europas Essen 2017 sowie die Ausstellung Stoffwechsel: Die Ruhrchemie in der Fotografie (2018/19). Er studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte in Essen und Edinburgh. Seine Magisterarbeit galt dem Fotografen Heinrich Hauser. Er ist Mitglied des Vorstands der DGPh.

Rainer Schlautmann: Pan.Optikum, Il Corso, Bochum 2003
Rainer Schlautmann: Pan.Optikum, Il Corso, Bochum 2003

Bei der Manifesta 16 Ruhr haben Sie unter anderem Mona Hatoums Installation „Electrified“ dokumentiert. Was verändert sich in Ihrer Arbeit, wenn nicht die eigene künstlerische Vision im Mittelpunkt steht, sondern die fotografische Vermittlung der Arbeiten anderer?
Die Zusammenarbeit mit Mona Hatoum ergab sich 2026 im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr. Sie arbeitet äußerst präzise und hatte klare Vorstellungen davon, wie ihre Arbeit fotografisch repräsentiert werden sollte. Da sie am Aufnahmetag nicht selbst in Essen sein konnte, war sie über eine Assistentin live zugeschaltet. Dieses eher ungewöhnliche Setting ermöglichte trotz der scwierigen Lichtverhältnisse in der ehemaligen Kirche St. Gertrud einen produktiven Austausch. Dabei ging es um absolute Detailfragen, etwa darum, wie ein Kabel durch das Bild verläuft oder dass der Befestigungspunkt der Installation an der Kirchendecke in der Totale sichtbar sein sollte. Fotografisch hätte ich vermutlich nichts grundlegend anders gemacht. Ich habe jedoch daran gearbeitet, den Energiefluss der Arbeit sichtbar zu machen und zugleich ihren potenziell gefährlichen Charakter als stromführende Installation mitzudenken.

Rainer Schlautmann: Otto Piene, Geleucht, Moers 2007
Rainer Schlautmann: Otto Piene, Geleucht, Moers 2007

Sie fotografieren Installationen, Lichtkunst und Tanz, also Werke und Ereignisse, die oft nur für kurze Zeit existieren. Was bedeutet es für Sie, etwas festzuhalten, das von vornherein vergänglich ist?
Bei der Transformation eines Kunstwerks in das Medium Fotografie sehe ich meine Aufgabe in der Verdichtung des Wahrgenommenen. Im besten Fall gelingt es, einen ganzen Theaterabend, eine Tanzperformance oder eine temporäre Installation in einem einzigen Bild zu kondensieren. Die Fotografie bewahrt dabei nicht das Werk selbst, sondern einen bestimmten Moment der Begegnung mit ihm.

Worauf kommt es an, wenn Sie ein Kunstwerk fotografieren?
Es geht um einen Balanceakt zwischen dokumentarischem Anspruch und persönlicher Sichtweise. Aus Rückmeldungen zu meinen Fotos kenne ich ein verbreitetes Missverständnis: den Eindruck, durch die Fotografien dem Kunstwerk selbst zu begegnen. Tatsächlich entstehen die Bilder in möglichst genauer Kenntnis der künstlerischen Herangehensweise, der Materialeigenschaften, der Entstehungskontexte, der Werkzusammenhänge sowie der Raum- und Ortsbezüge. Wenn Künstlerinnen und Künstler ihr Werk darin angemessen repräsentiert sehen, entstehen daraus häufig langjährige Arbeitsbeziehungen, etwa mit Otto Piene, Danuta Karsten oder Raumlabor Berlin. 

Rainer Schlautmann: Raumlabor Berlin, Küchenmonument, Duisburg 2006
Rainer Schlautmann: Raumlabor Berlin, Küchenmonument, Duisburg 2006

Von einer Installation oder Bühnenarbeit bleibt nach ihrem Ende oft nur die fotografische Dokumentation. Wie gehen Sie mit dem Gedanken um, dass eine Fotografie dann nicht nur ein Werk zeigt, sondern selbst zum Träger der Erinnerung wird?
Durch Distributionsprozesse, auf die ich kaum Einfluss habe, entwickeln manche meiner Fotografien ein Eigenleben. So wurde meine Fotografie des Küchenmonuments von Raumlabor Berlin, aufgenommen 2006 im Rahmen der Duisburger Akzente, zu meinem weltweit am häufigsten veröffentlichten und ausgestellten Motiv. Sie weist offenbar weit über den Moment ihrer Entstehung hinaus.

Für Raumlabor Berlin haben Sie auch dokumentiert, wie Orte ihre Bestimmung radikal verändern, etwa wenn die U-Bahn-Station Eichbaum zur Oper wird. Was fasziniert Sie an solchen temporären Transformationen?
Es ist das Denken in Möglichkeitsräumen. Normalerweise ist die U-Bahn-Station Eichbaum in Mülheim an der Ruhr ein trister, transitorischer Un-Ort aus den späten 1970er Jahren: Beton brut. Dem Kollektiv Raumlabor Berlin ist es gelungen, diesen Raum mit der Aufführung der Eichbaumoper temporär in einen Ort der höchsten Kulturleistung zu verwandeln.

Porträt Rainer Schlautmann © Bettina Steinacker
Porträt Rainer Schlautmann © Bettina Steinacker

In Ihrer Magisterarbeit Ansichten vom Ruhrgebiet haben Sie sich mit der fotografischen Darstellung des Ruhrgebiets beschäftigt. Wie hat es Ihren eigenen Blick geprägt, zunächst zu analysieren, wie andere auf das Ruhrgebiet schauen?
Mein eigener Arbeitsschwerpunkt im Bereich Kunst und Kultur hat sich in der postindustriellen Ruhrgebietslandschaft herausgebildet. Später habe ich mich in meiner Magisterarbeit mit Heinrich Hausers Bildband Schwarzes Revier auseinandergesetzt. Hauser war der Erste, der das Ruhrgebiet als schwerindustriellen Ballungsraum fotografisch in den Blick nahm. Ihn interessierte die vom Menschen radikal technisch überformte Landschaft ohne Vorbild. Die mehrfache Transformation dieser Landschaft prägt meinen fotografischen Blick bis heute.

Kategorie