
Text und Interview: Ute Noll
Markus Schaden gründete 2014 gemeinsam mit Frederic Lezmi das Photo Book Museum in Köln, das beide bis heute mit großem Engagement leiten. Über ein eigenes Gebäude verfügt das Museum bislang nicht, und sein Archiv ist auf verschiedene Standorte verteilt. Dennoch realisiert es seit seiner Gründung regelmäßig Ausstellungen in der Körnerstraße und an zahlreichen weiteren Orten. Die ehemalige Buchhandlung Schaden, der benachbarte Bunker mit seinem Garten und die Körnerstraße selbst sind eng mit dem Museum verwoben und prägen seinen Charakter als Ort der Ausstellung, Begegnung und des Austauschs. Ein Schwerpunkt der Museumsarbeit ist die Gruber Library, deren Erschließung das Museum seit 2021 vorantreibt. Sie umfasst rund 5000 Bücher aus der Sammlung von Renate Gruber und L. Fritz Gruber. 2025 konzipierte Schaden gemeinsam mit seinem Bruder Christoph Schaden und Lezmi in Kooperation mit dem Neuen Museum Nürnberg die vielbeachtete Ausstellung Grand Hotel Parr eine Retrospektive zu Martin Parr. Außerdem richtet das Museum den internationalen Fotobuchpreis Dummy Award aus. Der 1965 in Köln geborene Buchhändler eröffnete 1998 eine auf Fotobücher spezialisierte Buchhandlung, die er bis 2012 führte, und gründete 1995 gemeinsam mit seinem Bruder einen Verlag. Darüber hinaus wirkt er in zahlreichen Jurys mit und gibt weltweit Workshops zu Fotobüchern und Editing.
Sie haben das Photo Book Museum gegründet. Welche Lücke schließt es?
In Museen befinden sich vor allem Sammlungen, Archive, Negative und Abzüge. Das Fotobuch spielt dort häufig nur eine untergeordnete Rolle. Wir wollten das neu definieren: das Buch als Träger visueller Inhalte und als gleichberechtigtes Medium neben dem Einzelabzug. Diesen Ansatz haben wir drei Jahre lang im Programm Welt im Umbruch der Montag Stiftung erprobt, das sich dem Fotobuch in Kunst und Gesellschaft widmete. Der Ansatz hat sich bewährt. So wollten wir eine Lücke in der musealen Sichtbarkeit der Fotografie schließen.
Mit welchem Konzept haben Sie angefangen zu sammeln?
Früher ging es zunächst darum, den Kanon des Fotobuchs überhaupt zu erfassen. Wer wusste schon, welche Bücher in Chile, Köln, den Niederlanden oder Japan publiziert wurden? Die Standardwerke zur Historiografie des Fotobuchs waren damals eine wichtige Orientierung für Sammler. Heute sammeln wir aus einer anderen Perspektive: nicht thematisch, sondern ausgehend von den Sammlern selbst. Wer hat welche Bücher aus welcher Motivation zusammengetragen, und welche Rolle spielte diese Person beim Aufbau ihrer Sammlung? Das finden wir heute wesentlich spannender.
Wie entscheiden Sie, welche Sammlungen für das Museum relevant sind?
In den meisten Fällen werden uns Bestände angeboten. Der Ankauf der Sammlung von Renate und Fritz Gruber war für uns besonders spannend, weil wir sie als Ganzes betrachtet haben. Fritz Gruber hat die DGPh gegründet und die deutsche Fotografiegeschichte wie nur wenige andere geprägt. Wir haben die ursprüngliche Ordnung der Sammlung beibehalten, sodass sie einen einzigartigen Einblick in sein Leben und Wirken bietet. Dabei machen wir immer wieder überraschende Entdeckungen. Dasselbe gilt für unseren jüngsten Ankauf: die vollständigen Fotobuchpublikationen von Duane Michals aus der Sammlung seines früheren Assistenten Tim Soter. Die entscheidende Frage lautet für uns nicht: Wie baue ich ein möglichst umfassendes Nachschlagewerk auf? Sondern: Wie präsentiere ich eine Sammlung so, dass sie zum Entdecken einlädt? Genau diese Entdeckungen machen ihren besonderen Reiz aus.
Wie kam es zu Ihrem großen Engagement für das Fotobuch?
1999 saßen Martin Parr und ich beim Abendessen zusammen, fünf Jahre bevor er 2004 erstmals die künstlerische Leitung der Rencontres d’Arles übernahm. Wir kamen zu dem Schluss: Wir müssen die Fotobuchkultur fördern. Martin sagte: „Ich fange an zu sammeln.“ Andere Buchhändler sagten: „Wir machen mehr Messestände.“ Das hat enorme Dynamik freigesetzt. Bis dahin lag das Medium im Dornröschenschlaf.
Eine Jury sichtet beim Dummy Award an einem Tag mehr als dreihundert Bücher. Wie stellen Sie sicher, dass sie den Einreichungen gerecht wird?
Garantieren kann man nie, dass nichts übersehen wird. Deshalb setzen wir auf unterschiedliche Erfahrungen, kulturelle Hintergründe und Blickwinkel innerhalb der Jury. Manchmal liegt ein unscheinbares Dummy auf dem Tisch, eher kostengünstig produziert und vielleicht aus Bangladesch. Solchen Arbeiten muss besondere Aufmerksamkeit gelten. Wir hatten bereits Einreichungen in Form von Holzbausätzen, bei denen man das gesamte Buch zunächst zusammensetzen musste. Solche Projekte werden leicht übersehen. Noch schwerer haben es standardisierte, klassisch aufbereitete Formate.
Was lernt man über Fotobücher durch persönliche Begegnungen, das sich nicht aus den Büchern selbst erschließt?
Eine meiner schönsten Erfahrungen war unser langjähriges Workshop-Programm am Goethe-Institut in Jakarta. Dort haben wir nicht nur Workshops organisiert, sondern zugleich beim Aufbau einer lokalen Fotobuchszene mitgewirkt. Eine andere prägende Erfahrung machte ich in Santiago de Chile im Zusammenhang mit dem Buchprojekt Operación Silencio. Das Projekt griff eine DDR-Publikation über den Putsch gegen Salvador Allende neu auf. Im Rahmen der Ausstellung begegneten wir Menschen, deren Geschichten in diesem Buch dokumentiert waren. Durch diese Begegnungen wurden die Geschichten neu lesbar. Vor Ort haben wir das Buch auseinandergenommen und entlang einer mehr als einen Kilometer langen Straßenwand präsentiert. Mit einem Fotobuch geht man anders um als mit wertvollen Abzügen unter musealen Bedingungen. Das Buch ist robuster und lässt sich im öffentlichen Raum anders einsetzen. Am Ende des Parcours befand sich ein kleiner Streetfood-Stand, dessen Betreiber wir in die Ausstellung integrierten. Der Stand und sein Betreiber wurden schnell zum Treffpunkt der Ausstellung. Mit ihm sind wir bis heute freundschaftlich verbunden.
Was ist Ihr persönliches Resümee?
Meine Erwartungen an das Fotobuch wurden weit übertroffen. Es hat sich weit besser entwickelt, als ich mir je vorgestellt hatte. Ich wünsche mir, dass künftig noch mehr Institutionen das Fotobuch in ihre Arbeit integrieren und seine kulturelle Bedeutung entsprechend würdigen.




