Regina Schmeken, Exponat aus „Die neue Mitte“, Fotografien 1989 – 2000, John Major und Helmut Kohl bei der Verabschiedung der Alliierte Streitkräfte im Hof des Schlosses Charlottenburg, Berlin 1994, 60x90 cm
Regina Schmeken, Exponat aus „Die neue Mitte“, Fotografien 1989 – 2000, John Major und Helmut Kohl bei der Verabschiedung der Alliierte Streitkräfte im Hof des Schlosses Charlottenburg, Berlin 1994, 60x90 cm

Text und Interview: Ute Noll

Regina Schmeken, geboren 1955 in Westfalen, hat die politische und künstlerische Fotografie in Deutschland auf unverwechselbare Weise geprägt. Schon für ihre Abiturprüfung im Schwerpunktfach Visuelle Kommunikation hat sie die Wirkung von Zeichnung und Fotografie verglichen. Ihren spezifischen Stil entwickelte sie in vielen Jahren freier Arbeit unter anderem in Paris, Venedig und New York. Ihre Arbeitsweise ist seriell, ihr Medium die Schwarz-Weiß-Fotografie als ästhetisches Konzept. Durch Ausstellungen in München wurde die Süddeutsche Zeitung auf Regina Schmeken aufmerksam und engagierte sie 1986 als Fotografin. Neben der Veröffentlichung in der Tagespresse wurden ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt und sind in wichtigen Sammlungen vertreten, darunter im Museum of Modern Art in New York. Zuletzt erhielt ihr Ausstellungsprojekt zu den Tatorten des NSU besondere Aufmerksamkeit. Für ihr Werk wurde Regina Schmeken vielfach ausgezeichnet, unter anderem bereits zu Beginn ihrer Laufbahn 1978 mit dem Prix de la Critique der Rencontres Internationales de la Photographie d'Arles sowie 1996 mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie.

Regina Schmeken, Serie Gesichter, New York 1981, 50 x 60 cm
Regina Schmeken, Serie Gesichter, New York 1981, 50 x 60 cm

Sie haben die Kamera früh als hochentwickelten Bleistift bezeichnet – ein sehr konkretes Bild. Was meinen Sie damit?
Alle Medien, von der Höhlenmalerei bis zur Fotografie, sind Werkzeuge, mit deren Hilfe wir unser Dasein und unsere Umgebung reflektieren. Es geht immer um die Wahrnehmung der Welt, wie wir sie sehen. Als Vertreterin einer subjektiven Fotografie interessiert mich nicht in erster Linie die Dokumentation oder die Wiedergabe von Wirklichkeit, sondern ihre Verdichtung und Interpretation. Fotografie bedeutet Schreiben mit Licht, und so habe ich mir den Fotoapparat als technisch hochentwickelten Bleistift definiert. 

Hat die Kamera Ihren Blick geformt, oder haben Sie einen bereits vorhandenen Blick durch sie sichtbar gemacht?
Es ist eine Wechselwirkung. Ich habe über zehn Jahre lang, bis ich Anfang 30 war, meine eigenen Ideen umgesetzt und nicht angewandt fotografiert. Dadurch konnte ich meinen Blick schulen und sozusagen erfinden, ihn durch viel Arbeit und Training weiterentwickeln. Dieser eigene und signifikante Stil bei der Aufnahme und Bearbeitung der Bilder ist erworben und bleibt. 

Regina Schmeken, Exponat der Serie Fechten, Rio de Janeiro, 2016, 160 x 110cm
Regina Schmeken, Exponat der Serie Fechten, Rio de Janeiro, 2016, 160 x 110cm

Was unterscheidet Ihr Bild vom bloßen Abbild?
Es hat mit meiner eigenen Perspektive zu tun, die ich mir erarbeitet habe. Die Verdichtung von Situationen und das Auf-den-Punkt-Bringen in einem Bild ist für mich der poetische Moment. Die Wirklichkeit macht mir einen Vorschlag, den ich durch meinen Blick, das Licht und die Auswahl transformiere. Ich mache keine Kopie der Wirklichkeit, ich verwandle sie.

Wollen Sie mit Ihren Bildern etwas beim Betrachter auslösen?
Ich schreibe keine Aussage vor. Das Bild soll sich im Kopf des Betrachters fortsetzen und ihm mehrere Ebenen der Wahrnehmung anbieten. Kurz gesagt, es geht mir um Inspiration. 

Regina Schmeken, Serie Schlachthof, München 1983, Größe: 70 x 90 cm
Regina Schmeken, Serie Schlachthof, München 1983, Größe: 70 x 90 cm

Sie arbeiten konsequent in Schwarz‑Weiß, warum, und wo berühren sich Schwarz und Weiß?
Ich arbeite mit Licht. Schwarz-Weiß-Fotografie ist keine Schwarz-Weiß-Malerei. Sie ist keine Vereinfachung, sondern ein Mittel zur Abstraktion: eine Übersetzung in klare Zeichen mit eigener Tonalität und Ausstrahlung. Daraus entsteht Komplexität. Mein Motto heißt: Schwarz ist Weiß. Es geht mir um die Gleichwertigkeit dieser beiden Extreme. Und dazwischen gibt es viele Nuancen, Graustufen, Farben. Ein autistisches Kind hat mir gesagt, dass meine Bilder so schön bunt seien, ich fühlte mich bestätigt und verstanden. 

Lassen sich Poesie und Politik in einem Bild vereinbaren?
Als Betrachter ist man nicht gewohnt, in einer politischen Situation einen poetischen Moment zu erleben. Bei meiner journalistischen Arbeit zeige ich Politiker als Menschen, sozusagen auf Augenhöhe, ohne sie zu idealisieren. Das war, als ich bei der Süddeutschen Zeitung anfing, neu. Zunächst erschienen diese „anderen“, manchmal humorvollen politischen Bilder im Feuilleton der SZ. Heute ist es normal, den unkonventionellen Moment zu zeigen, damals war das überraschend.

Regina Schmeken, Exponat aus „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“, Liegnitzer Straße, Nürnberg 2015
Regina Schmeken, Exponat aus „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“, Liegnitzer Straße, Nürnberg 2015

Die Tatorte des NSU, warum wollten Sie zu diesem Thema ein Projekt machen?
Als ich an den Tatorten stand, war ich fassungslos und auch wütend. Wie konnten diese ungeheuerlichen Verbrechen in Deutschland geschehen? Ich wollte dem Horror etwas entgegensetzen und wusste nicht, ob mir das gelingen kann. Jeweils zweimal zwischen 2013 und 2016 fotografierte ich in den betroffenen deutschen Städten. Es sind Bilder von Orten, denen man heute nicht mehr ansieht, dass dort Menschen ermordet und verletzt wurden. Die Ausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ erinnert nicht nur an die brutalen Taten rechter Gewalt, sondern vor allem auch an die Mitmenschen, die ihr Leben verloren haben oder schwer verletzt wurden.

Porträt Regina Schmeken © Simone Neumann
Porträt Regina Schmeken © Simone Neumann

Wann wissen Sie: Das ist das Bild?
Manchmal sofort, manchmal erst später. Aber es gibt Momente, da weiß ich es sicher, wenn ich auf den Auslöser drücke. Bei der Verabschiedung der Alliierten 1994 in Berlin stand Helmut Kohl hinter John Major, der Bauch von Kohl schob sich vor Majors Silhouette. Man sah von meiner Position aus nur den Bauch, denn John Majors Gestalt verdeckte fast ganz die des deutschen Kanzlers. Die Kollegen neben mir riefen wütend: Man kann Kohl nicht sehen. Das war allerdings der Witz an dieser Perspektive. Ich habe sofort gewusst: Das ist ein besonderes Bild.

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