Porträt Simone Klein © Laurence Mary
Porträt Simone Klein © Laurence Mary

Interview und Text: Ute Noll

Simone Klein arbeitet als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige, Kunstberaterin und Kuratorin für Fotografie und präsentiert seit 2021 zudem in ihrem eigenen Showroom klassische und zeitgenössische Positionen der Fotografie, darunter Loredana Nemes, Cosima Hawemann und Dora Maar. Zuvor war sie in der Kölner Galerie Kicken tätig, einer der international renommiertesten Galerien für Fotografie. Ihre Expertise gründet auf jahrzehntelanger Erfahrung im internationalen Kunstmarkt. Sie leitete die Fotoabteilungen des Kölner Auktionshauses Lempertz sowie von Sotheby's Europa, wo sie unter anderem an Auktionen beteiligt war, die Weltrekordpreise für Fotografien von August Sander, Manuel Alvarez Bravo und Josef Sudek erzielten. Später verantwortete sie bei Magnum Photos in Paris den internationalen Printverkauf. Sie studierte an der Sorbonne in Paris, wo sie ihre Abschlussarbeit über den Pionier der Salzpapierfotografie Victor Regnault verfasste.

Simone Klein bei der Arbeit © Alwin Maigler
Simone Klein bei der Arbeit © Alwin Maigler

Sie sagen, ein fotografisches Original müsse mit einem in Dialog treten. Was genau geschieht bei dieser Untersuchung, und was verrät Ihnen ein Original, das eine Reproduktion niemals zeigen könnte?
Wir reden hier von klassischer Fotografie und der Fotografie des 19. Jahrhunderts. Das Wichtigste bei einer Bewertung ist für mich die Begutachtung des Originals. Eine Fotografie ist ein Objekt, etwas Haptisches, das gesammelt wird. Man sammelt schließlich nicht das Bild, sondern das Objekt. Das Objekt spricht zu einem, einmal durch das Motiv, dann durch die Informationen auf der Rückseite, durch Beschriftungen, Signaturen und Stempel. Man geht mit einer Lupe, einem Fadenzähler und einem Streiflicht heran und untersucht die Papierstruktur, fast wie ein Hautarzt, der eine Hautoberfläche nach Merkmalen absucht. So erkennt man Retuschen, Knick- und Quetschfalten oder Aussilberungen, die auf älteres, silberhaltiges Papier hinweisen. Unter UV-Licht zeigt sich zudem die Fluoreszenz des Papiers, eine wichtige Datierungshilfe.

Simone Klein bei der Arbeit © Alwin Maigler
Simone Klein bei der Arbeit © Alwin Maigler

Ihre Begeisterung für Fotografie begann nicht im Museum, sondern in einem Seminarraum. Was genau hat damals den Ausschlag gegeben?
Der eigentliche Startschuss war ein Seminar zur Geschichte der Fotografie während meines Studiums in Bonn, das anhand von Originalen aus einer Museumssammlung stattfand. Das war für mich prägend: die Materialität, die Haptik, die Geschichte der Erfindung der Fotografie und ihre Einordnung in die Kunstgeschichte. Später, während meines Studiums an der Sorbonne, kam ein Praktikum in der Fotoabteilung des Musée d'Orsay hinzu. Damals interessierte sich kaum jemand für das Fach, deshalb wurde mir dort sehr viel Vertrauen entgegengebracht.

Simone Klein bei der Arbeit © Alwin Maigler
Simone Klein bei der Arbeit © Alwin Maigler

Sie haben miterlebt, wie sich Fotografien nach einer Auktion als Fälschung herausstellten. Was hat ein solcher Fall für Ihren Umgang mit Zweifeln verändert?
Sobald ich selbst Zweifel hatte, mussten diese ausgeräumt werden, bevor etwas in eine Auktion aufgenommen wurde. Ein Kollege hat einmal einen sehr tragischen Fall erlebt: vermeintlich frühe farbige Salzpapierfotografien aus dem 19. Jahrhundert, mit einer ausführlichen Entstehungsgeschichte, an denen fast der gesamte Markt mitgeboten hat. Erst nach der Auktion stellte eine chemische Untersuchung fest, dass es sich um neu angefertigte Fälschungen handelte. Die Auktion musste komplett rückabgewickelt werden. Ein anderes Beispiel ist die sogenannte Helene Anderson Collection, die 1997 bei Sotheby's in London versteigert wurde, mit unglaublichen Vintage-Prints des europäischen Modernismus der 1920er Jahre. Das war meine allererste Auslandsreise, noch während meiner Zeit bei Lempertz. Es gab schon vor der Auktion Zweifel an der Provenienz, aber es war zu kurzfristig, um die Auktion noch abzusagen. Erst danach wurde sie als nicht korrekt erwiesen, es folgten jahrelange juristische Nachwirkungen. Bei solchen spektakulären Momenten dabei zu sein, bedeutet, ein Stück Geschichte des Fotoauktionswesens mitzuerleben. Ich lernte schon zu Beginn meiner Karriere, wie vorsichtig und gewissenhaft man arbeiten muss, um Fälschungen auszuschließen.

s/w: Silver Print von Ursel Jäger von 1965 ausgestellt im Showroom Simone Klein
s/w: Silver Print von Ursel Jäger von 1965 ausgestellt im Showroom Simone Klein

Was macht eine Auktion für Sie bis heute so reizvoll, und wo zeigt sich dabei am deutlichsten, dass Taxieren auch eine Kunst ist?
Ich liebte in meiner aktiven Zeit im Auktionshaus das Telefonbieten. Man vertritt am Telefon eine Person, die anonym bleiben möchte, kommuniziert mit dem Auktionator, überblickt den Saal, bleibt hochkonzentriert und will sich für sie durchsetzen. Eine Auktion ist ein Theaterstück, und der Auktionator kann fast über Leben und Tod entscheiden, allerdings nur, wenn überhaupt Interesse vorhanden ist, was sich schon vorher, beim Taxieren, entscheidet. Taxiert man ein Objekt zu hoch, schreckt das Bieterinnen und Bieter ab, taxiert man zu niedrig, wird man nicht ernst genommen. Selbst die beste Kalkulation schützt zudem nicht vor Enttäuschungen: Ich hatte mal ein Top-Los, für das ich einen großen Katalogtext geschrieben und viel recherchiert hatte, aber es gab kaum Interesse, unter anderem, weil kurz zuvor in einer anderen Auktion bereits ein ähnliches Objekt verkauft worden war und die Nachfrage erschöpft war.

Im Ausstellungsraum, sw: Ausstellungsansicht im Showroom von Simone Klein mit der Künstlerin Loredana Nemes, Graubaum und Himmelmeer
Im Ausstellungsraum, sw: Ausstellungsansicht im Showroom von Simone Klein mit der Künstlerin Loredana Nemes, Graubaum und Himmelmeer

Sie sprechen davon, dass es Ihnen ein Anliegen ist, Ihr umfassendes Wissen weiterzugeben. Wie weit sind Ihre Überlegungen dazu heute schon gediehen?
Ich vermittle Sammlerinnen und Sammlern seit einiger Zeit die Dos and Don'ts, also was man bei Auktionen und Galeriekäufen wissen sollte. In meinem Showroom wird es dazu demnächst weitere Veranstaltungen geben. Das andere Angebot richtet sich an die Fachleute der Branche. Das sind zwei unterschiedliche Zielgruppen, an die ich mein Wissen gerne weitergebe und die ich durch meine jahrzehntelange Expertise weiterbringen möchte.

Ein Grund dafür ist auch der Wandel in der Branche. Sotheby's, Christie's und mittlerweile auch Phillips haben ihre eigenständigen europäischen Fotografie-Abteilungen geschlossen. Früher hatten wir bei Sotheby's in Paris durchgängig Praktikantinnen und Praktikanten in der Abteilung, denen Wissen und persönliche Herangehensweisen vermittelt wurden. Das fehlt heute.

Wenn Sie sich selbst eine Sammlung aufbauen würden, wonach würden Sie suchen?
Mein persönliches Ideal ist ein möglichst offen gefasstes Thema, zum Beispiel Wasser oder Tiere, das sich durch die gesamte Geschichte der Fotografie hindurch verfolgen lässt. Und dabei würde ich auch nicht die Nase rümpfen über NFTs oder KI-generierte Promptografie, das kann man nach intensiver Auseinandersetzung durchaus in eine Sammlung integrieren.

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