
Text und Interview: Ute Noll
Karen Fromm, 1968 in Hamburg geboren, studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften sowie Kultur- und Medienmanagement und promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema „Das Bild als Zeuge. Inszenierungen des Dokumentarischen in der künstlerischen Fotografie seit 1980“. Nach Stationen bei der Galerie Pfefferberg in Berlin, dem Verlagshaus Gruner + Jahr und der Photo- und Presseagentur Focus lehrt sie seit 2011 als Professorin an der Hochschule Hannover im Studiengang Visual Journalism and Documentary Photography. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Foto- und Bildtheorie, fotografische Bildsprachen und das Dokumentarische. Sie ist Gründerin der Forschungs- und Diskursplattform Image Matters, Leiterin der Internationalen Klasse des Studiengangs und seit 2022 Studiendekanin der Abteilung Design und Medien. 2020 erschien die von ihr mitherausgegebene Publikation image/con/text. Dokumentarische Praktiken zwischen Journalismus, Kunst und Aktivismus.
Ihre Arbeit verbindet Fototheorie, Lehre und Forschung. Was ist der rote Faden Ihrer Arbeit?
Meine Arbeit bewegt sich seit jeher an Schnittstellen: zwischen Theorie und Praxis, zwischen Journalismus, Kunst und Dokumentation, zwischen Forschung und Vermittlung. Es geht mir darum, fotografische Bildpraxis und Bild- und Fototheorie in einen permanenten Dialog zu bringen. Fotografie begreife ich weniger als Aufzeichnungsmedium denn als Medium der Interpretation: Bilder bilden nicht einfach ab, Bedeutung wird im Bild und in der Rezeption hergestellt. Und Fotografie ist auch ein Medium der Macht. Mich interessiert deshalb nicht: Wie mache ich ein Foto? Sondern: Was bewirkt Fotografie, gesellschaftlich, kulturell und politisch, und in wessen Interesse?
Was kennzeichnet für Sie das Verhältnis von Fotografie, Macht und Herrschaft?
Seit ihren Ursprüngen wurde Fotografie als Herrschaftsinstrument eingesetzt, man denke nur an die Kriminalistik und Anthropometrie des 19. Jahrhunderts oder an die koloniale Fotografie, die das Medium unter dem Anspruch von Objektivität zur Vermessung, Klassifizierung und sozialen Kontrolle nutzte. Diese disziplinäre Seite ist keine historische Fußnote, sie schreibt sich fort, bis in die algorithmischen Bildinfrastrukturen der Gegenwart. Fotografien sind in Bildpolitiken eingebunden, die an der Eingrenzung des Feldes der Sichtbarkeit arbeiten. Sie sind Schauplatz von Macht.
Sie unterrichten und kuratieren. Woran erkennen Sie fotografische Qualität?
Nicht am einzelnen, vermeintlich starken Bild. Ein Bild allein bedeutet nichts. Qualität zeigt sich für mich darin, ob eine Arbeit ihre eigene Perspektivität mitdenkt. Ob sie versteht, dass jeder Rahmen eingrenzt und ausschließt und dass das Unsichtbare immer Teil des Sichtbaren bleibt. Brecht hat das früh auf den Punkt gebracht: Ein Werk ist umso realistischer, je erkennbarer in ihm die Realität gemeistert wird, nicht je leichter sie wiederzuerkennen ist. Ich suche nach Arbeiten, die zeigen, indem sie zeigen, dass sie zeigen. Fotografische Qualität ist letztlich eine Frage der Haltung, nicht der Auflösung.
Welche Theoretiker:innen oder Fotograf:innen waren für Ihr Denken wichtig?
Bedeutung behalten haben für mich Positionen, die der Fotografie misstrauen, ohne sie aufzugeben. Allen voran Allan Sekula und Martha Rosler. Sekulas Einsicht, dass fotografische Bedeutung relativ unbestimmt ist, dass dasselbe Bild unter verschiedenen Präsentationsbedingungen ganz Verschiedenes vermitteln kann, hat für mich nichts von ihrer Aktualität verloren. Ihr Beharren darauf, dass sich das Dokumentarische nicht allein über das Visuelle herstellt, sondern im Zusammenspiel von Bild, Text und Kontext, wirkt heute wie eine Vorwegnahme aktueller Diskussionen. Diese kritische, aber nicht resignative Haltung trägt bis heute. Auf der anderen Seite faszinieren mich zeitgenössische Positionen wie die von Andrea Grützner, die diese Befragung nicht diskursiv, sondern im Bild selbst leisten: Ihre Arbeiten bleiben konkreten Orten verpflichtet und machen zugleich die Konstruktion des fotografischen Sehens erfahrbar. So unterschiedlich diese Positionen sind, sie alle ebnen die Spaltung zwischen Präsenz und Repräsentation nicht ein, sondern betonen sie.
Sie haben die Fotografie des 19. Jahrhunderts als Kontrollmedium beschrieben. Was ist aus dieser Funktion im Zeitalter digitaler Bildinfrastrukturen geworden?
Mit der Fotografie als Massengut, ubiquitären digitalen Bildinfrastrukturen und KI-gestützten Werkzeugen werden Repräsentation, Dokumentation und fotografische Zeugenschaft massiv infrage gestellt. Von der Rede vom Tod der Fotografie halte ich trotzdem wenig. Die eigentliche Zäsur des Digitalen liegt nicht in der technischen Herstellung von Bildern, sondern in den Praktiken der Vernetzung und Verteilung: Algorithmen, Plattformen und Metadaten regulieren, was sichtbar wird und was nicht. Es zählt nicht mehr allein, ob das einzelne Bild wahr ist, sondern wie Glaubwürdigkeit in vernetzten Strukturen hergestellt wird. Zeugenschaft wird zu einer verteilten, konnektiven Zeugenschaft der Vielen. Zugleich verankern Metadaten, Georeferenzierung und Bildforensik Bilder neu im Realen, dieselben Techniken dienen aber auch der Überwachung und Kontrolle. Fotografie war nie ein stabiles Medium, von der Kriminalfotografie des 19. Jahrhunderts bis zu den KI-generierten Bildern der Gegenwart. Solange wir fragen, was Fotografie wird, statt zu behaupten, was sie ist, bleibt sie ein Medium der Interpretation und damit lebendig.
Warum halten Sie an einem Medium fest, dessen Wahrheitsversprechen Sie seit Jahrzehnten dekonstruieren?
Gerade deshalb. Gerade weil Bilder in Machtverhältnisse verstrickt sind, weil sie Sichtbarkeiten eingrenzen und Unsichtbarkeiten produzieren, dürfen wir sie nicht denen überlassen, die sie unkritisch einsetzen. Mein Misstrauen gegenüber der Fotografie war nie eine Absage an sie. Ganz im Gegenteil: Skepsis ist die intensivste Form der Zuwendung.


