Auszeichnung: Dr. Erich Salomon-PreisJahr: 1995Ausgezeichnet wurde: Gilles Peress

Laudatio für Gilles Peress gesprochen von Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung, Museum Folkwang

Dear Gilles, dear Jacqueline and Nicola - sehr geehrte Damen und Herren!

Entgegen einiger im Vorfeld dieser Preisverleihung erschienener Berichte waren es nicht allein die Ruanda Bilder, die den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Photographie bewogen haben, den diesjährigen Dr. Erich-Salomon-Preis an den französischen Fotografen Gilles Peress zu vergeben. Gewürdigt wird hingegen mit diesem Preis die Kontinuität und Qualität eines erarbeiteten fotografischen Werkes, das in der Tradition der Reportagefotografie steht. Die Namensgebung dieses Preises erinnert uns leider nicht nur an die außergewöhnlichen Leistungen des Pioniers der deutschen Reportagefotografie, Erich Salomon, sondern an die barbarische Zeit deutscher Geschichte, an die der Nationalsozialisten, die den Juden Erich Salomon ermordeten.

Herr Dr. Friderichs hat bereits auf die Tradition der Preisvergabe hingewiesen, Verbindungen zu vorangegangenen Preisträgern gezogen und deren humanistisches Anliegen herausgestellt.

Gilles Peress ist ein international vielfach ausgezeichneter Fotograf. Unter anderem erhielt er 1984 den W. Eugene Smith Award for Humanistic Photography und 1992 ein Guggenheim Fellowship. Seine umfangreiche Ausstellungsliste enthält auch zahlreiche europäische Stationen, bis heute jedoch leider keine in Deutschland. Seine Fotografien erschienen in allen großen westlichen Illustrierten. Aber seit Mitte der 70er Jahre hat die Auftragsfotografie für ihn vornehmlich die Funktion der Finanzierung eigener Projekte.

Gilles Peress ist ein Reportagefotograf. Dieser Begriff bezieht sich auf eine fotografische Arbeitsweise und ist im Hinblick auf die Entwicklung seiner Arbeit zutreffender als die Bezeichnung Bildjournalist. Er ist, wie viele seiner zeitgenössischen und historischen Kollegen, Autodidakt. Geboren wurde er 1946 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich und lebt heute zusammen mit Jacqueline Escolar und Sohn Nicola in New York.

Als einziges Kind einer amerikanischen Mutter - deren Familie aus Armenien und dem Kaukasus stammte und die über den Iran und die Türkei nach Frankreich kam sowie eines jüdischen Vaters, dessen Familie von Spanien über Portugal Rußland erreichte und dann über Rumänien nach Frankreich gelangte - wuchs er in Frankreich auf. Vor dem Hintergrund dieser Familienerfahrungen wird eine nationale Zugehörigkeit von Peress früh in Frage gestellt und unterstützte möglicherweise eine sich entwickelnde existentielle Unruhe, die er selbst als "being on the road" beschreibt. Er studierte von 1966 - 1968 am Institut d'Etudes Politiques in Paris und anschließend von 1968 - 1971 an der Université de Vincennes. Sein Studium der Politologie und Philosophie, u. a. auch bei Michel Foucault, war im Umfeld der 68er Studentenbewegung kein gradliniges, sondern eine Zeit des politischen Aktivismus und der Infragestellung akademischer Perspektiven. Befragt nach dieser Zeit, die den Beginn seiner fotografischen Arbeit markiert, antwortet der Fotograf in dem gerade erschienenen Interview im Zeit Magazin: "Ich suchte ein Werkzeug, um Realität zu verstehen, um herauszufinden, was ich über die Welt und die Dinge fühle. Dieses Medium war für mich die Photographie; eine Reaktion gegen die Sprache."

Hier erscheint es mir interessant, auf den Juristen Erich Salomon und seine Zeit zu verweisen. Denn auch Mitte der 20er Jahre während der Weimarer Republik entschieden sich junge Leute, die ein akademisches Studium begonnen oder sogar beendet hatten, für die visuelle Berichterstattung. Die damals steigende Arbeitslosigkeit und die gleichzeitig expandierende Bildpresse ökonomische Gründe, erklären aber nicht allein die Affinität zur fotografischen Darstellung, die auch auf die sogenannte 68er Generation zutrifft.

Gilles Peress fotografierte Ende der 60er Jahre, ausgerüstet mit der Kamera seines Vaters, erstmals bei einer politischen Demonstration. Zwei Jahre später, im Jahr 1970, entstand die erste Reportage über die Situation der Bergarbeiter in Dekasseville, in Südfrankreich. Dort hatte man erfolglos gestreikt und dieser Prozeß, die Verarbeitung der Niederlage, interessierte den politisierten Peress.

Er besaß die Courage, mit dieser ersten fotografischen Arbeit zur tonangebenden Fotoagentur Europas zu gehen - und er hatte Fortune. Die großen Meister der Reportage - explizit Henri Cartier-Bresson und Marc Ribaud - votierten für seine Mitarbeit bei MAGNUM. 1974 wurde er Vollmitglied dieser einflußreichen Agentur internationaler Fotografen.

Inzwischen, nachdem Peress zweimal als Präsident der Agentur amtierte, sieht er die Zukunft dieser Fotografen-Kooperative sehr gespalten. Die gebrochene Identifizierung mit der journalistischen Praxis formuliert Peress bereits 1983 in seinem Buch TELEX IRAN, einem Projekt über den Beginn der Revolution im Iran. Sie ist nicht nur festzumachen an der Wahl des Mediums Buch - es war seine erste Publikation außerhalb der Printmedien - sondern auch an den verwendeten Texten. Mit Telegramm-Zitaten aus seiner Korrespondenz mit der westlichen Medien-Welt während dieser Arbeit verweist Peress auf die eigene Situation, die eingebettet ist in einen wirtschaftlichen Zusammenhang und einen anderen Kulturkreis.

Das extrem große Format dieses Buches ist Ausdruck des Bildanspruchs des Fotografen. Nur in wenigen Fällen werden mehr als zwei Fotografien auf einer Buchseite kombiniert, und wenn, folgt diese nicht einer Erzählstruktur, sondern eher einer Vorstellung von gleichzeitiger, unterschiedlicher Wahrnehmung, die fotografisch nur über eine Addition von Einzelbildern konstruiert werden kann. Schon im "Telex Iran" Projekt werden zwei Aspekte der sich entwickelnden Arbeit von Gilles Peress deutlich: er wird sich weiterhin weder der dominierenden Farbfotografie noch einer informativ-abbildhaften Nachrichtenübermittlung zuwenden. Peress fotografiert in den aktuellen Bürgerkriegen nicht aus einer übergeordneten erklärenden Position, sondern definiert sich vorangig als visueller Autor einer für ihn notwendigen Erinnerungsarbeit. Dieses Erinnern sieht er nur in einer auf die subjektive Erfahrung bezogene Bildfindung gewährleistet.

In seinem 1994 erschienenen Buch "Farewell to Bosnia", das durch ein Stipendium von der Fondation de France unterstützt wurde, beschreibt der Fotograf diesen Anspruch als Verwirklichung eines "visuellen Kontinuums, einer Erfahrung, einer Befindlichkeit". Darin verzichtet er, wie erprobt in "Telex Iran", auf erklärende Texte zu den Fotografien. Peress vertraut auf den Betrachter, auf die Intensität der eigenen Bilder im Sinne der erlebten Realität. Seine Affinität zu den Krisensituationen, den Bürgerkriegen unserer Zeit erklärt und reflektiert er in kurzen Briefen am Ende des Buches. So z. B. an einen amerikanischen Kurator: "Ich glaube, ich habe eine merkwürdige Krankheit, die mit Zeit und Geschichte zu tun hat. ... Es mag eine sehr europäische Krankheit sein, die sehr zweischneidig ist: Man ist verdammt, sich zu erinnern - dazu verurteilt, Dinge noch einmal zu erleben, die Bilder seiner Vorfahren wiederzubeleben. Und man ist verdammt, wenn man sich all dem verschließt - dazu verurteilt, ihre Heuchelei zu wiederholen."

"Hasse Deinen Nächsten" - unter diesem Oberbegriff verfolgt Gilles Peress ein langfristig angelegtes Projekt, das bislang die nationalistischen und rassistischen Bewegungen in Irland, im Iran, in Bosnien und zuletzt in Ruanda umfaßt. Das Erstaunliche und letztlich schwer Nachvollziehbare der bisherigen Arbeit liegt für uns, die wir kaum die TV-Berichterstattung der Krisenherde ertragen, sondern einfach den Kanal wechseln, in der Beharrlichkeit, mit der Peress seine Arbeit fortsetzt. Gerade ist er aus Bosnien zurückgekehrt.

Sein zuletzt erschienenes Buchprojekt THE SILENCE, 1994 in Ruanda fotografiert, zeigen wir anläßlich dieser Preisvergabe hier im Museum Folkwang. Christiane Gehner wird im Anschluß vor den Bildern in die Ausstellung einführen.

Dem nächsten, bereits von seinem Verlag Scalo angekündigten Buch über den Bürgerkrieg in Irland sehe ich persönlich mit besonderem Interesse entgegen. Und dies aus zwei Gründen: Peress begann dort bereits vor über 20 Jahren zu arbeiten - ein fotografisches Langzeitprojekt, das einen Vergleich in der zeitgenössischen Reportagefotografie sucht. Darüber hinaus ist diese Arbeit anders als die vorangegangene, bezogen auf einen Kulturkreis, der seinem eigenen nicht allzu entfernt ist.

Letzterer Aspekt führt uns zurück zu den Anfängen seiner Arbeit: "Ich suchte ein Werkzeug, um die Realität zu verstehen". 

Schließen möchte ich meine Ausführungen mit dem Satz von Jean Luc Godard: "Das Aufnehmen eines Bildes und seine Projektion ist immer ein Akt der Freiheit". In diesem Sinn möchte ich die Arbeit von Gilles Peress unterschieden sehen von jenen Kriegsfotografen, deren appellativ-politische Position auf eine definitive Täter-Opfer Erkennbarkeit ausgerichtet ist. Seine Fotografien sind in ihrer of brutalen Deutlichkeit zugleich weniger eindeutig.

Gilles Peress hat die internationale, berichtende Fotografie noch vor dem Zeitpunkt ihrer durch die Digitalisierung problematischer werdenden Verwendung als eine eindeutig autorenbezogene Arbeit definiert. Er sieht heute nicht mehr die Zeitschriftenseite als Erzählfläche der Reportagefotografie, sondern das Buch und die Ausstellung als Chance für eine kompromißlose Präsentation seiner Arbeit gegen das Schweigen. Diese Perspektive wird unterstützt durch seinen Verleger Walter Keller.

Ute Eskildsen