
Ein Nachruf von Clara Maria Sels (DGPh)
Es ist mir eine große Ehre, von der Deutschen Gesellschaft für Photographie gebeten worden zu sein, einen Nachruf auf Duane Michals zu verfassen.
Mit Duane Michals verliert die Welt nicht nur einen der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, sondern einen Künstler, der die Fotografie als eigenständige Kunstform entscheidend geprägt hat. Er hat ihren Horizont erweitert, ihre Möglichkeiten neu definiert und Generationen von Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, dass Fotografie weit mehr sein kann als die Dokumentation eines Augenblicks. Sie kann Gedanken sichtbar machen, Erinnerungen erzählen, Träume ausdrücken und Fragen stellen, auf die es vielleicht niemals endgültige Antworten gibt. 2017 verleiht die DGPh Duane Michals den Kulturpreis, den er persönlich in Köln entgegennahm.
Am 9. Juni 2026 hat Duane Michals im Alter von 94 Jahren diese Welt verlassen.
Für mich persönlich bedeutet sein Tod den Abschied von einem Menschen, der mein Leben auf besondere Weise bereichert hat.
Unsere erste Begegnung liegt mittlerweile mehr als drei Jahrzehnte zurück. Damals plante ich für meine Galerie eine Ausstellung mit dem Titel Fragilité / Absurdité. Es war mein großer Wunsch, auch Werke von Duane zu zeigen. Seine Arbeiten verkörperten genau das, wonach ich suchte: Humor und Melancholie, Poesie und Philosophie, Leichtigkeit und existenzielle Tiefe – vereint in einer Bildsprache, die zugleich surreal und zutiefst menschlich war.
Mit großem Respekt vor seinem Werk – und zugegeben auch mit einer gehörigen Portion Nervosität–griff ich schließlich zum Telefon und rief ihn in New York an und erzählte ihm von meinem Vorhaben.
Seine Antwort kam ohne jedes Zögern. „Wann kommst du nach New York, Clara?“
Ich flog nach New York – und dies war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit, Freundschaft und tiefer Verbundenheit, die uns bis zu seinem Lebensende verbinden sollte und die mein Leben nachhaltig geprägt hat. Mein letzter Besuch bei ihm in New York war im März diesen Jahres und ich hätte nie gedacht, dass er bald später seine letzte Reise antreten würde. Er war wie immer…
Geboren 1932 in McKeesport, Pennsylvania, fand Duane Michals nicht auf direktem Weg zur Fotografie. Nach seinem Studium des Grafikdesigns an der Parsons School of Design in New York entdeckte er während einer Reise durch die damalige Sowjetunion im Jahr 1958 die Fotografie als sein eigentliches Ausdrucksmittel. Als Autodidakt entwickelte er vollkommen unabhängig von akademischen Konventionen eine Bildsprache, die bald einzigartig werden sollte.
Während die Fotografie seiner Zeit vor allem den „entscheidenden Augenblick“ suchte und das einzelne perfekte Bild feierte, interessierte sich Michals für etwas völlig anderes. Ihn beschäftigte nicht die sichtbare Wirklichkeit, sondern das Unsichtbare dahinter.
Diese Haltung wurde zum Fundament seines gesamten Werkes. Man könnte sie als eine Philosophie der Ungewissheit beschreiben. Duane war überzeugt, dass Kreativität und das persönliche Glück niemals aus Gewissheit entstehen, sondern aus Neugier, Zweifel und der Bereitschaft, das scheinbar Selbstverständliche immer wieder neu zu hinterfragen. Er sprach oft davon, wie wichtig es sei, zu „verlernen“, um wirklich Neues entstehen zu lassen. Für ihn begann Kunst dort, wo vorgefertigtes Wissen endet, und ich denke, dies galt auch für sein Leben.
Mit seinen legendären Bildsequenzen überwand Duane Michals die Grenzen der klassischen Einzelfotografie. Inspiriert von filmischem Erzählen, schuf er Bildreihen über Zeit, Vergänglichkeit, Identität und Tod und brach so völlig neue Wege des visuellen Erzählens auf.
Ab Mitte der 1970er-Jahre verband er Bild und Sprache, indem er handschriftliche, oft poetische oder philosophische Texte direkt auf seine Abzüge setzte. Diese erklärten das Foto nicht, sondern traten mit ihm in ein feinsinniges Wechselspiel.
Duane Michals hat die Fotografie nicht nur weiterentwickelt. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass sie heute selbstverständlich als eigenständige Kunstform verstanden wird, die ebenso philosophisch, poetisch und erzählerisch sein kann wie Literatur, Malerei oder Film.
Trotz seiner internationalen Bedeutung blieb Duane immer ein außergewöhnlich bescheidener Mensch. Er besaß einen feinen Humor und die Gabe Menschen ein gutes Gefühl zu geben, sie in ihrer Menschlichkeit anzunehmen. Seine Neugier und Experimentierfreudigkeit waren ihm bis in hohe Alter eigen. So schuf er in den letzten Jahren z.B. auch dreidimensionale Holzskulpturen baute einen Zauberwald in einen Raum seines Hauses und drehte mit großer Begeisterung Kurzvideos, die surrealistisch, skurril und voller humorvoller Leichtigkeit sind.
Gespräche mit ihm waren niemals oberflächlich. Sie konnten in wenigen Minuten von alltäglichen Beobachtungen zu den großen Fragen des Lebens führen – und endeten fast immer mit einem Lachen.
In seinen frühen Arbeiten sind jedoch auch die tiefen Krisen und dunkle Tage seines Lebens zu spüren. Als ich ihn einmal fragte, wie es ihm gelinge, dennoch immer so fröhlich zu sein, sagte er mir: „ Clara, begib dich in die Welle des Lebens.“ Dieser Satz hat mich verändert und ich bin ihm sehr dankbar dafür
Ich durfte einen der großen Künstler unserer Zeit kennenlernen – vor allem aber einen außergewöhnlichen Menschen, einen unabhängigen Geist, dessen Wärme, Großzügigkeit und Freundschaft ich für immer in meinem Herzen tragen werde.
„Vertraue auf die kleine Stimme in deinem Kopf, die sagt: ›Wäre es nicht interessant, wenn …‹ – und dann tu es einfach.“ Duane Michals