
Interview und Text: Ute Noll
Roy Hessing, geboren 1966 in den Niederlanden, arbeitet seit 2007 als Fotograf am Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke und am Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München. Nach einem Studium der Biologie und einem Multimedia-Studium in Amsterdam verbindet er wissenschaftliche Neugier mit einem Interesse an den Grenzen des Sichtbaren. Seine freien Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld von Naturbeobachtung, Ästhetik und gesellschaftlich-ökologischer Reflexion. Seine erste Kamera verdiente er sich als 16-Jähriger beim Ernten von Tulpenzwiebeln in den Niederlanden.
Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit zwischen Museum und freier Fotografie besonders wichtig?
In den Museen beschäftige ich mich mit der fotografischen Dokumentation dreidimensionaler Objekte. Dabei versuche ich, sie durch präzise Lichtsetzung plastisch und zugleich wissenschaftlich korrekt auszuleuchten, jede noch so kleine Bewegung der Lichtquelle oder der Reflektoren bewirkt eine Veränderung im Bild. Meine freie Fotografie bietet mir den Raum, wissenschaftliches Wissen in kreativen Projekten umzusetzen.
Licht als Werkzeug also?
Ja, Licht ist nicht nur Beleuchtung, sondern ein Werkzeug, um Formen und Informationen sichtbar zu machen. Der Umgang mit den Museumsobjekten verlangt Ruhe, Wertschätzung und Respekt gegenüber den Objekten und ihrer Geschichte. Diese Haltung prägt meine Arbeit bis heute. In der Türkei verbrachte ich sechs Stunden in einer 2.500 Jahre alten Grabkammer, ohne die Zeit zu bemerken. Die Bilder waren später Grundlage für eine virtuelle 3D-Rekonstruktion am Leibniz-Rechenzentrum, sodass Besucher die Grabkammer räumlich erleben konnten.
Ihre freien Arbeiten bewegen sich zwischen Ästhetik und gesellschaftlicher Kritik. Wie gehen Sie mit dieser Spannung um?
Je mehr ich über natürliche Zusammenhänge erfahre, desto intensiver nehme ich sie wahr. In meiner Fotoserie „Blüten im Gespräch mit Autoreifen“ thematisiere ich die Beziehung zwischen der Schönheit der Natur und den vom Menschen verursachten Spuren, insbesondere durch Mikroplastik. Mein Weg ist dabei oft ein Spagat: Mit Ästhetik möchte ich Menschen erreichen, mit kritischen Themen zum Nachdenken anregen und mit Humor verbinden.
Was verändert sich am fotografischen Blick, wenn Wissenschaft der Ausgangspunkt ist?
Verfahren wie Multispektralfotografie oder Kreuzpolarisation machen Details sichtbar, die dem Auge normalerweise verborgen bleiben. Mich fasziniert außerdem, dass unsere menschliche Wahrnehmung nur eine von vielen möglichen ist. Einige Vogelarten etwa besitzen mehr Farbrezeptoren als der Mensch und nehmen Bewegungen wahr, die unserem Auge entgehen. Wenn ich heute die Blaue Stunde fotografiere, sehe ich nicht nur schönes Licht. Die Blaue Stunde existiert nur, weil Cyanobakterien über Millionen von Jahren Sauerstoff produzierten und so unsere heutige Atmosphäre ermöglichten. Ich sehe auch die Geschichte unseres Planeten.
Woran erkennen Sie fotografische Qualität in den Arbeiten anderer?
Heute interessiert mich besonders, ob ich eine eigene Handschrift erkennen kann. Bei vielen Kunstwerken ist es faszinierend, schon an der Bildsprache zu spüren, wer dahintersteht. Ein Beispiel ist eine Fotografie von Walter Schels: eine getrocknete Tulpe, die wie eine Tänzerin wirkt. Darin kommen eine kreative Idee, eine puristische Umsetzung und die handwerkliche Qualität des Dunkelkammer-Abzugs zusammen. Genau diese Verbindung aus Idee, Gefühl und Können macht für mich Qualität aus.
Wann ist ein Bild für Sie fertig?
Fotografie endet für mich nicht mit der digitalen Datei. Im Studio kann ich Licht, Zeit und Bildaufbau vollständig gestalten. Die Präsentationsform ist integraler Bestandteil des kreativen Prozesses. Ob klassischer Abzug, Fine-Art-Print, Cyanotypie, Siebdruck oder Mixed-Media, jedes Medium eröffnet eine eigene ästhetische und inhaltliche Dimension.
Was verbindet Ihre so unterschiedlichen Arbeiten miteinander?
Am Ende geht es mir darum, nicht nur Bilder zu produzieren, sondern Wahrnehmung zu verändern. Das Motiv ist der sichtbare Anlass, die Motivation der unsichtbare Antrieb. Gute Fotografie braucht beides. Wenn ein Bild dazu führt, dass jemand genauer hinsieht oder für einen Moment innehält, hat die Fotografie ihren Sinn erfüllt.
Was hat die Fotografie Ihnen abverlangt, und war es das wert?
Vor allem Zeit, Geduld und Ausdauer. Vielleicht begann das schon früh: Als 16-Jähriger bin ich in den Niederlanden drei Wochen lang jeden Morgen um vier Uhr aufgestanden, um Tulpenzwiebeln zu ernten. Seelisch war ich im Himmel, denn von dem Geld konnte ich mir meine erste Kamera kaufen. Ich habe damals gelernt, dass etwas, das einem wirklich wichtig ist, auch Einsatz verlangt. Ja, es war das wert. Die Fotografie hat mir nicht nur Bilder gegeben, sondern eine andere Art zu sehen: weniger in Schwarz-Weiß, mehr „multispektral“.



