
Interview und Text: Ute Noll
Rolf Nobel, geboren 1950 in Hamburg, hat die deutsche Autoren- und Reportagefotografie über Jahrzehnte entscheidend geprägt. Nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg arbeitete er für führende deutschsprachige Magazine und Zeitschriften. Drei Jahrzehnte lang dokumentierte er die Menschen und Arbeitswelten an den Küsten der Welt. Seine Bilder entstehen auf Augenhöhe, sie zeigen Menschen in ihrer Würde und bewegen zum Hinschauen. Mit großer Sensibilität für Atmosphäre und Zwischentöne hat er die Diskussion über Haltung, Subjektivität und Authentizität in der Fotografie maßgeblich mitgeprägt. Von 2000 bis 2016 war Rolf Nobel Professor für Fotografie an der Hochschule Hannover, wo er eine ganze Generation von Fotojournalist*innen und dokumentarisch arbeitenden Fotograf*innen prägte. 2008 gründete er das LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus, das sich zu einem der renommiertesten Nachwuchsformate Europas entwickelte. Für sein Werk wurde er 2016 mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh) ausgezeichnet.
Was bedeutet Fotografie heute?
Fotografie bedeutet für mich nach wie vor, hinauszugehen und mich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Mich interessieren Menschen, Arbeitswelten und gesellschaftliche Entwicklungen. Wir leben in einer extrem bildorientierten Zeit: Bilder werden ständig produziert und konsumiert, oft sehr flüchtig. Umso wichtiger finde ich eine Fotografie, die sich Zeit nimmt und genauer hinschaut. Weniger das schnelle Einzelbild interessiert mich als die längere Auseinandersetzung mit einem Thema.
Hat sich der Umgang mit Fotografie verändert?
Ja, deutlich. Einerseits wird heute alles fotografiert, andererseits reagieren Menschen sensibler auf Kameras. Das hat mit Persönlichkeitsrechten, aber auch mit einem gewachsenen Misstrauen zu tun. Der Zugang ist schwieriger geworden, vieles funktioniert nur noch über Kontakte und Vertrauen. Zeit und Nähe sind Voraussetzungen für dokumentarische Arbeit.
Welche Rolle spielt Fotografie in gesellschaftlichen Konflikten?
Früher habe ich stärker daran geglaubt, dass Fotografie die Welt verändern kann. Heute sehe ich das differenzierter. Man wird mit Bildern keine politischen Überzeugungen grundsätzlich verändern. Aber Fotografie kann sensibilisieren und Aufmerksamkeit schaffen. Sie kann vielleicht dazu beitragen, dass Menschen vom passiven Mitgefühl zu einer aktiveren, bewussteren Haltung kommen.
Was fällt Ihnen bei jüngeren fotografischen Positionen auf?
Ich sehe oft eine starke Konzentration auf das eigene Ich. Viele Arbeiten beschäftigen sich mit sehr persönlichen Themen. Das kann interessant sein, bleibt aber oft zu privat. Für mich wird es dann spannend, wenn es gelingt, das Persönliche so zu erzählen, dass es eine größere Relevanz bekommt. Persönliches wird interessant, wenn es auf eine Ebene gebracht wird, wo der Bezug für viele herstellbar ist. Privat ist es, wenn der Inhalt einer Geschichte nicht überprüfbar ist.
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Fotografie?
Es wird immer wieder Fälle geben, wo KI-erzeugte Bilder durch Böswilligkeit oder Unwissenheit verwendet werden. Aber seriöse Blätter erleiden einen erheblichen Reputationsverlust, wenn das publik wird. Die Fotografie kann nicht lügen, aber Lügner können fotografieren. Uns hilft nichts anderes, als Quellen immer wieder auf ihre Wahrhaftigkeit zu überprüfen.
Was braucht fotografische Ausbildung heute?
Mehr Offenheit für Diskussion, aber auch mehr Klarheit in der Kritik. Ich habe den Eindruck, dass oft zu vorsichtig kritisiert wird. Gleichzeitig dürfen handwerkliche Aspekte nicht vernachlässigt werden. Gestaltung, Timing und Bildaufbau sind entscheidend. Ein gutes Thema allein genügt nicht.
Welche Rolle spielen Ausstellungen für Sie?
Ausstellungen sind wichtig, weil Bilder dort im Zusammenhang wirken. Man kann eine Geschichte anders und ausführlicher erzählen als im Magazin. Für mich ist die Hängung zentral. Ich versuche, eine visuelle Dramaturgie zu entwickeln, die die Besucher durch die Arbeit führt und unterschiedliche Zugänge ermöglicht.
Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit wichtig?
Ich versuche, Bilder zu machen, die nicht alles erklären. Gute Fotografie lässt Raum für eigene Gedanken und Zwischentöne.
Welche Verantwortung hat Fotografie heute?
Fotografie sollte Haltung zeigen und schwierige Themen nicht ausblenden. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen ist es wichtig, Dinge sichtbar zu machen. Wichtig ist, die Kontrolle über die Erzählung zu behalten. Und wer fotografieren und schreiben kann, ist klar im Vorteil. Fotografie kann keine Lösungen liefern, aber Aufmerksamkeit schaffen und Diskussionen anstoßen.



