
Interview und Text: Ute Noll
Jan von Holleben, geboren 1977 in Süddeutschland, studierte Sonderpädagogik, anschließend Geschichte und Theorie der Fotografie am Surrey Institute of Art and Design in England. In London arbeitete er als Bildredakteur und Art Director und gründete mehrere Fotografenkollektive. Bekannt wurde er mit der Serie Dreams of Flying. Er hat mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter zahlreiche Kinderbücher in bis zu 17 Sprachen, und gehört seit 2025 dem Kuratorium des Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrums an.
Wie würden Sie Ihre fotografische Arbeit heute beschreiben?
Es ist der spielerische Umgang mit der Fotografie und der Dialog mit dem Betrachter, der für mich schon immer zentral war. Die Themen kommen von überall her, von mir selbst, von Magazinen, Werbekunden, Freunden, und werden von mir in Bilder verwandelt. Zentrale Bestandteile sind Improvisation, kompromisslose Kreativität und Begeisterung fürs Thema.
Welche Fragen begleiten Ihre Arbeit?
Die Frage nach der Relevanz: Was muss fotografiert werden, und was ist in der visuellen Kommunikation längst obsolet? Für mich bedeutet das eine klare Unterscheidung zu dem, was per Illustration, KI oder Photoshop möglich ist. Photoshop ist für mich ein Werkzeug für Korrekturen, nicht um Bildinhalte zu verändern. Sobald das passiert, driftet es in fotografische Illustration ab. Was ich fotografiere, muss wirklich erlebt worden sein. Es ist etwas Performatives, das vor der Kamera geschehen ist, gemeinsam mit meinen Mitarbeitern, den Kindern, allen Beteiligten. Dieser Moment muss tatsächlich passiert sein. Das ist für mich die entscheidende Grenze.
Wie entsteht ein Bild?
Zuerst die Idee, ein Thema, eine Herausforderung. Dann Skizzen, Gespräche, Planung, Vorproduktion. Bei Dreams of Flying sind es am Ende fünf Minuten vor der Kamera, nicht mehr. Fünf wahnsinnig intensive Minuten, in denen die Kinder keine Modelle sind, sondern Mitgestalter. Und danach die Reaktionen, wenn sie die Bilder sehen, die Geschichten, die sie erzählen, was sie darin entdecken. Das ist für mich genauso Teil des Bildes wie der Moment der Aufnahme. Bei den imaginären Maschinen, die ich ebenso immer wieder für die Kamera baue, ist das eine völlig andere Zeitrechnung: ein halber Tag, ein ganzer Tag, manchmal zwei Tage Aufbau. Irgendwann muss ich den Moment finden, an dem das Bild komplett ist, an dem ich aufhöre und alles wieder abbaue. Bevor ich die Struktur zerstöre, halte ich sie fotografisch fest. Aber in beiden Fällen gilt dasselbe: Das Bild ist nicht das Ziel. Das gemeinsame Erleben ist das Ziel. Das Bild hält es fest.
Was bedeutet Spielen für Sie?
Über die Jahre habe ich gemerkt, wie Spielen Menschen zusammenbringt. Früher habe ich viel Zeit gebraucht, sie zu überzeugen mitzumachen. Heute passiert das fast von selbst. Fremde legen in kürzester Zeit ihre Zwänge und Ängste beiseite und werden spontan ein Team. Jeder bringt wahnsinnig viel Energie mit, und die wird als geballte Ladung auf die Idee verwandt. Ich bin dabei ein Spielmeister, der eine Situation gut in der Hand halten kann, aber auch Mitspieler. Wir dürfen Fehler machen, uns nicht zu ernst nehmen. Das sieht man bei meinen Bildern: erlebte Momente, in denen es allen gut geht, nichts forciert, nichts manipuliert. Besonders bei meinen Community-Projekten der letzten Jahre lade ich mit meiner Assistentin Menschen ein, gemeinsam einen besonderen Moment zu erleben. Danach sind wir alle glücklich, dass wir es gemeinsam geschafft haben.
Wie erleben Sie die aktuelle Situation der Fotografie?
Alles schrumpft: Ausstellungsmöglichkeiten, Aufträge, Budgets. Dabei entsteht unendlich Belangloses, was mich schockiert. Qualität setzt sich aber trotzdem weiter durch. Das erinnert mich an die Wende der 2000er Jahre, als das Digitale einzog und jeder, der eine Kamera nur bedienen konnte, obsolet wurde. Visionäre bekamen mehr Bühne. Ich hoffe, das entwickelt sich auch jetzt so weiter.
Was treibt Sie als Fotograf an?
Eine Frage treibt mich an: Wann ist Schluss? Ob ich bis an mein Lebensende fotografieren werde, oder ob ich irgendwann alles für mich Wichtige fotografiert habe und dann aufhöre. Den Gedanken mag ich.



