75 Jahre DGPh | 75 Interviews | 75 Perspektiven

75 Interviews, geführt mit 75 DGPh-Mitgliedern, eröffnen Einblicke in den inhaltlichen Reichtum der DGPh. Ausgewählt vom Vorstand, stehen sie generationenübergreifend stellvertretend für die vielen Felder der Fotografie, für die Vielfalt der Themen und Blickwinkel innerhalb der DGPh. Gemeinsam zeichnen die Interviews ein facettenreiches Bild ihrer Mitglieder und verweisen gleichzeitig auf die verbindende Kraft der Fotografie. Die Interviews anlässlich des 75-jährigen Bestehens der DGPh führte Ute Noll, Redakteurin und Kuratorin mit Schwerpunkt Fotografie, von der auch das Konzept für die Gesprächsreihe stammt.

Oliver Abraham: Meine Porträts der Serie Freedom of Speech sind politische Dokumente

Marsha Alekhina , 2018 © Oliver Abraham
Marsha Alekhina , 2018 © Oliver Abraham
Oliver Abraham porträtiert seit 2014 in seiner fortlaufenden Serie Freedom of Speech Journalist*innen, Aktivist:innen, Intellektuelle und Künstler*innen, die sich mit Überwachung und Pressefreiheit auseinandersetzen und öffentlich Stellung beziehen, darunter Pussy Riot und Yanis Varoufakis. Daneben arbeitet er an den Serien Portraits of Artists sowie Evidence Based, einer Serie über Wissenschaftler*innen während und nach der Corona-Pandemie. Abraham wird von der Galerie Julian Sander vertreten. Geboren 1972 in Köln, studierte er von 2001 bis 2004 als Meisterschüler bei Prof. Arno Fischer an der Schule für Fotografie am Schiffbauerdamm in Berlin.

Hans-Jürgen Koch und Heidi Koch: Der Blick als fortlaufender Prozess

Armadillo, Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) überquert in der Abenddämmerung eine Landstraße, Hill Country, Texas, USA, 2001. Aus dem Projekt “The Way to Armadillo” über den Siegeszug des Gürteltieres in Texas.
Armadillo, Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) überquert in der Abenddämmerung eine Landstraße, Hill Country, Texas, USA, 2001. Aus dem Projekt “The Way to Armadillo” über den Siegeszug des Gürteltieres in Texas.
Hans-Jürgen Koch und Heidi Koch zählen zu den eigenwilligsten Stimmen der deutschen Fotografie. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeiten sie gemeinsam und haben eine eigene Bildsprache entwickelt, die sie selbst Lebensformfotografie nennen. Ihre Arbeiten reichen von Hausmäusen und Flöhen über Labortiere und Bisons bis hin zu großen Menschenaffen und verbinden dokumentarische Beobachtung mit wissenschaftlichem Interesse. Sie haben mehrere Bücher publiziert wie Thank you, Mouse!, Fiese Gewächse und solche mit krimineller Vergangenheit sowie Buffalo Ballad, das vielfach ausgezeichnet wurde. Ihre Arbeit ist geprägt von wissenschaftlicher Neugier, politischem Bewusstsein und einer Empathie, die auch dem Unscheinbaren und Unerwünschten gilt. Für ihr Gesamtwerk erhielten sie 2011 den Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh).

Heike Ollertz: Generierte Bilder sind immer schwerer von authentischen zu unterscheiden

Irland
Irland
Heike Ollertz ist Fotografin, Lehrende und Netzwerkerin. Seit März 2023 ist sie Geschäftsführerin des Berufsverbands Freelens, dessen Mitglied sie bereits seit 25 Jahren ist. Von 2014 bis 2023 war sie Professorin für Dokumentarfotografie an der University of Europe for Applied Sciences und ab 2017 Dekanin des Fachbereichs Art & Design in Berlin und Hamburg. Geboren 1967 im Ruhrgebiet, aufgewachsen in Hamburg, absolvierte sie ihre Ausbildung am Lette-Verein und studierte anschließend Visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste Berlin. Dort entstanden ihre multimedialen Langzeitdokumentationen über das WMF, einen prägenden Ort der Berliner Clubkultur der 1990er-Jahre. Anschließend fotografierte sie Reisereportagen in mehr als 30 Ländern, unter anderem für das Magazin Mare, mit dem sie seit seiner Gründung eng verbunden ist. Seit ihrer Arbeit auf Island für ihren Mare-Bildband (2012) richtet sie ihren fotografischen Blick zunehmend auf die sichtbaren Veränderungen arktischer Landschaften im Anthropozän. 2021 gehörte sie zum Gründungsteam der Hamburg Portfolio Review, einem internationalen Netzwerk, das Fotograf*innen mit Bildredaktionen und Fotofestivals zusammenbringt.

Adelheid Komenda: Die ostdeutsche Fotografie habe ich nicht früh genug verfolgt

LVR-Landesmuseum Bonn, Blick in die Ausstellung Jupp Darchinger, Bonn 2025, Foto: Jürgen Vogel, LVR-Landesmuseum Bonn
LVR-Landesmuseum Bonn, Blick in die Ausstellung Jupp Darchinger, Bonn 2025, Foto: Jürgen Vogel, LVR-Landesmuseum Bonn
Adelheid Komenda ist seit Februar 2021 wissenschaftliche Referentin für den Fachbereich Fotografie am LVR-Landesmuseum Bonn. Sie ist promovierte Kunsthistorikerin und wurde in Sebnitz/Sachsen geboren. Von 2011 bis 2019 war sie für die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig als stellvertretende Geschäftsführerin tätig. 2019 war sie Mitautorin des Katalogs Fotografie in der Weimarer Republik und Mitkuratorin der dazugehörigen Ausstellung im LVR-Landesmuseum Bonn. 2024 kuratierte sie gemeinsam mit Kolleg:innen aus Dresden und Hamburg die erste große Retrospektive des Fotojournalisten Dirk Reinartz, bekannt für seine sozialdokumentarischen Arbeiten zu Deutschland. In der DGPh-Arbeitsgruppe 89+ Fotoperspektive Ost war sie an allen drei bisherigen Symposien zu Prägungen, Erbe und Perspektiven der ostdeutschen Fotografie beteiligt, zuletzt in Halle (Saale). Ihr Schwerpunkt liegt in der Dokumentar- und Porträtfotografie, dem Kernbereich der Sammlung, zu der unter anderem die Nachlässe von Liselotte Strelow und Angela Neuke gehören.

Ruediger Glatz: Im Zentrum steht nicht das Motiv, sondern eine Idee oder ein Gefühl

MAN TO MAN, London 2026 © Ruediger Glatz
MAN TO MAN, London 2026 © Ruediger Glatz
Ruediger Glatz, geboren 1975 in Heidelberg, arbeitet als Künstler und Fotograf mit Schwerpunkt auf dem konzeptionellen Porträt, sein Werk verbindet dokumentarische Fotografie mit Video, Sound und Installation und wird international ausgestellt, unter anderem in Rom und Florenz. Unter dem Namen Ruedione war er zunächst Graffiti-Writer und wurde unter diesem Namen auch als Fotograf in der Szene bekannt. 1996 war er Mitgründer einer Vertriebsfirma für Sprühfarben, aus der die Marke MONTANA CANS hervorging und die er bis 2011 leitete. 2000 fand er zur Fotografie, ab 2007 machte er sie zu seinem Lebensmittelpunkt, mit mehreren Buchpublikationen, zuletzt KAMENICA: A Portrait of Chemnitz (2025) bei Kehrer. 2025 gründete er den Verlag BALD BOOKS, bei dem 2026 sein Buch ON STYLEWRITING erschien. Seit 2012 begleitet er Tilda Swinton fotografisch bei ihrer performativen Zusammenarbeit mit dem Modehistoriker und Kurator Olivier Saillard, von Impossible Wardrobes (Rizzoli, 2015) über Sur-Exposition (2016, mit Charlotte Rampling) bis A Biographical Wardrobe (2025). Er lebt in Hamburg, leitet die Agentur BALDHAUS, ist Mitgründer des Kunstmarkt-Start-ups COLLEKTON und seit September 2025 Vorsitzender der DGPh.

Gerd Ludwig: Seele berühren und Horizont erweitern

An Winterwochenenden bohren Männer Löcher ins dicke Eis des Ural und versuchen ihr Glück beim Angeln. Da sie wissen, wie stark das Lenin-Stahlwerk im Hintergrund den Fluss verschmutzt, verzehren sie ihren Fang in der Regel nicht selbst, sondern verkaufen ihn auf dem Markt. Magnitogorsk, Russland 1993 © Gerd Ludwig
An Winterwochenenden bohren Männer Löcher ins dicke Eis des Ural und versuchen ihr Glück beim Angeln. Da sie wissen, wie stark das Lenin-Stahlwerk im Hintergrund den Fluss verschmutzt, verzehren sie ihren Fang in der Regel nicht selbst, sondern verkaufen ihn auf dem Markt. Magnitogorsk, Russland 1993 © Gerd Ludwig
Gerd Ludwig, geboren 1947 in Alsfeld, zählt zu den prägenden Stimmen der internationalen Autorenfotografie. Seine Langzeitprojekte verbinden journalistische Präzision mit einer klaren ethischen Haltung und einem bewussten Verständnis fotografischer Autorenschaft. Nach dem Studium an der Folkwangschule in Essen, geprägt von Otto Steinert, arbeitete er ab 1984 in den USA für internationale Magazine und wurde Anfang der 1990er‑Jahre Vertragsfotograf von National Geographic. Seit 1992 lebt und arbeitet er in Los Angeles.

Sara-Lena Maierhofer: Am Ende bleibt immer eine Leerstelle

The Great: Amici, Barytprint, 2015 © Sara-Lena Maierhofer, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
The Great: Amici, Barytprint, 2015 © Sara-Lena Maierhofer, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Sara-Lena Maierhofer ist Künstlerin und seit 2025 Professorin für künstlerische Fotografie am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Darmstadt. Geboren 1982 in Freudenstadt, studierte sie Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld. Ihre Diplomarbeit „Dear Clark,“ erschien als Buch. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Museum für Fotografie Berlin, im Foam Fotografiemuseum Amsterdam sowie im Museum of Fine Arts Boston gezeigt.

Karen Fromm: Bilder sind Schauplatz von Macht

Jury-Sitzung für Hannover Shots in der Sparkassenstiftung Hannover. Das Kunstwerk im Hintergrund heißt Hard Rain von Eberhard Eckerle (nicht VG Bild-Kunst). © Roman Bezjak.
Jury-Sitzung für Hannover Shots in der Sparkassenstiftung Hannover. Das Kunstwerk im Hintergrund heißt Hard Rain von Eberhard Eckerle (nicht VG Bild-Kunst). © Roman Bezjak.
Karen Fromm, 1968 in Hamburg geboren, studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften sowie Kultur- und Medienmanagement und promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema „Das Bild als Zeuge. Inszenierungen des Dokumentarischen in der künstlerischen Fotografie seit 1980“. Nach Stationen bei der Galerie Pfefferberg in Berlin, dem Verlagshaus Gruner + Jahr und der Photo- und Presseagentur Focus lehrt sie seit 2011 als Professorin an der Hochschule Hannover im Studiengang Visual Journalism and Documentary Photography.

Sebastian Lux: Die Fotografie muss sinnlich sein

F.C. Gundlach, Op Art-Badeanzug, Brigitte Bauer, Sinz Bademoden, Vouliagmeni, 1966 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
F.C. Gundlach, Op Art-Badeanzug, Brigitte Bauer, Sinz Bademoden, Vouliagmeni, 1966 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Sebastian Lux ist seit 2003 in der Stiftung F.C. Gundlach in Hamburg tätig, die er seit 2012 als Geschäftsführender Vorstand leitet. In enger Zusammenarbeit mit Gundlach hat er die Stiftung zu einer international vernetzten Institution für die Bewahrung und Vermittlung fotografischer Archive ausgebaut. Die Stiftung betreut heute neben dem Werk F.C. Gundlachs bedeutende fotografische Vor- und Nachlässe, darunter die Nachlässe von Peter Keetman, Reinhart Wolf und Andreas Herzau sowie den Vorlass von Henrik Spohler.