Zum Tod von Anja Niedringhaus

Wir trauern um Anja Niedringhaus (DGPh), die am 4. April 2014 in Banda Khel, Afghanistan, Opfer eines feigen und hinterhältigen Mordanschlags wurde. Mehr als 20 Jahre berichtete sie mit der Kamera aus den Krisenregionen der Welt.

Anja Niedringhaus war zusammen mit Ihrer kanadischen AP-Kollegin und Freundin Kathy Gannon in der östlichen Provinz Chost unterwegs, um über die Präsidentschaftswahl am vergangenen Samstag zu berichten. An einem Kontrollpunkt wurde sie von einem 25jährigen Polizisten erschossen, ihre Kollegin schwer verletzt.

Die 1965 geborene Anja Niedringhaus gehörte zu der überschaubaren Zahl deutscher Photographen, die es zu internationaler Anerkennung gebracht haben. Sie begann ihre Karriere im Alter von 16 Jahren als freie Photographin für eine Lokalzeitung in ihrer Heimatstadt in Höxter.

Nach dem Abitur studierte sie in Göttingen deutsche Literatur, Philosophie und Publizistik. 1990 trat sie in den Stab der European Press Photo Agency (EPA), ein wurde Chefphotographin und dokumentierte die brutalen Konflikte in Exjugoslawien. 2001 wurde Anja Niedringhaus in die Deutsche Gesellschaft für Photographie berufen. 2002 wechselte sie zur Nachrichtenagentur Associated Press (AP). In den folgenden Jahren berichtete Niedringhaus aus den Konfliktgebieten Israel, Palästina, Irak, Afghanistan und Pakistan. Außerdem photographierte sie zahlreiche bedeutende Sportereignisse darunter neun Olympiaden. 2005 wurde sie für ihre dramatischen Bilder aus dem Irak-Krieg mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Anja Niedringhaus sah sich nie als typische Kriegsphotographin. Für sie stand das Schicksal der Menschen, das individuelle Leid im Vordergrund. Mit berührenden Photographien, die oft unter die Haut gingen, in denen aber auch Hoffnung und die Liebe zum Menschen immer spürbar sind, zeigte sie uns die grausame Realität heutiger Kriege. Dabei sah sie die Rolle der Medien durchaus nicht unkritisch und war froh mit AP einen Arbeitgeber gefunden zu haben, bei dem journalistische Ethik immer noch einen hohen Stellenwert genießt.

Wer Anja Niedringhaus kannte, der erinnert sich als erstes an ihre Fröhlichkeit, ihr unwiderstehliches Lachen und ihre Liebe zum Leben. Anja Niedringhaus ist das 32. Redaktionsmitglied, das seit der Gründung der Nachrichtenagentur im Jahr 1846 im Einsatz ums Leben kam.

Anja Niedringhaus war mutig, aber nicht übermütig. Wie alle verantwortungsvollen Korrespondenten versuchte sie das Risiko, dessen sie sich immer bewusst war, zu kalkulieren. Ihre Arbeit wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Dazu gehören “Pictures of the Year International”, Clarion Awards, die “Goldene Feder” und der ‘Abisag Tüllmann’ Preis für Reportage-Fotografie. Ihre Arbeiten wurden in vielen renommierten Häusern ausgestellt, so dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, der C/O Galerie in Berlin und dem Museum of Fine Arts in Houston. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht: 2001 "Fotografien" und im Jahr 2011 "At War".

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Anja Niedringhaus und alle Kriegsberichterstatter in einer Erklärung: "Journalisten in Kriegs- und Krisenregionen berichten von Not, Elend und Gewalt. Ohne ihre Arbeit, ihren Mut und ihr Engagement wäre unser Bild von der Welt unvollständig. Mit dem Tod von Anja Niedringhaus hat die Welt eine bedeutende 'Augen-Zeugin' verloren. (...) Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Angehörigen und Freunden von Anja Niedringhaus und bei ihrer verletzten Kollegin."