Die DGPh trauert um Will McBride

Will McBride 2004Am 28. Januar verstarb nach schwerer Krankheit der in Berlin lebende amerikanische Photograph Will McBride (DGPh). Will McBrides Photo-Essays aus den 1960er Jahren gelten als stilbildend. Sie sind zugleich Meilensteine eines Lebenswerkes, das auch geprägt war von der Diskrepanz zwischen kometenhaftem künstlerischen Aufstieg und tiefen persönlichen Krisen. 2004 erhielt Will McBride für sein photographisches Werk den Dr.-Erich-Salomon-Preis der DGPh.

Will McBride, 1931 in St. Louis, Missouri (USA) geboren, studierte unter anderem bei dem bekannten Illustrator Norman Rockwell Malerei. 1953 kam er als GI nach Deutschland und begann während seines Militärdienstes zu photographieren. Nach dem Armeedienst reiste Will McBride durch Europa und begann 1958 ein Studium in Berlin. Er war von der Aufbruchstimmung im Nachkriegs-Berlin fasziniert und fand schnell Freunde. Der junge Künstler und „seine“ Clique genossen ihr Leben im wachsenden Wirtschaftswunder in vollen Zügen, konventionslos und nonkonform. McBride war mit seiner Leica mittendrin und so entstanden Bildgeschichten von ungewöhnlicher Dichte, Dynamik und Nähe. Er bot diese Bilder schließlich dem neuen Magazins Twen an, das frischen Wind in die miefige Nierentischgesellschaft bringen wollte. Dafür erschienen die lebensbejahenden, spontanen Bilder McBrides wie geschaffen. Bei Twen lernte McBride den Gestalter Willy Fleckhaus – 1974 Kulturpreisträger der DGPh – kennen. Fleckhaus war begeistert von McBrides Photos und druckte sie großzügig in Twen. Der hochbegabte Layouter und der eigenwillige Künstler wurden schnell ein kongeniales Duo. Sie einte der Wunsch, dem keimenden Bewusstsein der jungen Generation Ausdruck zu verleihen.
1959 heiratete McBride Barbara Wilke. Twen wurde zum Familienalbum, das private Höhepunkte, wie ihre Hochzeit oder die Geburt des ersten Sohnes, seitenlang coram publico zelebrierte. Twen hatte Erfolg und McBride mit ihm. Kein anderer Photograph hat mehr Bilder im Archetyp aller Zeitgeistzeitschriften veröffentlicht. Und kein anderer Photograph hat das Lebensgefühl der 1960er Jahre, der Generation zwischen Wiederaufbau und „68er Revolte“, eindringlicher dokumentiert als Will McBride. Viele dieser Bilder sind zu Klassikern geworden, so das Portrait seiner schwangeren Frau Barbara in aufgeknöpfter Jeans oder Jazz auf dem Fluß, seine erste Photostrecke in Twen.
Ab 1961 arbeitete McBride auch für Quick und portraitierte Kennedy, Brandt und Adenauer. Besonders sein Adenauer-Portrait gilt als eines der markantesten Bilder des ersten Kanzlers. Nun stieg der junge Amerikaner unaufhaltsam in die Elite des Photojournalismus auf, und das, obwohl er sich immer mehr als Künstler denn als Reporter fühlt. Er jettete um die Welt, seine Photos erschienen in Life, Paris Match und Stern. In Twen wird er bis zu der Einstellung des Magazins mehr als 30 Essays veröffentlichen. 1965 eröffnete Will McBride in München ein Photostudio, das sich stürmisch entwickelt. Er visualisierte zahlreiche legendäre Kampagnen, so für HB und Levi’s. Er arbeitete rastlos und erste persönliche Krisen zeichneten sich ab, als er seine Homosexualität entdeckte und eine Paranoia diagnostiziert wurde. Ebenso forderten Alkohol und Drogen ihren Tribut.
1969 kreierte er in Indien, inspiriert durch das Buch Hermann Hesses seinen Photo-Essay Siddhartha, der ein Klassiker des Genres geworden ist und weltweit erschien. Für dieses Projekt, das nach eigenem Bekunden die schwerste Arbeit seines Lebens war, verausgabte er sich endgültig. Im gleichen Jahr erfolgte die Trennung von der Familie, und für McBride begann eine schwere Zeit. 1971 erschien Twen zum letzten Mal. Ein Jahr später machte das Studio Konkurs. Trotzdem schaffte er es 1974 noch sein progressives Aufklärungsbuch für Kinder Zeig mal! fertigzustellen. Es fand weltweit Beachtung, wurde mehrfach preisgekrönt aber auch als pornografisch verteufelt.
Danach zog er sich nach Italien zurück und widmete sich wieder der Malerei und der Bildhauerei. In den 1980er Jahren kehrte er zurück und eröffnete ein Studio in Frankfurt. 1992 würdigte der Frankfurter Kunstverein sein photographisches Werk mit einer umfassenden Retrospektive. Gleichzeitig gerieten vor dem Hintergrund veränderter Moralvorstellungen McBrides Arbeiten in die Kritik. Besonders Zeig mal! wollten konservative Kreise mehrfach auf den Index setzen, was aber nie gelang. 1996 war McBride die ständigen Kontroversen um das Buch schließlich satt und nahm es selber vom Markt. Kurz darauf erschien das autobiographische Buch „I – Will McBride“. Danach ging er in das wiedervereinigte Berlin und dort stand die Malerei endgültig im Mittelpunkt. Als Photograph arbeite er nur noch wegen des Gelds und um nicht ganz vergessen zu werden. Mit der Photographie war er fertig, ja haderte damit „nur“ als Photograph anerkannt zu sein, denn seine gemalten Bilder fanden keinen großen Anklang. Selbst in einer sexualisierten Zeit erschienen die offensiven Akte junger Männer als zu obsessiv, der Stil aber als zu etabliert.
Ungeachtet dessen sind McBrides Photos längst Klassiker, die zum Besten gehören, was nach dem Krieg entstanden ist. Sie finden sich in allen namhaften Sammlungen sowie in über 20 Büchern. McBrides photographisches Medium war der Essay, breit publiziert in einem Magazin oder Buch. Er wollte möglichst viele Menschen mit seinen visualisierten Botschaften von Liebe und Frieden erreichen. Seine Credo „Was ich nicht fühle, kann ich nicht photographieren“ wollte er wortwörtlich verstanden wissen. McBride war nie unbeteiligter Augenzeuge, er hat seine Bilder erlebt und erlitten und damit einen neuen Stil des subjektiven Essays geprägt, der von Photographen wie Wolfgang Tillmans – 2009 Kulturpreisträger der DGPh –  und Antoine d’Agata weitergeführt wurde. Will McBride hat Photojournalismus in seiner Heimat durch Zeitschriften wie Life und Look kennengelernt, die auch durch ihre Vorbilder aus Deutschland und die Menschen geprägt war, die vor den Nazis in die USA geflohen waren. Er sah sich selbst als jemand, der diese Tradition nach Deutschland zurück gebracht hatte. Nicht zuletzt darum wollte er auch nach Berlin zurück. Von Berlin aber war er später enttäuscht. Es war nicht mehr die Stadt, die er in den 1950er Jahren lieben gelernt hatte.