Neue Bücher im Mai 2020

John Heartfield
Fotografie plus Dynamit
Hrsg.:  Angela Lammert, Rosa von der Schulenburg, Anna Schultz,
312 Seiten, 250 Abbildungen in Farbe
Format: 22x28 cm, Hardcover
München, Hirmer Verlag
ISBN: 978-3-7774-3442-1
39,90 €

John Heartfield (1891-1968) ist für seine politischen Collagen international berühmt. Er gilt als einer der innovativsten Graphiker der Weimarer Republik. Seine Photomontagen und collagierten Buchumschläge, die ihre Herkunft in der Berliner Dada-Szene haben und sich gegen den Faschismus richten, sind noch heute von großer Sprengkraft.

Der Band „John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“ belegt ausführlich, mit welch scharfer Beobachtungsgabe, Witz und Kompromisslosigkeit der Künstler den ursprünglich dokumentarischen Charakter der verwendeten Pressephotos auf den Kopf stellte und seine Werke bildgewaltig und mit pointiertem Humor aktiv gegen Krieg und Faschismus einsetzte.Auch seine Trickfilme und seine Theaterarbeit werden im Kontext von Kunstwerken, Archivalien und Arbeitsmaterialien besprochen, ergänzt um Statements zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die Heartfields Verdienste im Zeitalter von Fake News beleuchten. Die Autoren der fünf ausführlichen und mit vielen Beispielen aus seiner Arbeit bebilderten Kapitel - Fotografie plus Dynamit / Zeitschnitt, Es lebe der Krieg / Zerschneiden und Zusammenfügen, Film als Küche der Montage / revolutionäre Schönheit, Eigen im Fremden / Exil und Rückkehr sowie Designer des Sozialismus? / verbrauchte Symbolkraft oder die Hoffnung stirbt zuletzt - stammen von  Fachleuten der Akademie der Künste Berlin, wo sich der Heartfield-Nachlass befindet, sowie von Wissenschaftlern aus den USA, Kanada, Großbritannien und den Niederlanden.

Der Graphiker, Trickfilmkünstler und Bühnenbildner John Heartfield sah die Aufgabe seiner politischen Photomontagen darin, die Wahrheit auszudrücken, die Tatsache zu berichten und „in die Lüge eine Bresche zu schlagen“. Seine Bildsatiren sollten anklagen, aufklären und entlarven und waren damit Kampfmittel politischer Agitation. Er wurde damit zu einem der wichtigsten und innovativsten Künstler im Widerstand gegen den Faschismus. 1933 entging er nur knapp der Verhaftung durch die Nationalsozialisten und setzte sich zunächst in die Tschechoslowakei und später nach England ab. Seine Politsatieren haben durch ihre Ästhetik und suggestive Wirkung bis heute nichts von ihrer politischen Sprengkraft eingebüßt. Sie sind – wie es der Titel des im Hirmer Verlag, München, erschienenen, reich bebilderten Katalogband aussagt - Photographie plus Dynamit. (vZ)

Ausstellung Akademie der Künste, Berlin, noch bis 21. Juni 2020

 

Lewis Baltz / Sol LeWitt
Photographien von LEWIS BALTZ
Herausgeber Thomas Zander
Texte von Lewis Baltz, Sol LeWitt, Heinz Liesbrock
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Broschur,
88 Seiten, ca. 1116 Abbildungen in Schwarz-Weiß 24 Farbabbildungen meist ganz- bzw. doppelseitig.
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln
ISBN 978-3-96098-763-5
39,80 €

Mit dem Begleitbuch »LEWIS BALTZ / SOL LeWITT« richtet die Galerie Thomas Zander dem Photographen LEWIS BALTZ (1945-2014) und dem Konzeptkünstler LeWitt eine umfangreiche Retrospektive zu ihren Werkgruppen aus, die mit reduzierter Formsprache Strukturen räumlicher Prozesse untersuchen. Lewis Baltz hat mit seinen Werkserien der späten 1960er und 1970er Jahre, die den Bildraum stark reduzieren, dazu beigetragen die „konzeptuelle Photographie“ im Kunstkontext zu verorten. Die den Photographien gegenübergestellten Würfelstrukturen des Serial Project (1967) und die Black Cubes (2000) zeigen wie die Photographien eine Funktionslosigkeit und Bedeutung nur in sich selbst.

Im aktuellen kunsthistorischen Diskurs ist es nahe liegend, dass ein zeitgenössischer Photograph und ein Konzeptkünstler eine gemeinsame Galerie-Ausstellung haben. Damit wird der `BAUHAUS Gedanke´ aufgegriffen, dass es weniger ein Kunststil sondern vielmehr eine Lebenshaltung ist, die das gleichwertige Verständnis der Künste untereinander beinhaltet. Der Dialog der beiden Positionen wird gefördert durch die gelungene räumliche Präsentation der Arbeiten in der Galerie Zander, die eine `konzeptuelle Inszenierung´ in sich darstellt. Eine zentrale Aussage hat LEWIS BALTZ Werkserie „Park City“ die in tableauartiger Hängung (6x17 Motive) alle Aspekte seiner `konzeptuellen Photographie´ zeigt. Dieses serielle Werk, das Orte und Landschaft einer postindustriellen Situation zeigt, verweist deutlich auf die späteren `Typologien´ des Ehepaars Becher.

Mit diesem Katalog und der Ausstellung wird der vielzitierte Anspruch, dass Kunst neue Perspektiven schafft und einen interkulturellen Austausch ermöglicht, eindrucksvoll umgesetzt. Der Katalog hat eine weitere strukturelle Besonderheit indem er den Bildtafeln nicht eine Textliste der Werke voranstellt sondern eine Panorama der jeweiligen Hängung in der Galerie Zander. Insgesamt eine besonders gelungene Publikation, die den gezeigten Werkgruppen künstlerisch gerecht wird und den Liebhaber des Photographie-Buches erfreut, da es eine besondere künstlerische Note hat. (db)

 

Andreas Herzau
Bamberg Diary
Europa. Meine Heimat
Herausgegeben von Holger Noltze
Mit Beiträgen von Alfred Brendel, Eleonore Büning, Jacob Burckhard, Holger Noltze und Uwe
Rada
276 Seiten mit 140 Photographien
Nimbus
ISBN 978.3.03850.074.2
25,00 €

Wer künstlerisch tätig ist, erlebt jeden Tag, dass in der Musik, der Literatur oder der Malerei die Grenzen anders gezogen sind, als sie durch Geschichte und Staatsräson vorgegeben scheinen. In besonderem Maße erleben dies die Bamberger Symphoniker, die als berühmtes, international gefragtes Reise-Orchester in jeder Spielzeit Konzerte in anderen Ländern und Kontinenten geben.
Sie wissen um die Kraft der Musik als einer universellen Sprache der Menschheit, die unabhängig von politischen Grenzen verstanden wird und den Zuhörenden eine Freiheit der Empfindung schenkt, die wie eine Vorahnung der persönlichen wirken kann.

Andreas Herzau hat das Orchester auf seinen Auslandstourneen begleitet und sich eine paradoxe Aufgabe gestellt: Musik zu photographieren, genauer: wie Musik dargeboten wird, mit welcher Leidenschaft die Musizierenden und Zuhörenden bei der Sache sind, was hinter den Kulissen geschieht und sich in den Foyers und Zuschauerreihen abspielt. Und er fängt die Atmosphäre der fremden Städte ein, in denen das Orchester gastiert.

Da die Konzertreisen der letzten Spielzeit durch weite Teile Europas führten, ist der tapfer an sich selbst zweifelnde "Alte Kontinent" zugleich Thema einer Reihe von Essays, die auf unkonventionelle Art Fragen rund um das Faszinosum Musik und ihrer kulturellen Orte nachgeht. Das geheime Zentrum bildet dabei Smetanas symphonische Dichtung «Má vlast», die der junge böhmische Chef-Dirigent Jakub Hrůša mit dem Orchester oft gespielt hat und deren Titel nicht als «Mein Vaterland», sondern als «Meine Heimat» zu übersetzen ist. Denn Musik kann zwar Heimat sein – nicht aber Vaterland.

 

huber.huber
Widersprüchliche Bewegungsreize
Herausgegeben von Mirjam Fischer
321 Seiten mit 224 Farbabbildungen
Edition Patrick Frey
ISBN 978.3.907236.02.4
68,00 €

Das Künstlerbuch Widersprüchliche Bewegungsreize schließt an die Publikation Universen (Edition Patrick Frey, 2011) an und macht das künstlerische Schaffen der letzten 10 Jahre in Form eines Künstlerbuchs sicht- und greifbar. Die Bildleser werden wiederum
in einen wunderbar wuchernden Bilderkosmos entführt. Anders als in Universen sind nicht Collagen und Tuschezeichnungen bestimmende Bildträger, sondern der Fokus liegt ganz auf den Photographien von huber.huber.

Zu Doppelseiten komponiert bilden sie auf- und abtauchende, längere und kürzere Sequenzen, in den sich weitere Arbeiten in anderen Techniken verweben. Der schillernde Bilderteppich löst durchaus widersprüchliche Bewegungsreize aus und führt im Extremfall zu den gleichen Symptomen wie bei Reisekrankheit. Kurze Texteinträge (die in insgesamt sieben Sprachen übersetzt werden), die zwischen lapidaren Beschreibungen und assoziativen Sinneseindrücken oszillieren, bilden einen Schlüssel zu manchen Bildern oder
Werkgruppen und fungieren gleichzeitig als wohltuende Pausen. Ein ungewöhnlich ausschweifender Index macht mit seinen einfachen Ding- und Eigenschaftsworten (Apfel, Petrischale, Salzsee oder feucht, geometrisch, unheimlich) den Bilderkosmos lesbar.

Das neue Künstlerbuch geht weit über die reine Reproduktion von Werken hinaus und reflektiert einmal mehr gekonnt die künstlerische Praxis von huber.huber in der speziellen Form des Buchmediums. - Mirjam Fischer -

 

Max Jacoby. Leben und Werk eines jüdischen Fotografen
Katalog zur Ausstellung im Landesmuseum Koblenz 2020

herausgegeben von GDKE, Landesmuseum Koblenz
Beiträge von Katrin Seidel, Petra Weiß
132 Seiten
mit 22 farbigen und 99 s/w Abb.
27,0 x 21,0 cm
Hardcover
Deutsch
Wienand Verlag
ISBN 978-3-86832-567-6
25,00 €

Max Jacoby (1919–2009) floh 1937 aus seiner Geburtsstadt Koblenz nach Argentinien. Eine Kamera-Assistenz bei dem ungarischen Fotografen George Friedmann bot einen Neuanfang und zusammen mit anderen emigrierten Fotografen bildeten sie die Künstlergruppe „La Carpeta de los Diez“. 1957 wagte Jacoby den Sprung nach Berlin und blieb als freier Fotograf für Presse, Film, Buch- und Zeitschriften-Verlage. Er porträtierte Arbeiter und Künstler, Bettler und Politiker und dokumentierte das politische Leben und den Alltag in der geteilten Stadt. Dieser Band gibt nun einen Überblick über seinen Nachlass mit einer lang erwarteten Dokumentation seines bedeutenden fotografischen Werks. (Wienand)

 

Mario Schneider
Tourist

Bild-Text-Band
Texte von Meike Wetzel, Jule Reckow und Mario Schneider.
Halbband, 240 × 200 mm, 168 S., Farbabb.
Mitteldeutscher Verlag, Halle
ISBN 978-3-96311-304-8
28,00 €

Es ließe sich vermuten, das Sujet »Tourist« brächte hauptsächlich Skurriles hervor, doch sind es vielmehr intime, aber eben nicht aber vorführende Begegnungen zwischen Photographen und Objekt. Mario Schneider zeigt mit seinen Bildern wie Reisen den Menschen verändert. Diese Veränderung hat er - durchaus manchmal mit einem ironischen Augenzwinkern - in seinen Photographien abgebildet.

Wir alle versuchen, den Touristen aus dem Weg zu gehen, und verwandeln uns doch regelmäßig selbst in sie. Gerade in diesen Zeiten, wo uns jede Flugreise ein schlechtes Gewissen beschert, wo Ozeanriesen Millionen von Besuchern über die Venedigs dieser Erde ausschütten, versucht Schneider den Menschen hinter dem Touristen zu entdecken – und tatsächlich, es gibt ihn auch dort – im Urlaub. Voller Freude, Liebe und Einsamkeit.

Mario Schneider, geb. 1970, ist gelernter Metallurge für Hüttentechnik. Er studierte Philosophie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Komposition und Klavier. Schneider lebt und arbeitet als Autor, Regisseur und Filmkomponist in Halle (Saale). Seine preisgekrönten Dokumentarfilme »Helbra«, »Heinz und Fred« und »MansFeld« wurden international bekannt. 2015 debütierte er mit dem Erzählungsband »Die Frau des schönen Mannes«, für den er 2015 den »Klopstock-Förderpreis für neue Literatur« des Landes Sachsen-Anhalt erhielt.


Ellen Bornkessel
Forest Bus. Embasy of Trees
Texte von Fabian Lasarzik und Dr. Tanja Busse
Herausgeber: Ellen Bornkessel und Fabian Lasarzik
Deutsch
Format: 26,5 × 22 cm
Hardcover, 72 Seiten
Kettler-Verlag, Dortmund
ISBN 978-3-86206-822-7
24,00 €

In ihrem künstlerischen Schaffen sucht Ellen Bornkessel Inszenierungen, die keine sind, und mag Momente, in denen sich Kontexte verschieben und sich Parallelwelten auf verschiedenen Ebenen öffnen und begegnen: Ein leuchtender und zudem im Inneren duftender öffentlicher Nahverkehr „Wald-Bus“ bringt einen Naturwald zu den Menschen in die Stadt Monheim, eine ca.100 Meter lange Bauzaunfassade mit besonderen Baumfotografien umrahmt das Hauptportal des Kölner Doms und erinnert nebenbei daran, dass Bäume auch als Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde stehen. Die intensive und vielseitige künstlerische Beschäftigung mit dem öffentlichen Raum, sei er als Bühnen- oder Zuschauerraum oder als etwas dazwischen in Szene gesetzt, ist ein starkes Merkmal ihres Schaffens.

Diese Art der mobilen künstlerischen Fotoinstallation des Forest Bus dürfte neu für das Genre der Kunst im öffentlichen Raum sein. Sicher gibt es Fotoinstallationen im öffentlichen Raum, jedoch sind fahrende Kunstfotografien und die daraus resultierenden wechselnden Wirkungen der Rezeptionsperspektiven mit und an verschiedenen örtlichen Situationen eher von der Graffitikunst, wie sie auf Zügen oder auf Bussen stattfindet, bekannt.

Die Fotografien entstammen verschiedenen Serien zum Thema Wald und die Arbeiten bestechen durch ihr magisches Leuchten und die distanzlose Sicht auf die Bäume. Sie fotografiert die Bäume wie Angehörige einer Gruppe, deren Mitglied sie ist. Das ist das Zentrale an den Aufnahmen.

Bruno Latour, Philosoph und einer der wichtigsten Denker der aktuellen Anthropozän Diskusssion bemerkt, dass die neue Verbindung von Mensch und Natur keinen Platz zulässt, von dem man zuschauen könnte. Im Rahmen der fotografischen Darstellung bei Bornkessel heißt dies überspitzt: Es gibt kein Subjekt und Objekt mehr in den Bildern. Keinen Unterscheid zwischen Betrachter und Betrachtetem. Es geht Ellen Bornkessel um das Ganze. Vor allem um die Bewahrung des großen Geheimnisses, das darin besteht, das wir es nicht erkennen können, weil wir selbst Teil davon sind. Es geht nicht um die Dokumentation einer herkömmlichen Betrachtungsweise. Es ist eine individuelle Sichtweise, die dazu dient, das Geheimnis der Schöpfung mit uns als Teil bewahren und uns als Verwandte innerhalb der Mitglieder der Natur zu sehen. (Fabian Lasarzik)

Das Buch dokumentiert das Projekt Forest Bus durch zahlreiche Aufnahmen, zusätzliche Wald-Fotografien sowie Zitate, Statements und Eindrücke des Publikums.

Das „Forest Bus“ Kunstprojekt - die mobile Fotoinstallation im öffentlichen Raum - wurde verlängert bis 31. Juli 2020.

 

Moderne.Ikonografie.Fotografie 1
Photographien vom Bauhaus und der Zeit bis 1945 - Lucia Moholy, László Moholy-Nagy, T. Lux Feininger, Herbert Bayer, Marianne Brandt, Gyula Pap, Alexander Rodtschenko, Albert Renger-Patzsch, Wols und zahlreiche andere.
Entwicklungen nach 1945 Heinrich Heidersberger, Otto Steinert, Harry Callahan, Aaron Siskind, Hilla u. Bernd Becher, Ezra Stoller, Gottfried Jäger, Brian Eno, Ed Ruscha, Evelyn Richter, Ulrich Wüst, Kurt Buchwald, Anna und Bernhard Blume, Hiroshi Sugimoto und viele weitere.
 Herausgeber Annegret Laabs, Uwe Gellner
Texte von Uwe Gellner, Gerhard Glüher, Gottfried Jäger, Annegret Laabs
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Festeinband,
336 Seiten, ca. 140 Schwarz-Weiß und Farbabbildungen
E.A. Seemann Verlag, Leipzig
ISBN 978-3-86502-433-6
36,00 €

Moderne.Ikonografie.Fotografie 2
Photographien von Bernadette Keating, Mihai Sovaiala, Julius Schreiner, Valentina Plank, Dana Lorenz, Sophia Kesting, Johannes Ernst, Felix Bielmeier, Christoph Brückner, Isabell Hoffmann, Florian Merdes, Nicole Burnett , Alexander Rosenkranz, Nea Gumprecht, Florian Weber (Studentenprojekt Leipzig)
Herausgeber Annegret Laabs, Joachim Brohm
Texte von Joachim Brohm, Stephanie Milling
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Schweizer Broschur, bauhaustypischer Ausstattung,
82 Seiten, ca. 50 Abbildungen in Schwarz-Weiß und Farbe
E.A. Seemann Verlag, Leipzig
ISBN 978-3-86502-434-3
12,00 €

 

Das Buch »Moderne.Ikonografie.Fotografie« Band 1+2 ist eine besondere Edition, da sie die Brücke schlägt zwischen der klassischen Moderne und der aktuellen Photographie Die Einbeziehung der Studenten der Klasse Joachim Brohms (HfBK Leipzig) ist dabei ein sehr interessante Aspekt. Mittlerweile ist es das dritte Buch zur stilistischen Rezeption des BAUHAUS in der Photographie, das einen speziellen Blick auf 100 Jahre Photographie zeigt. Während die bisherigen Bücher (2019/2020) zur Photographie und dem BAUHAUS den Focus auf die Lehrergeneration und die heute aktive Schülergeneration richteten wie z.B. »Neues Sehen - Neue Sachlichkeit« (LWL Westfalen-Lippe) und »Sichtweisen. Die neue Sammlung Photographie« ist dies der Blick auf die aktuelle Studentengeneration und ihre Rezeption! Ein besonderer Reiz geht auch davon aus, dass es keine kunstwissenschaftlich orientierte Themenkonzeption ist, sondern die 3 Essays durch einen Bildteil mit Textkommentaren strukturiert sind, die auf die Querbezüge und die gegenseitige Inspiration der Photographen*innen verweisen und diese in einem größeren Zusammenhang kommentieren. Dieser z.T. subjektive und persönliche Blick auf die Stilentwicklung der Photographie ist es, der diese nicht nur nachvollziehbar sondern auch neu interpretierbar macht!
Beim Blättern im Buch wird der Leser zu einer Neubetrachtung der stilistischen Entwicklung der Photographie angeregt, da Ikonen der klassischen Moderne neben journalistischen, wissenschaftlichen Motiven und Einzelbilder neben thematisch künstlerischen konzeptuellen Motiven stehen. Frühe fotografische technische Experimente am BAUHAUS (Moholy-Nagy, Photoplastiken und Arbeiten mit Licht), klassische SW-Photographie und amerikanische Farbphotographie sind besonders sehenswert durch nicht so bekannte Positionen. Denn alle Photographien sind nicht zeitlich oder nach Stilepochen geordnet sondern nach den stilistischen Bezügen Aspekten unterschiedlicher Photographen*innen verschiedenster Zeitabschnitte. So wird der Betrachter ganz unmerklich an die Inspirationen, Gedanken und Intentionen der Photographen*innen herangeführt und kann nachvollziehen – wie diese thematischen Anliegen jeweils die stilistische Gestaltung der Photographie kontinuierlich verändert und bis heute auch sehr unterschiedlich geprägt haben.

Im Band 1 werden neben dem visionären Denken neuer Strukturen für die Gesellschaft mit fotografische Grenzüberschreitungen, und kreative Impulsen beim Arbeiten mit Licht und Schatten (László Moholy-Nagy) ein „Neues Sehen“ entwickelt, das mit Walter Peterhans in die „Neue Sachlichkeit“ übergeht, beide zusammen bilden den Aufbruch der Photographie in die klassische Moderne. Mit dieser Entwicklung wird die Photographie zum künstlerischen Medium. Der Weg von dem `Experimentiermedium zur künstlerische Position´ zeigt die ganze Bandbreite und Vielfalt dieses Mediums. Band 2 zeigt eine interessante Übersicht über die fotografischen Werkserien der Studenten und Absolventen der Klasse Joachim Brohm (HfBK Leipzig, ein eigener Katalog). Interessante Ansätze zeigen die Rezeption der Bauhaus-Meister und eine interdisziplinäre Aufbruchsstimmung, in der Ideen und kritisches Hinterfragungen des Bauhaus-Gedanken zu innovativer Photographie verarbeitet werden.

Ein sehr empfehlenswertes Buch als Dokument der 100 Jahre Kulturgeschichte der `Photographie´ aber auch für die Entwicklung der klassischen Moderne und ihren stilistischen Impulsen für die Photographie. Für Kunstwissenschaftler und Photographen gleichermaßen interessantes Buch, das schön gestaltetet ist mit einer ausgewogenen dem Bauhaus entsprechenden Typografie und einer sachlich funktionalen Buchgestaltung. Insgesamt eine gelungene Publikation, die den gezeigten Werkgruppen künstlerisch gerecht wird und den Liebhaber des Photographie-Buches durch eine besondere künstlerische Note erfreut. db

 

Stadtgeschichte auf Fotografien
Halle (Saale) im 20. Jahrhundert
Herausgegeben von Daniel Watermann und Susanne Feldmann
276 Seiten mit zahlreichen s/w- und Farbabbildungen
Mitteldeutscher Verlag
ISBN 978.3.96311.318.5
24,00 €

Ob Besuch vom Deutschen Kaiser oder von Fidel Castro, ob Blumen für Walter Ulbricht oder Eierwürfe auf Bundeskanzler Kohl: Im Fokus dieses Bands stehen Photographien, die wichtige Ereignisse mit Bezug zur regionalen sowie gesamtdeutschen Geschichte in der Saalestadt Halle zeigen.

In dem aus einer Vortragsreihe im Stadtmuseum Halle erwachsenen Buch wird von den Autorinnen und Autoren zunächst ein „Hauptphoto“ vorgestellt und analysiert. Anschließend wird erläutert, welche Inhalte sich aus dieser wie auch aus weiteren Aufnahmen ablesen lassen, welche Ziele mit den Fotografien verfolgt wurden, was unter dieser Prämisse präsentiert und was weggelassen wurde. So erschließen sich nicht nur wichtige historische Zäsuren, sondern es wird ebenso sichtbar, dass Photographien schon früh für Propagandazwecke benutzt wurden und in diesem Zusammenhang auch Manipulationen möglich waren.

 

Usedom
Photographien von Matthias Gründling
Vorwort und Text von Jochen Stamm
Deutsch
Buchgestaltung Festeinband, Farbabbildungen,
128 Seiten, ca. 100 Farbabbildungen
Verlag Edition Braus, Berlin
ISBN 978-3-86228-209-8
19,95 €


Das Buch »Usedom Wege über die Insel« illustriert das Zitat „… und der Strand ist meine große Geliebte“ des Malers Otto Niemeyer-Holstein. Die Motive des Usedomer Photographen Matthias Gründling zeigen in klassischer Reisephotographie eine atemberaubende Naturlandschaft und eine Insel deren Historie von dem Streckelsberg bis zum Geburtsort der Raketentechnik in Peenemünde reicht.

Die Photographien im Buch sind dabei wie ein virtueller Weg über die Insel angeordnet. Der Text von Jochen Stamm interpretiert kongenial die Photographien, indem er eine Ferienzeit in den 1960er Jahren beschreibt, an die sich viele dieser Generation gerne erinnern. Man erkennt, dass der Photograph auf der Insel aufgewachsen ist und daher ein besonderes persönliches Verhältnis zu ihr hat. Die Photographien fangen wie die Gemälde Niemeyer-Holsteins eine Landschaft am Meer mit ihren Wetterstimmungen den Jahres- und Tageszeiten ein, so dass der Betrachter angeregt wird sich auch real einmal mit dieser Region auseinanderzusetzen.

Eine gelungene Publikation, die zum Nachdenken über die eigenen Reisen anregt und ein empfehlenswerter Erinnerungsband an eine Reise durch Vorpommern mit einem Inselbesuch und für den ambitionierten Amateurphotographen auch eine schöne Anregung für einen eigenen Photorundgang auf Usedom. (db)

 

Astrid Lowack
The Elements of Transcendence
Hrsg.: Dr. Marion Bornscheuer
Text: Deutsch / Englisch
108 Seiten mit 53 Abbildungen in Farbe
Format: 21x24 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-3522-0
19,90 €


Die Arbeiten der Photographin Astrid Lowack, geboren 1969 in Bamberg und in der Nähe von Amsterdam lebend, entstehen zumeist in der Natur und beschäftigen sich mit dem Spiel jener Elemente, die eine „transzendente“, jenseits traditioneller Sinneserfahrungen liegende Bildwirkung haben: Licht und Schatten, Wasser und Bewegung.

Als Motoren des Lebens bewirken diese unaufhaltsam Veränderungen und reflektieren dabei unser Innerstes – unsere Gefühle und Erfahrungen. Ihre Momentaufnahmen, die in dem im Hirmer Verlag, München, erschienenen Buch „The Elements of Transcendence“ jeweils ganzseitig wiedergegeben sind, stellen die Wahrnehmung des Betrachters vor stete Herausforderungen. Ihre stark abstrahierenden Photographien, die in die fünf Kapitel Geburt, Eintauchen ins Leben, Apokalypse, Paradies und Chaos unterteilt sind, zeigen weder konkrete Bildmotive noch sind sie ganz abstrakt: Sie sind in der Natur aufgenommen, bilden diese jedoch nicht ab, sie sind Momentaufnahmen und dennoch zeitlos und universell. Sie sind optisch durchaus mit der Malerei verwandt und leuchten in intensiven Farben. Der 2011 mit dem Kulturpreis der DGPh ausgezeichnete Kunsthistoriker Klaus Honnef kommt in seiner Analyse der Photographien von Astrid Lowack zu dem Ergebnis: „Wer sich anschickt, ihre Bilder zu beschreiben, muss scheitern.“

Die Herausgeberin Dr. Marion Bornscheuer, Direktorin am Museum Moderner Kunst Wörlen, Passau, schreibt in ihrer Einführung in das Werk von Astrid Lowack am Beispiel des Bildes „Fata Morgana“ denn auch: „Die Photographie erinnert kompositorisch an informelle oder abstrakt-expressive Gemälde, oder auch an Erscheinungsformen, wie beispielsweise Galaxiennebel oder polierte Edelsteine. Die Spannweite an Assoziationsmöglichkeiten reicht vom Makro- bis zum Mikrokosmos, der Phantasie sind durch den Verzicht auf ein konkretes Bildmotiv keine Grenzen mehr gesetzt.“ Tatsächlich entführt Astrid Lowack mit ihrer imaginativen Photographie den Betrachter in eigene Erinnerungs- und Traumwelten. (vZ)

 

Reise durch Nubien – Photos einer Expedition um 1900
Photographien von Ludwig Borchardt, Curt von Grünau
Herausgeber Jana Helmbold-Doyé, Thomas L Gertzen,
Vorwort Friedrich Seyfried
Essays von Caris-Beatrice Arnst, Thomas L Gertzen, Jana Helmbold-Doyé,
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Festeinband
Band 4 der Reihe „Menschen – Reisen – Forschungen“
192 Seiten, 124 Abbildungen in Schwarz-Weiß, 10 Farbabbildungen,
Reichert Verlag, Wiesbaden
ISBN 978-3-95490-367-2
49,00 €

Das Buch »Reise durch Nubien« zeigt nicht nur eine Sternstunde der Photographie und der Archäologie sondern ist auch ein Zeitzeugnis wissenschaftlicher Forschung vor 120 Jahren, wenn man sich vergegenwärtigt, dass 3 Archäologen (Georg Steindorff, Ludwig Borchardt und Heinrich Schäfer) ein Altertumswissenschaftler (Hermann Thiersch) und ein Diplomat (Curt von Grünau) einen Nildampfer (Dahabije) chartern eine SW-Dunkelkammer einbauen lassen um die Nubische Wüste zwischen dem 1. und 2. Katarakt 6 Wochen (März -April 1900) zu erforschen.
Zwei Jahre nach der Orientreise des Deutschen Kaisers Wilhelm II. (11, Oktober bis 26. November 1898), der bei seinem Besuch in Baalbeck (10 November 1898) die Preußische Messbildanstalt beauftragte das ganze archäologische Gebiet auf 20x30cm Glasplatten Photographisch festzuhalten, werden wie vorher schon in Griechenland Jahrtausende alte Kulturschätze wissenschaftlich exakt und mit durchaus künstlerischer Bildgestaltung für die Nachwelt bewahrt.

Die 340 Aufnahmen der Nubien Expedition um 1900 wurden bei der Erschließung des Photographie-Archives (2015) des Ägyptischen Museum in Berlin wiederentdeckt. Das Buch zeigt eine Auswahl dieser Photographien und gibt Hintergrundinformationen zu der wissenschaftlichen Ausrichtung der Reise, den Bedingungen der Photographie im Wüstenklima Ägyptens und dem Kulturraum `Nubien.´ Das bis heute einzigartige dieser hervorragend dokumentierte Forschungsreise ist die umfassende Auseinandersetzung mit einem Kulturraum und dessen exakte Dokumentation mit dem Medium der Photographie. Dieser umfassende lebendige Eindruck von der Architektur, Landschaft und Orten eines nicht mehr existierenden Kulturraums, ist durch den Stausees des zweiten `Assuan-Staudamms´ seit 1971 unwiederbringlich verloren gegangen.

Die Photographie ermöglicht es diese Kulturschätze für alle zu bewahren und nicht nur die heimischen nationalen Museen mit Trophäen zu füllen. In diesem Zusammenhang ist auch die Glasplattentechnik zu erwähnen, die einzigartig zur Bewahrung von Kulturgütern ist. Sie war vor 120 Jahren kopierbar ist es heute und wird in 150 Jahren noch kopierbar sein. Diese unveränderte dokumentarische Qualität der Photographie-Negative bewahrt auch unser nationales Kulturerbe in dem uns von Glasnegativen die Meisterwerke u.a. von August Sander und Albert Renger-Patzsch in unveränderter Qualität zur Verfügung stehen.
    
Für Archäologen und Photographen gleichermaßen ein interessantes Buch, das schön gestaltetet ist und zur kritischen Reflexion eines historischen Abschnitts beider Fachrichtungen anregt. Ein empfehlenswertes Dokument der Kulturgeschichte Nubiens aber auch für die Entwicklung der technischen Impulse in der Photographie. Insgesamt eine gelungene Publikation, die der gezeigten Werkgruppe gerecht wird und den Liebhaber des Photographie-Buches durch eine besondere Thematik einbezieht. (db)

Ausstellung bis 30.08.2020 im Neuen Museum (Berlin)

 

Heidi Mertens, Robert Mertens
Inspiration Leica Akademie

Texte: Deutsch, Englisch
343 Seiten, in Farbe
Format: 24x28 cm, gebunden,
Bonn, Rheinwerk Verlag
ISBN: 978-3-8362-6973-5
49,90 €

 

Die international tätige Leica Akademie geht auf die älteste Photoschule für angewandte Kleinbildphotographie zurück: Im Jahr 1930  wurde bei Leitz in Wetzlar ein „Lehratelier“ gegründet, das sich 1938 in Leica Schule umbenannte. Mit Verselbständigung der Leica Camera und erweiterter Lehrtätigkeit wurde daraus 1988 die Leica Akademie, die heute in 15 Ländern der Welt von Deutschland über Australien und Griechenland bis China und USA tätig ist.

Jetzt haben die auch als Dozenten in der Leica Akademie tätigen Autoren Heidi Mertens, die in ihren künstlerischen Arbeiten Elemente aus der Photographie mit Graphik und Malerei kombiniert, und der Photograph, Photokünstler und Trainer Robert Mertens einen Bildband zusammengestellt, der mit beispielhaften Arbeiten von in den Leica Akademien weltweit als Kursbetreuer tätigen Photographen bestückt ist. Der im Rheinwerk Verlag, Bonn, erschienene Band „Inspiration Leica Akademie“ erzählt, wie man den entscheidenden Moment festhält, wie beim Photographieren Perspektivwechsel als kreative Chance genutzt wird, wie man Regeln einmal Regeln sein lassen kann oder wie weniger oftmals mehr ist, getreu dem Motto von Karin Rehn-Kaufmann (DGPh), Generalbevollmächtigte der internationalen Leica Galerien: „Erst wenn die Idee des Photographen sich zum einzigartigen Motiv gestaltet, ist das wesentliche Ziel erreicht: Eine photographische Arbeit, auf die man länger schaut und die ihre Magie oder ihren Charakter auch über die Flüchtigkeit der Zeit behält.“

Über 80 erfrischend kurze Essays, die in acht Kategorien – Wahrnehmung, Persönlichkeit, Kreativität, Ideen, Komposition, Licht, Technik, Konzepte – unterteilt sind, erläutern dies, auch mit einer zu jedem Thema immer mittig herausgehobenen Kernaussage. Jede Seite ist individuell gestaltet  und in Farbe auf matt gestrichenem „Ultra HD Print“-Bilderdruckpapier, das für besonders brillante Farben, feinste Bilddetails und einen gestochen scharfen Kontrast der Photos sorgt, gedruckt.
Die über 70 Photographen sind in dem weltweiten Netzwerk der Leica Akademien auf allen Kontinenten tätig, unter ihnen Fulvio Bugani, Akira Kasai, Jesse Marlow, Craig Semetko oder den in Wetzlar im Stammhaus arbeitenden Siegfried Brück (DGPh), Herbert Piel (DGPh), Oliver Richter und Udo Zell.

Wer sich photographisch weiterentwickeln und von den Meistern lernen möchte, findet in dem Bildband eine Quelle der Inspiration – zum Nutzen der individuellen Fähigkeiten und der eigenen kreativen Wahrnehmung. (vZ)