Neue Bücher im Juli 2020

Peter Lindbergh
On Fashion Photography

Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch
440 Seiten
Format: 24,5x35  cm
Hardcover mit Schutzumschlag
Taschen-Verlag, Köln
ISBN: 978-3-8365-8442-5
60,00 €
 

„Was macht die Erzählung aus? Niemals die Kleider“. Das stellte Peter Lindbergh (1944 – 2019) in einem Gespräch mit Isabel Flower und Michelle Kuo vom Artforum 2016 fest, das zu Beginn des Bildbandes „On Fashion Photography“ in die Arbeit des Photographen einführt und einen aufschlussreichen Blick hinter dessen Kamera ermöglicht. Denn hier erzählt Lindbergh von dem fragilen Verhältnis zwischen kommerzieller und bildender Kunst sowie der Kraft des Geschichtenerzählens. „Die Arbeit mit der Kleinbildkamera ist wie ein Gespräch – eben Konversationsfotografie.“


Nach dieser Maxime revolutionierte Peter Lindbergh die Modephotographie. Dies begann im Jahr 1988 an einem Strand in Malibu, als er die Photos der White Shirts-Serie aufnahm. Die einfachen, heute legendären Photographien zeigten Linda Evangelista, Christy Turlington, Rachel Williams, Karen Alexander, Tatjana Patitz und Estelle Lefébure und machten diese bekannt. Sie waren der Beginn einer Ära, in der Schönheit neu definiert wurde. Denn der Photograph Peter Lindbergh verweigerte sich den bis dahin gültigen Schönheitsstandards der Modeindustrie, indem er neben dem Aussehen der Frauen vor allem deren Geist und deren Persönlichkeit betonte. Mit dieser Maxime war er entscheidend beteiligt am Aufstieg von Models wie Kate Moss, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Cindy Crawford, Kristen McMenamy oder Mariacarla Boscono. Der Bildband enthält aber auch Aufnahmen von Hollywood-Größen, wie Cate Blanchett, Charlotte Rampling, Richard Gere, Madonna, Brad Pitt, Catherine Deneuve und Jeanne Moreau. Von seinem berühmten Photo der „Supermodels“, das Anna Wintour 1990 zum Titelbild ihrer ersten Vogue-Ausgabe machte, bis hin zur legendären Aufnahme von Tina Turner auf dem Eiffelturm – nie ist es die Kleidung, die Berühmtheit oder der Glamour, die in einem Lindbergh-Photo im Mittelpunkt stehen.


Der großformatige, im Taschen-Verlag, Köln, erschienene Bildband „On Fashion Photography“ folgt Lindberghs humanistischem Ansatz und seiner Vorliebe für filmische Inszenierungen. Das Buch versammelt mehr als 300 Bilder aus seiner 40jährigen Karriere. Es umfasst in alphabetischer Reihenfolge von Azzedine Alaïa über Dolce & Gabbana, Jean Paul Gaultier und  Yves Saint Laurent bis Yohji Yamamoto seine in den führenden Modezeitschriften abgedruckte Arbeit für die 19 wichtigsten Modelabels, eine Zusammenarbeit, die stets auf großem, gegenseitigem Respekt beruhte, der in seinen Porträtaufnahmen durchaus spürbar ist.


Jede Photographie von Peter Lindbergh vermittelt Menschlichkeit und einen Sinn für emotionale Klarheit – eine stille und gefühlvolle Melancholie, die einzigartig und unverkennbar seine Handschrift trägt. (vZ)

 

Sibylle Fendt
Holzbachtal, nothing, nothing

Fotografie und Texte: Sibylle Fendt
Gestaltet von Julia Kuon
Festeinband mit Schweizer Bindung und 8 Seiten Textheft
Format: 20 x 24 cm, 168 Seiten
78 Farbabbildungen
Deutsch, Englisch
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-96900-000-7 2020
38,00 €

Ein Buch über das Warten und das Nichts in der Abgeschiedenheit einer Unterkunft für Geflüchtete

Tief im Schwarzwald, im Holzbachtal, liegt die Flüchtlingsunterkunft H8, in der über 20 Jahre lang Geflüchtete untergebracht wurden. Das Holzbachtal ist kein Ort, es ist nur eine Straße, ein Bach, mitten im Wald. Die Männer haben dort nichts zu tun, außer warten, schlafen, kochen, sich mit ihren Handys beschäftigen. Wenn sie Glück haben, können sie nach einigen Monaten einen Integrationskurs in der nächstgrößeren Stadt besuchen. Wenn sie Pech haben, warten sie vergeblich darauf.

Drei Jahre lang hat Sibylle Fendt die jungen Männer regelmäßig besucht und porträtiert. Drei Jahre lang hat sie mit ihnen gewartet und die Zeit verstreichen lassen. Drei Jahre lang saß sie mit ihnen hinter zugezogenen Vorhängen in ihren Zimmern, während draußen die schöne Schwarzwaldlandschaft lag.

»Draußen passierte die schöne Schwarzwaldlandschaft, mir bestens vertraut, doch den Bewohnern vollkommen gleichgültig. Sie bauten sich Höhlen, kleine zugehangene Schutzräume, in denen sie Tee tranken, rauchten und mit ihren Handys auf ihre vertraute Welt und ihre Sehnsuchtswelten zurückgriffen und Kontakt zu Verwandten und Freunden hielten. Meistens war ich willkommen, oft wurde ich zum Essen eingeladen und durfte mit ihnen die Zeit verstreichen lassen. Nur manchmal – vielleicht in den Momenten, in denen ihnen ihre ausweglose Lage zu sehr bewusst wurde und sie sich dessen schämten – wollten sie alleine sein. Bis heute bin ich in gewisser Weise fremd geblieben und stehe noch immer staunend vor einem Rätsel. Ich stelle mir die Frage, was ich machen würde, wenn ich die Heimat verlassen müsste und in der maximalen Fremde neu anfangen müsste. Ich kann es mir nicht vorstellen, und die Frage bringt mich keinen Millimeter weiter. Ich frage mich, was die Männer denn machen könnten, anstatt in ihren vernebelten Höhlen zu sitzen. Ich finde die Frage anmaßend und bleibe weiterhin ratlos. So verbrachte ich mit ihnen Zeit und versuchte zu lernen, die Zeit einfach so verstreichen zu lassen und in dem Jetzt und in dem Nichts den ganzen Sinn zu finden und ein Bild davon zu machen.« – aus dem Text von Sibylle Fendt

Sibylle Fendt (*1974) studierte Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld und bei Wolfgang Tillmans an der Städelschule in Frankfurt/Main. Seit 2002 arbeitet sie als unabhängige Fotografin. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Joop-Swart-Masterclass, World Press Photo, Amsterdam, mit dem Dokumentarfotografie-Förderpreis der Wüstenrot-Stiftung, dem Vattenfall Fotopreis und dem Deutschen Fotobuchpreis. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Ausstellung: Kontinent - Auf der Suche nach Europa, 2. Oktober 2020 bis 10 Januar 2021, Akademie der Künste, Berlin

 

Massimo Listri
Wunderkammern

Texte:  Antonio Paolucci, Giulia Carciotto
Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch
356 Seiten
Format: 30x40 cm, Hardcover
Taschen-Verlag, Köln
ISBN: 978-3-8365-4035-3
100,00 €

Der Photograph Massimo Listri, 1953 in Florenz geboren, arbeitete bereits im Alter von 17 Jahren für Kunst- und Architekturzeitschriften, wo er erste große Reportagen über prachtvolle Paläste, außergewöhnliche Villen und historische Bauwerke aller Epochen veröffentlichen konnte. Seine Aufnahmen sind mittlerweile in etwa 70 Bildbänden publiziert und weltweit in Einzelausstellungen gezeigt worden.

Listris neues, im Taschen-Verlag, Köln, erschienenes Werk „Das Buch der Wunderkammern“ fasst die im 16. und 17. Jahrhundert  gesammelten Schätze von 19 Museen, Schlössern und Palästen aus sieben europäischen Ländern zusammen, die er im Laufe mehrerer Jahrzehnte bereiste. Seine im Großformat 30x40 cm oder auf Doppelseiten gar 60 cm Breite erstklassig gedruckten Photographien zeigen sowohl die reich verzierten Innenräume – die Kammern – als auch die diese beherbergenden Schätze – die Wunder - aus den schönsten Sammlungen der Welt, beginnend mit dem Grünen Gewölbe in Dresden und endend mit dem Malplaquet House in London. Diese sind mit allen möglichen Gegenständen künstlerischer, wissenschaftlicher und intellektueller Antiquare bestückt und bilden zugleich den Ausgangspunkt moderner Wissenschaft. Hier ist alles zu finden: Bildende Kunst, wissenschaftliche Geräte, Astrologie und Medizin, Zoologie und Botanik, Gemmologie und Metallurgie, Esoterik und Alchemie. Zu bestaunen ist eine großartige Auswahl erlesenen Kunsthandwerks: Die „echten“ Hörner des Einhorns (Narwal-Stoßzähne) ebenso wie Edelsteine, seltene Korallen, Glas aus Murano, Gemälde und verblüffende mechanische Automaten, aber auch Abbildungen exotischer und mythischer Wesen sowie die berühmten „Coburg Elfenbein-Schnitzereien“.

Der Titel der Einführung in den Band, sachkundig verfasst von Antonio Palucci, Spezialist für italienische Renaissancekunst und von 2007 bis 2016 Direktor der Vatikanischen Museen, lautet denn auch „Artificialia und Naturalia: Die Welt als Sammlung“. Vor jedem der 19 Kapitel weist die Kunsthistorikerin Giulia Carciotto zunächst kurz auf besonders Sehenswertes des Gebäudes und der Sammlung hin und schildert nach dem umfangreichen Bildteil jeweils die Geschichte sowie anhand nochmals kleinformatig wiedergegebener Bilder ausführlich deren Besonderheiten.

Der Prachtband „Wunderkammern“ ermöglicht durch die hervorragenden Photographien von Massiomo Listri den unmittelbaren Zugang zu den großartigen, teils auch bizarren und kuriosen Schätzen der Menschheit. (vZ)

 

Helena Janeczek
Das Mädchen mit der Leica

Übersetzung: Verena von Koskull
352 Seiten
Format: 13,5x21 cm, Hardcover mit Schutzumschlag
Berlin, Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH
ISBN: 978-3-8270-1398-9
22,00 €

Um es gleich zu sagen: Dies ist kein Photobuch. „Das Mädchen mit der Leica“ von Helena Janeczek ist als Roman angekündigt, handelt aber von realen Personen, von Gerda Taro, Willy Chardack, Ruth Cerf, Georg Kuritzkes und anderen - und natürlich dem aus Ungarn stammenden Photographen Endre  bzw. André Friedmann, der sich in Frankreich den Namen Robert Capa zulegte.
Die Schriftstellerin lässt sie alle ihre gemeinsamen Jahre in vielen Zeitsprüngen Revue passieren. Unter Ruth Cerfs kritischem Blick werden die Arbeit in der Dunkelkammer, die dauernden Geldsorgen und Taros Draufgängertum ebenso lebendig wie sich Georg Kuritzkes an die gemeinsame Jugend mit Gerta, an ihr Wiedersehen in Paris und die Not der Holocaust-Überlebenden erinnert.  Doch vor allem beschreibt die vielfach ausgezeichnete, in München als Tochter einer jüdisch-polnischen Familie geborene Helena Janeczek das Leben der als Gerta Pohorylle in Stuttgart und Berlin aufgewachsenen, in Leipzig zur überzeugten Sozialistin gewordenen und spätestens in Paris, wohin sie von den Nazis geflohen war, zur Photographin gewachsenen Gerda Taro. Denn dort begegnete sie Robert Capa, auch er ein Hunger leidender jüdischer Flüchtling. Die beiden verlieben sich, er drückt ihr seine Leica in die Hand und sie arbeiten von nun an gemeinsam. Beide dokumentieren sie an der Front den Spanischen Bürgerkrieg - aber sie bezahlt diesen Einsatz mit dem Leben.


Zur Beerdigung von Gerda Taro in Paris kamen am 1. August 1937, ihrem 27. Geburtstag, Zehntausende: Capa führte mit Louis Aragon, Pablo Neruda und Henri Cartier-Bresson den Trauerzug an, Alberto Giocometti schuf ihr Grabmal. Dann wurde Gerda Taro vergessen - bis 2007 in Mexico ein lange verschollener Koffer gefunden und in New York von Cornell Capa, dem Bruder von Robert Capa und Leiter des International Center of Photography (ICP), geöffnet wurde. Darin fand man Robert Capas, aber auch Gerda Taros Negative, vor allem aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

Wer aber war diese ungewöhnliche junge Frau, die ein paar Jahre lang ganz Paris den Kopf verdrehte und zur ersten Kriegsphotographin wurde? Helena Janeczek hat sie in dem im Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH erschienenen, preisgekrönten Roman „Das Mädchen mit der Leica“  behutsam nacherfunden. Aus den Splittern der Erinnerung dreier alter Freunde setzt sie ein Bild zusammen und der unfassbar kühnen Träumerin und mutigen Photopionierin Gerda Taro ein berührendes, weit über die sensationellen Fakten hinausreichendes, literarisches Denkmal. (vZ)

 

Wüstenrot Dokumentarfotografie 12
Photographien von Christian Kasners, Jiwon Kim,Jens Klein, Joscha Steffens

Herausgeber Wüstenrot Stiftung
Vorwort Joachim Schielke
Texte von Boaz Levin, Christin Müller
Deutsch
Buchgestaltung Festeinband
80 Seiten, ca. 108 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß
Eigenverlag, Ludwigsburg
ISBN 978-3-96075-001-7
Kostenloser Bezug bei der Wüstenrot Stiftung

Das Buch “Dokumentarfotografie Förderpreise 12“ verbindet wieder interessante zeitgenössische photographische Positionen mit einem anregenden Diskurs zu Entwicklungen in der Dokumentarphotographie. Die von der Wüstenrot Stiftung und dem Folkwang Museum gezeigten Arbeiten setzen sich mit den globalen politischen und sozialen Situationen und Ereignissen auseinander. Christian Kasners (geb. 1983) setzt sich in Nová Evropa mit den historischen Hinterlassenschaften und politischen Erwartungshaltungen der Bürger*innen in Tschechien und deren Auswirkungen auf die Idee eines vereinten Europas auseinander. Mit Paradise Complex begibt sich Jiwon Kim (geb. 1982) auf die Suche nach dem Paradies in Costa Rica. Jens Kleins (geb. 1970) Arbeit Sunset zeigt in einem labyrinthischen visuellen Essay vermeintliche Orte der Flucht aus der DDR. Mit seinem Projekt Nexus widmet sich Joscha Stefens (geb. 1982) dem Phänomen von Jugendlichen, die durch gemeinsames Spiel zu einer (quasi-) religiösen Erfahrung einer Glaubensgemeinschaft gefunden haben. Dabei changieren die Serien zwischen photodokumentarischer Realität und konzeptionellem Kunstprojekt. Thematisch werden aktuelle gesellschaftspolitische Fragen an Europa, unsere jüngere Geschichte und unsere Freizeitvorstellungen bearbeitet.


Die umfassende Förderung der Wüstenrot Stiftung besteht in einem finanziellen Zuschuss zum Projekt, der Ausrichtung der Ausstellung und der Dokumentation in diesem Begleitbuch. Das Symposium zu gegenwärtigen Fragen der künstlerischen Dokumentarphotographie wird auch in den fundierten Textbeiträgen des Buches publiziert.(db)

Ausstellung bis 8. November 2020 im Folkwang Museum (Essen)

 

Jana Sophia Nolle
Living Room: San Francisco 2017 / 2018

Texte: Jana Sophia Nolle, Aaron Schuman
Gestaltung: Sven Lindhorst-Emme
Format: 30 × 28 cm
64 Seiten, 42 farbige Abbildungen
Hardcover
Sprachen: Englisch
Kerber-Verlag
ISBN 978-3-7356-0705-8
48,00 €

Als die Fotografin Jana Sophia Nolle (*1986) nach San Francisco kam, war sie schockiert über die enorme Obdachlosenzahl der Metropole. Nolle sah – unmittelbar neben teuren Townhäusern und Villen – unzählige, behelfsmäßige Hütten aus Planen und Kisten. Trotz der bedrückenden Zustände war die gebürtige Kasselerin fasziniert von den Konstruktionen, mit denen die Obdachlosen versuchten sich und ihre Sachen zu schützen, die viel von ihren Besitzern erzählten: Manche waren kompliziert oder zerbrechlich und andere wiederum glichen nomadischen Fahrzeugen, die den Eindruck konstanter Bewegung vermittelten.

Nolle entschied diese beiden Seiten San Franciscos künstlerisch zusammenzubringen. Sie sprach Obdachlose an, ob sie deren Hütten in den Wohnzimmern reicher Leute nachbauen dürfe – und sie durfte. Schwieriger war die andere Seite: Nolle musste zahlreiche Briefe verschicken und erbat Unterstützung bei einheimischen Freunden, bis sie letztlich 15 Zusagen von wohlhabenden Familien bekam, die bereit waren die Fotografin in ihr Wohnzimmer zu lassen. Kennengelernt haben sich die jeweiligen Obdachlosen und die Hausbesitzer übrigens nicht – aber bereits der Aufbau der Behausungen in den Wohnzimmern sei ein performativer Akt gewesen, der einige Hausbesitzer angeregt habe, sich nach den Hüttenbesitzern zu erkundigen oder Geld an soziale Einrichtungen zu spenden.

Jana Sophia Nolles (*1986) Living Room ist eine konzeptuelle fotografische Studie temporärer Obdachslosenbehausungen, die sie in verschiedenen Wohnungen in San Francisco nachgebaut hat. Sie arbeitete eng mit den wohnungslosen Menschen zusammen und baute ihre Zufluchtsorte anschließend in den Wohnzimmern wohlhabender Personen nach und fotografierte sie dort. Wenngleich Nolle ein hochästhetisches „Inventar, eine Typologie dieser improvisierten Unterkünfte mit all ihren Eigenschaften“ erarbeitete, stellen sich ihre Fotografien dem drängenden soziopolitischen Zwiespalt zwischen sorglosem Leben und Leben in Sorge. (Kerber-Verlag)

Ausstellungen:
3. Juni bis 26 Juli 2020, Living Room, Circulations Festival, Gare de l'est Paris, France
19. September bis 31. Oktober 2020, Living Room, Baker"s Dozen (B12), Torrance Art Museum, Los Angeles, USA

 

Susanne Huth - Analog Algorithm
Photographien von Susanne Huth
Herausgeber FOTOHOF
Texte von Maren Lübbke-Tidow.
Deutsch, Englisch
Buchgestaltung Festeinband,
80 Seiten, ca. 65 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß
Verlag FOTOHOF Edition, Salzburg
ISBN 978-3-902993-91-5
25,00 €

Die Werkserie „Analog Algorithm – Landscapes of Machine Learning“ von Susanne Huth, die in diesem Buch gezeigt wird, nimmt Bezug auf die „new topographics“ eine Stilrichtung aus den Vereinigten Staaten der 1970er Jahre, die eine künstlerische aber zugleich kritischen Sicht auf die Gesellschaft und die von ihr geschaffene Landschaft im Westen der USA zeigt. Im Gegensatz zu der damaligen photographischen Auseinandersetzung mit Einkaufszentren, Industrieparks und ausufernden Wohnsiedlungen thematisiert Susanne Huth die räumliche Realität einer digitalen Ideologisierung an der amerikanischen Westküste. Sie photographierte von 2016-2019 im Silicon Valley, in San Francisco und der Bay Area.

Ergänzt wird diese Werkserie im Buch durch Illustrationen der digitalen Architekturstrukturen der dort ansässigen photographierten Unternehmen (z. B. Google, Facebook und LinkedIn), deren Webseiten abstrahiert und weiterentwickelt wurden. Der Roman „Microsklaven” von Douglas Coupland (Erstausgabe 1995) ist inhaltliche Inspiration für die Photographin und die Textautorin Maren Lübbke-Tidow. Die Gestaltung und die Typografie des Buches „Analog Algorithm“ sind ein Zitat der literarischen Vorlage (1996), dies wird durch die Verwendung der gleichen Schriftschnitte „Helvetica, Courier und Chicago“ unterstrichen, die in der 1990er Jahren ästhetischer Ausdruck des Internets waren. Die Werkserien „California and the West” und „Night Walk” von Henry Wessel waren Vorbild für die hell gehaltenen Photographien in dem Buch.

Ein empfehlenswertes Buch als Dokument der Veränderungen an der amerikanischen Westküste (in 50 Jahren) aber auch für die stilistischen Impulse der „new topographics“ und deren Rezeption in der zeitgenössischen Photographie. Der Index der photographierten Orte ist hilfreich für den Vergleich mit den Photographien der 1970er Jahre. Ein interessanter Beitrag zu dem Diskurs was ist künstlerische „Photographie“ und was ein "Kunstprojekt"? Hierzu sei auch auf das gerade rezensierte Buch „Zwischen Brücken“ und dessen photographische Konzeption hingewiesen.(db)

 

Photographien von Rudolf Holtappel
Die Zukunft hat schon begonnen

Herausgeber Miriam Hüning und Christine Vogt
Vorwort Christine Vogt
Texte von Thomas Dupke, Stefanie Grebe, Miriam Hüning und Christine Vogt,
Deutsch,
Buchgestaltung Festeinband,
272 Seiten, ca. 220 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß
Verlag Kettler, Dortmund
ISBN 978-3-86206-815-9
Buchhandelspreis 38,00 €, Museumspreis 29,80€

Das Buch “Die Zukunft hat schon begonnen“ ist die Monografie über Rudolf Holtappel (1923-2013), dem Chronisten des Ruhrgebiets und vereint über 50 Jahre deutscher Industrie- und Sozialgeschichte. Holtappel als Photograph sehr vielseitig interessiert war für das Theater, für Werbeagenturen; Unternehmen aus dem Einzelhandel (Karstadt 1964–1995 Kunden, Mitarbeitern und Menschenmengen beim Schlussverkauf), der Chemie (Henkel 1974–2002) und der Schwerindustrie (Bull General Electric) bei Arbeitsprozessen, Mitarbeitern und an Standorten tätig und lieferte eindrucksvolle Photographien für Bildbände, für Werbeanzeigen und Firmenbroschüren (Firmenzeitschrift Henkel-Blick) oder als Dokumentation gesellschaftlicher und kultureller Ereignisse (WDR, WAZ).

In Erinnerung bleibt er aber als Photograph, der mit genau beobachteten Alltagssituationen wie „den weißgekleideten Frauen vor schwarzer Industriearchitektur“ Ruhrgebietspseudonyme wie „Industrialisierung, Wirtschaftswunder und Strukturwandel“ illustrierte und damit bedeutende Zeitdokumente geschaffen hat, die u.a. für die Bildbände des Mercator-Verlags eingesetzt bis heute unsere Vorstellung von Industrie, Stadt und Menschen prägen. Seine photographische Vielseitigkeit wird besonders deutlich in den Künstlerporträts und Bühnenszenenmotiven am Oberhausener Theater in der Ära Büch (1961–1970) und Weise (1992–2003). Nicht nur in den Milieuaufnahmen, sondern auch in typischen Alltagssituationen gilt seine präzise Beobachtung den Menschen, die er kritisch und auch humorvoll aber nie kränkend darstellt.
Die Werkschau zeigt erstmalig aus seinem Nachlass (2017 wurden 360.000 Negativen in schwarz-weiß und Farbe von der Stadt Oberhausen erworben) auch experimentelle Arbeiten mit alten Edeldruckverfahren (Bromöldrucke, Cyanotypien und Salzprints).

Ein empfehlenswertes Buch als Dokument der Kulturgeschichte des Ruhrgebietes aber auch für die klassische journalistische Photographie mit ihren stilistischen Impulsen. Ein für zeitgeschichtlich interessierte Leser, Kunstwissenschaftler und Photographen gleichermaßen interessantes Buch, das schön gestaltetet ist mit einer ausgewogenen Typografie und einer sachlich funktionalen Buchgestaltung. Insgesamt eine besonders gelungene Publikation, die den gezeigten Werkgruppen künstlerisch gerecht wird und den Liebhaber des Photographie-Buches durch informative Texte erfreut.(db)

Ausstellung bis 06. September 2020 in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen (Oberhausen)

 

Horst A. Friedrich und Stuart Husband
Buchhandlungen.

Eine Liebeserklärung
Vorwort von Nora Krug
256 Seiten mit 240 Abbildungen
Prestel, München
ISBN 978.3.79138580.8
36,00 €

Seit vielen Jahren stellen wir hier auf der Seite der DGPh Photobücher vor. Immer mit dem Wunsch, das diese Bücher Interesse finden und möglichst im Buchhandel gekauft werden. Jeder von uns hat seine Lieblingsbuchhandlung. Aber wieviel Spaß macht es, im Urlaub, auf Geschäftsreisen in andere Städte oder Länder, neue, andere Buchhandlungen zu finden!? Das hier neue vorgestellte Buch über schöne Buchhandlungen, mit Photos des bekannten Photographen Horst A. Friedrich ist nicht das erste seiner Art. Dennoch werden auch hier unbekanntere Buchhandlungen liebevoll dargestellt.

»Bücher sind der Beweis, dass Menschen Magisches bewirken können.« Wirft man einen Blick in die Buchhandlungen, die der renommierte Photograph Horst A. Friedrichs porträtiert hat, versteht man das Zitat des Autors und Astrophysikers Carl Sagan sofort: Vom schwimmenden Buchladen auf einem Kanalboot bis zu endlosen Bücherreihen in einer ehemaligen Kathedrale zeigt Friedrichs eine erlesene Auswahl von 47 unabhängigen Buchhandlungen. Seine Bilder öffnen die Türen in die einzigartige Welt der Bücher und ihrer enthusiastischen Händler, die mit viel Feingefühl und großer Leidenschaft außergewöhnliche Orte erschaffen. Schatzkammern voller kostbarer Ideen, Räume der Fantasie und der Rebellion. Mikrokosmen für Menschen mit offenem Geist. Nie waren diese Orte so wichtig wie heute, in einer Zeit der Fake News und Kurznachrichten.

Erzählt werden die Geschichten vom Autor Stuart Husband. Mit Porträts der Buchhandlungen Walther König (Köln), Shakespeare & Company (Paris), Lello (Porto) u.v.m. (th.)

 

Thomas Struth
Unconscious Places

Text von Richard Sennett
Deutsch, Englisch Studienausgabe
Buchgestaltung Festeinband, Duotonabbildungen
264 Seiten, 228 Tafeln in Farbe und Duotone.
Schirmer Mosel Verlag, München
ISBN 978-3-8296-0618-9
29,80 €

Thomas Struth hat sich seit seinen Studienjahren bei Bernd Becher mit Straßenphotographien beschäftigt. Begonnen hat er 1976 in Düsseldorf mit urbanen Architekturen, Plätzen, Straßenzügen, diese Konzeption hat er in Köln, München, London, Brüssel, Rom und Paris, in Japan, China, Peru, Korea, Shanghai und den USA fortgeführt. Aus dieser Werkserie sind in der Studienausgabe 228 Photographien an 53 Orten in 16 Ländern zusammengestellt. Die thematische Konzeption setzt alltägliche Orte, urbanen Strukturen und soziale Räume eben „Unbewusste Orte“ (Unconscious Places) ins Bild und zeigt Bilder die einer Sightseeing-Tour, und dem offiziellen Klischee einer Stadt widersprechen. Wie bei der Neuen Sachlichkeit sind Menschen in diesen Stadtbildern selten zu sehen, dies lenkt den Blick des Betrachters auf die Architekturformen und deren Miteinander und Gegensätze im Stadtbild. Es sind von Struth streng und sorgfältig komponierten Photographien, die unbewusst wahrgenommene alltägliche Ansichten zeigen, die von den Bewohnern geprägt sind, aber auch manches über ihren Alltag aussagen.

Das Buch hat ein leichtes Querformat, was den Abbildungen zu Gute kommt. Eine übersichtliche Typografie und Themengliederung sowie eine gute Buchgestaltung machen es zu einem Werk, das sich an Stadtsoziologie wie Photographie Interessierte wendet. Der Kultursoziologe Richard Sennett (USA) schrieb den Essay zum Thema die Stadt und ihr Photograph. Einen besonderen Einblick ermöglichen dem Leser die Textpassagen zu Thomas Struths konzeptionellen Intentionen und seiner Arbeitsweise und damit eine Reflexion der gezeigten Photographien.(db)

 

Damian Heinisch - 45
Taschenbuch mit Klappe und japanischem Falz
UV-Druck auf unbeschichtetem Material
Inklusive Poster
Format: 22.5 x 28cm
190 Seiten
Mack Books
ISBN 978-1-912339-75-4
30,00 €

"Der Photoband '45' thematisiert insgesamt drei Reisen zwischen der Ukraine und Oslo, erst photographisch und dann in insgesamt drei Texten und erschafft so einen aktuellen Bezug zum Problem der Zwangseinwanderung innerhalb der Grenzen Europas.

Die Zugfahrten stammen aus drei verschiedenen Epochen; sie vereint eine gemeinsame Familiengeschichte und de Zahl '45'. Der Betrachter erlebt die 4.323 Kilometer lange Strecke - Doneszk-Oslo - zuerst in Bildern und dann in tagebuchartigen Kurztexten. Die mit einer Kleinbildkamera gemachten Farbaufnahmen am Anfang stammen von der letzten Reise Damian Heinischs selbst. In ihrer teilweise sehr grobkörnigen Struktur und den fragmentartigen Charakter beschreiben sie das flüchtige Element der Aufnahmen. Bei näherer Betrachtung erst wird dem Betrachter bewusst, dass alle Bilder durch ein Zugfenster aufgenommen worden sind.

Inspiration für die Reise des Photographen waren die Zugreisen von Verwandten in den Jahren 1945 und 1978, die sie in den Tod oder in die Freiheit führten. Jedes Familienmitglied war auf allen drei Reisen 45 Jahre alt. Damian Heinisch bildet durch die Verbindung dieser drei Reisen eine historische Linie heraus. Acht Monate nach der Rückkehr des Autors im Jahr 2013 brach in der Region Donezk ein neuer Konflikt aus, der zu einem anhaltenden Krieg führte.

Zur Gestaltung: Das Thema funktioniert als Photobuch ausgesprochen gut. Die Japanische Bindung kommt in die Nähe eines Leporellos, eine Form, die sich besonders gut für Photobücher eignet, die Reisen beschreiben. Die Größe der Bilder lässt es zu, auch kleine Bilddetails gut zu erkennen. Die Bilder werfen zunächst Fragen nach der Herkunft und der Beziehung des Photographen zu den abgebildeten Personen und Motiven auf, die jedoch in den auf monochromen Papier gedruckten Texten beantwortet werden. Mehr noch: die Bilder verdeutlichen auch die beiden zeitlich weit zurück liegenden Reisen vor dem inneren Auge.

Für die Idee und den Dummy wurde '45' von Damian Heinisch mit dem diesjährigen 'First Book Award ausgezeichnet - eine gute Entscheidung sowie lohnenswerte Anschaffung!" (© Richard G. SPORLEDER, Cafe Lehmitz Photobooks, Köln)

 

James Hill
The Castle

Gestaltung: Kehrer Design (Hannah Feldmeier)
Texte: James Hill
Leineneinband mit Siebdruck
Format: 23,5 x 27 cm, 144 Seiten, 76 Duplexabbildungen
Englisch
Kehrer-Verlag, Heidelberg
ISBN 978-3-86828-929-9 2019
45,00 €

 

Seit rund 20 Jahren fotografiert James Hill das Leben auf Château de Maillebois, dem Familienbesitz seiner Frau. Umgeben von einem ummauerten Park, ist das Anwesen eine Insel der Vergangenheit inmitten der Gegenwart. Die liebevollen, zuweilen auch skurrilen Bilder spiegeln die Fülle von Emotionen, die das Leben in einem Haus so voller Geschichte mit sich bringt, und wie seine Bewohner und die Dorfgemeinschaft damit umgehen.

Der Fotograf beobachtet seine Familie in ihrer Rolle als temporäre Hüter des Schlosses, die seine Traditionen zu bewahren und in eine ungewisse Zukunft zu überführen suchen. James Hill fotografiert seit 1995 in erster Linie für die New York Times und lebt seit 2003 in Moskau. Neben seinen Aufträgen für die Zeitung arbeitet er an eigenen Projekten und Büchern. Seine Bilder haben einige der wichtigsten Preise für Fotojournalismus gewonnen, darunter World Press Photo, der Pulitzer Prize und Visa d’Or. Sein Buch Somewhere between War and Peace erschien 2014 im Kehrer Verlag. (Kehrer-Verlag)

 

Magazin L.Fritz #6
Herausgeber Internationale Photoszene Köln
Deutsch, Englisch
68 Seiten, ca. 69 Abbildungen in Farbe und schwarz-weiß
6,90 €
Photoszene-Festival vom 21. – 30. Mai 2021

Erfreulicherweise erscheint trotz des abgesagten Photoszene Festival Köln das Magazin „L.Fritz #6“ als Trostpflaster für alle interessierte Photographen*innen mit dem Thema „outer space.“ Dabei ist das Thema nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz real in Form von Weltraum-Themen aufgefasst. Das Magazin gliedert sich inhaltlich in sechs vorgestellte Portfolios, unter dem Motto Einblicke werden 5 Texte und Interviews zum photographischen Bild von Mond und Erde vorgestellt. Ergänzt durch Buchvorstellungen und die allgemeinen Themen Artist Meets Archive#2 und Kunst hat Recht(e).

Allem vorangestellt ist die Feststellung das unsere Vorstellung und unser Wissen vom Weltall durch die Photographie geprägt ist. Während die Portfolios sich in einem künstlerischen Ansatz mit diesem Bildmaterial auseinandersetzen, lassen die Texte die wissenschaftliche Nutzung zur photographischen Erforschung des Weltalls zu Worte kommen, mit einer zum Thema passenden Buchauswahl. 2 weitere Texte setzen sich mit der Archivierung von Weltraumbildern und deren nutzungsrechtlichen Aspekten auseinander.

Insgesamt ein interessanter Beitrag, der in seiner hybriden Form der Photographie zum Nachdenken über die Photographie und ihre medialen Möglichkeiten anregt, aber nur entfernt das anspricht, was wir allgemein unter künstlerischer Photographie verstehen. (db)