Neue Bücher im April 2020

HOPETOUN
Scotland’s Finest Stately Home
Hrsg.: Leo Schmidt, Countess of Hopetoun, Polly Feversham
Vorwort: Marquess of Linlithgow
Photographie: Frank Dalton, Claire Takacs
Text: Englisch
240 Seiten, 209 Abbildungen in Farbe
Format: 26x29,5 cm, Hardcover mit Schutzumschlag
München, Hirmer Verlag
ISBN: 978-3-7774-3439-1  
49,90 €

 

Hopetoun, in Schottland westlich von Edinburgh direkt am Firth of Forth gelegen, ist Sitz des Marquess of Linlithgow und Earl of Hopetoun. Der Bildband führt durch die nach einem Entwurf von William Adam 1720 entworfene, monumentale Eingangsfront in den 1690 von dem Architekten Sir William Bruce gestalteten Kernbau und präsentiert dessen prächtige Ausstattung, Kunstschätze sowie die zugehörigen Gärten und Ländereien.

Nach dem Vorwort des heutigen Marquess of Linlithgow, Adrian John Charles Hope, führt die Countess of Hopetown in die insgesamt elf Kapitel des Buchs ein, die sowohl mit historischen Bauzeichnungen als auch aktuellen Photographien bebildert sind. Themen sind die Architektur und die Baugeschichte des Schlosses, deren Innengestaltung und Gemäldesammlung einschließlich der Familienporträts.  Dargestellt wird die Einbindung der Gebäude, auch der Abercorn Kirche und des Hopetoun-Mausoleums, in die gestaltete Landschaft sowie die Familie, die das Anwesen seit dem 17. Jahrhundert geschaffen hat, weiter nutzt und entwickelt. Die die einzelnen Kapitel begleitenden Texte stammen jeweils von renommierten Fachleuten. Ein Großteil der Außenaufnahmen sowohl der Gebäude als auch der Gartenanlagen und der Ländereien gestaltete die vielfach ausgezeichnete australische Photographin Claire Takacs, die weltweit die Schönheit und den Geist von Gärten und Landschaften dokumentiert. Eine Besonderheit ist die Serie mit Innenaufnahmen des in London lebenden Photographen Frank Dalton, die einen eigenständigen Teil bilden. Texte der heutigen Besitzer, Lord und Lady Hopetoun, schlagen den Bogen in die Gegenwart und Zukunft des Anwesens.

Der im Hirmer Verlag, München, erschienene Bildband „Hopetoun – Scotland’s Finest Stately Home“  ist ein fundiertes ‚Coffeetable Book‘ mit umfassender Darstellung des Schlosses und der dieses umgebenden Ländereien als Kunstdenkmal und Adelswohnsitz - man fühlt sich eingeladen in Schottlands erlesenstes Herrenhaus. (vZ)

 

Henrik Spohler
Hypothesis

Essay von Urs Stahel, Bildtexte von Inke Suhr
Englisch / Deutsch
Design: Stephan Fiedler, Berlin
Hartmann Books, Stuttgart
Hardcover
Format: 30 × 22,5 cm
112 Seiten, 45 Abb.
ISBN 978-3-96070-040-1
34,00 €

Das Photoprojekt Hypothesis von Henrik Spohler thematisiert in analytischen, dokumentarischen Bildern die Welt der Wissenschaft und Forschung und stellt Fragen zu unserem Verhältnis zu Natur und Umwelt. Seine Photographien zeigen Experimente und wissenschaftliche Anlagen am Rande des
technisch Machbaren.

Der Photoessay mit rund 50 Bildern ordnet sich dabei in vier Bereiche: Im Kapitel »Zeit« wird die erdgeschichtliche Zeit, die Zeitmessung oder das Bestehen des Universums thematisiert. Das Kapitel »Raum« zeigt unter anderem Satelliten oder Observatorien, die in die Tiefen des Weltalls schauen. »Materie« gibt Einblicke in die Forschung zu den kleinsten Teilen der Natur und der Bereich »Leben« beschäftigt sich mit Grundlagenforschung an tierischensowie pflanzlichen Organismen und dem Menschen. Die vier Themenfelder ergänzen sich zu einer Photoserie, die einen ganz eigenen Kosmos entwirft – ein bildliches Mega-Labor, das teilweise losgelöst von der Außenwelt und ohne konkrete Vorgabe einem einzigen Ziel gehorcht: Die Welt von morgen mit neuen Erkenntnissen versorgen. In einer Gegenwart, in der es politisch möglich geworden ist, wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren oder gar zu negieren, zeigt das Projekt Hypothesis mit dokumentarischen Photographien ein komplexes und hochentwickeltes Wissenschaftssystem als Basis für eine aufgeklärte und zukunftsgerichtete Gesellschaft.

 

LAURENZ BERGES. 4100 DUISBURG

Photographien von LAURENZ BERGES 
Herausgeber Heinz Liesbrock und Thomas Weski
Texte von Heinz Liesbrock und Thomas Weski, 
Deutsch, Textbeileger in Englisch
Buchgestaltung Leinenfesteinband, 
168 Seiten, 149 Farbabbildungen 
Verlag Koenig Books
48,00 €
ISBN 978-3-96098-767-3 

Die Werkserien von Laurenz Berges (*1966) sind in dem klassischen Stil der `fotoform´ verwurzelt und haben einen narrativen Charakter. Stilistisch ist das einzelne Bild an der Becher Schule orientiert. So pendelt er zwischen „Die Konzeptkunst will keine `persönlichen Sichtweisen´ ….“ (Wolfgang Kemp Zitat) und einem magischen Realismus in Farbe. Gegenüber den anderen Becher Schülern ist seine Farbigkeit zurückhaltender und damit passender zum Sichtbarmachen historischer Bezüge vor Ort.


Mit der Serie zu `4100 DUISBURG´ hat er eine Thematik aufgegriffen, mit der er sich schon an anderen Orten des Ruhrgebiets und in „Cloppenburg“ beschäftigt hatte. Seine im Norden der der Stadt Duisburg entstandenen Photographien zeigen Orte und Situationen real, lassen aber zugleich die Aspekte einer ungewissen städtebaulichen Zukunft erahnen und haben so eine künstlerische Intensität, die Realität ist Darstellung einer anderen „urbanen“ Wirklichkeit geworden.

Sie konterkarieren unsere Vorstellung von einer prosperierenden Handelsstadt, dem größten Binnenhafen, dem bedeutendsten Stahlstandort in Europa und der postmodernen Architektur des Stadthafens. Aber im Duisburger Norden wird für den einfühlsamen Beobachter das Wegbrechen der Montanindustrie (wirtschaftliche Basis) und damit das langsame Absterben eines gewachsenen vitalen Lebenskosmos und damit der Lebensqualität sichtbar. Das Buch regt dazu an über die aktuelle Frage nachzudenken, welche identitätsstiftende Wirkung kann künstlerische Photographie in Bezug zu urbanen Veränderungen haben? Ein interessantes Buch, das einen Beitrag zu der Photographie und ihren künstlerischen Möglichkeiten und zu weiteren Diskursen über die Region gibt und vielleicht zu einer Reise in das Ruhrgebiet aus einer anderen Perspektive anregt. (db)

Ausstellung bis 3. Mai 2020 im Josef Albers Museum Quadrat, (Bottrop)
Edition zur Ausstellung, die Photographie »Rhein« Format: 35×48 cm, Auflage 12 + 3 a.p., Preis 880 €. 

 

Eberhard Klöppel
Das Mansfelder Land 1974–1989

Mitteldeutscher Verlag, Halle
Bildband
Mit einem Text von Michael Birkner
210 × 260 mm, 144 S., s/w-Abb.
ISBN 978-3-96311-305-5
25,00 €
Erschienen: März 2020


Von »Dreckschweinfest« bis Sigmund Jähn – Bilder aus einer Bergbauregion

Kaum ein Bildreporter hat so intensiv das Geschehen im Mansfelder Land beobachtet wie Eberhard Klöppel. Er begann schon früh zu photographieren. In seinem Archiv gibt es Tausende Photos vom Leben in seiner Heimat. Aber wichtigstes Thema waren für ihn Bergbau und Hütten – und vor allem die Menschen, die dort arbeiteten.

Klöppels Photos zeigen nicht die vermeintliche Tristesse und Resignation, sondern vermitteln Leben. Nie agiert er als Regisseur, sondern konsequent als Beobachter, als Dokumentarist seiner Zeit. Er zeigt, wie es war in diesen Jahren im Mansfelder Land: Ob es der Umzug der Ausgezeichneten am 1. Mai ist, die Hochzeit mit Dreimannkapelle und den tanzenden Gästen, der von Frauen in Kittelschürzen umringte Kosmonaut Sigmund Jähn bei der Autogrammstunde, das Leben in der Mittelstraße in Helbra, das »Dreckschweinfest« der Grunddörfer zu Pfingsten oder auch der Wiesenmarkt in Eisleben.

 

Dominique Meyer, Lois Lammerhuber,
Gesamtkunstwerk Wiener Staatsoper (Backstage)
Mit Texten von Andreas Láng, Oliver Láng, Oliver Peter Graber
Texte: Deutsch, Englisch, Französisch
200 Seiten, 112 Photos
Format: 24x32 cm, Hardcover
Baden (A), Edition Lammerhuber
ISBN: 978-3-903101-77-7
59,00 €

Der Bildband „Gesamtkunstwerk Wiener Staatsoper (Backstage)“ zeigt die Lieblingsbilder des vielfach ausgezeichneten Photographen Lois Lammerhuber aus zehn Jahren Zusammenarbeit mit der

Wiener Staatsoper unter der Direktion von Dominique Meyer.

Gemeinsam mit dem Generaldirektor hat der Photograph bereits jedes Jahr anlässlich des Wiener Opernballs ein Buch gestaltet – die sogenannte Herrenspende. Jedes dieser Bücher war einer Facette des Gesamtkunstwerkes „Wiener Staatsoper“ gewidmet: ‚Passion‘  dem Orchester, ‚(E)motion‘  dem  Staatsballett, ‚Glamour‘ den Kostümwerkstätten, ‚On Stage‘ der Bühnentechnik, ‚Harmony‘ dem Ensemble, ‚Genesis‘ dem Entstehen einer Opernpremiere, ‚Chorus‘ dem Chor, ‚Repertoire‘ den Spielplänen und ‚Bel Canto‘ den Sängerinnen und Sängern der 150-jährigen Geschichte der Wiener Staatsoper.

Nach zehn Seiten bildlicher Einstimmung beginnt das in der Edition Lammerhuber, Baden (A) erschienene „Gesamtkunstwerk Wiener Staatsoper“ unter dem Titel „10 Spielzeiten, 100 Monate“ mit einer Würdigung von Dominique Meyer, der von 2010 bis 2020 Direktor der Wiener Staatsoper war und seit 1. März 2020 Generalintendant der Mailänder Scala ist. Durch Tuschfederzeichnungen von Tenor und Ensemblemitglied Benedikt Kobel illustriert beschreiben die beiden Dramaturgen Andreas Láng und Oliver Láng sowie Ballettdramaturg Oliver Peter Graber die besonderen Momente aus jeder von Meyer verantworteten zehn Spielzeiten. Sie schildern, dass der Direktor konzeptuell bestrebt war, die Spannweite des ohnehin sehr großen Repertoires des Hauses zu erweitern und auch jene Bereiche der Operngeschichte zu beleuchten, die bislang weniger behandelt worden waren.

Unter dem Titel „10 Spielzeiten, 100 Monate, 100 Bilder“ bilden die sinnlich und essayistisch gestalteten, ganzseitigen, zumeist aber doppelseitig gedruckten Farbphotographien den Hauptteil des  Bildbandes. Sie belegen die leidenschaftliche und kreative Arbeit hinter dem Bühnenvorhang, zeigen Stätten und Begebenheiten, die dem Publikum normalerweise verborgen bleiben und sind gleichzeitig eine wunderbare Hommage in Bildern an die Wiener Staatsoper. (vZ)

 

Hans-Michael Koetzle (DGPh)
László Moholy-Nagy
80 Seiten, 58 Abbildungen in Farbe
Format: 14x21 cm, gebunden
München, Klinkhardt & Biermann
ISBN: 978-3-943616-65-1
11,90 €

Der gebürtige Ungar László Moholy-Nagy (1895–1946), Maler, Photograph, Bauhauslehrer und Gründer des »New Bauhaus« und der »School of Design« in Chicago, zählt zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war einer der ersten multimedial wirkenden Künstler, der Malerei, Skulptur, Photographie, Film und Design als gleichwertige Kunstgattungen ausübte. Als einer der wichtigsten Protagonisten der Moderne setzte er mit seinen Werken Maßstäbe, die bis in die heutige Zeit reichen: Ein „Leonardo des 20. Jahrhunderts“.

Von Walter Gropius 1923 als Nachfolger von Johannes Itten an das Bauhaus in Weimar berufen zog László Moholy-Nagy mit diesem nach Dessau um, bevor er 1933 Nazi-Deutschland verließ und schließlich 1937 in Chicago seine zweite Heimat fand. Sowohl als Lehrer als auch Künstler folgte er seiner revolutionären Vision, die künstlerische Tätigkeit in das alltägliche Leben einfließen zu lassen und damit Kunst und Leben zu vereinen. Seinem radikalen experimentellen Ansatz folgend, keine ästhetische Hierarchie in seinen Arbeiten zuzulassen, bewegte sich Moholy-Nagy souverän zwischen Malerei, Photographie und Film und definierte sich gleichzeitig als Maler und als Photograph. Für die Wertschätzung der Photographie, die als neues Medium bis dahin noch nicht als Kunst angesehen wurde, lieferte er einen wesentlichen Beitrag. Der von dem freien Schriftsteller, Kurator und Publizisten Hans-Michael Koetzle (DGPh) gestaltete, in der Reihe „Junge Kunst“ des Münchner Verlags  Klinkhardt & Biermann erschienene Band gibt anhand von Text und Bild einen hervorragenden Einblick in das Leben und Werk des Avantgardekünstlers. Der Hauptteil trägt den Titel „Dieses Jahrhundert gehört dem Licht – László Moholy-Nagy als multipler Visionär“. 1919 soll er sich bereits ein Ernemann-Kamera 6,5 x 9 cm gekauft haben, als es ihn kurz darauf in die Medienstadt Berlin zog. Etwa zeitgleich wie Christian Schad und Man Ray  wandte er sich 1922 verstärkt dem Fotogramm zu, das er für die Kunst erschloss, fortan in das Zentrum seiner künstlerischen Bemühungen rückte und zum Höhepunkt seines Œuvres werden sollte.

Das Heft enthält, ergänzt durch Bilder, auch eine ausführliche Biographie und unter der Überschrift „Archiv“ Fundstücke, Briefe und Dokumente aus der Zeit zwischen 1919 und 1938. (vZ)

 

STRIKE A POSE – Intuition und Inszenierung
Die Kunstfotografie der 1890er bis 1920 Jahre

Textbeiträge von (deutsch) von Boris von Brauchitsch, Sebastian Lux, Rudolf Scheutle, Bernd Stiegler sowie Jan T. Wilms
Katalog zur Ausstellung
Herausgeber: Jan T. Wilms, 2020
176 Seiten mit 163 Werkabbildungen
Format: 21 x 24 cm
ISBN: 978-3-9819254-3-2
36,00 €

Die Ausstellung unter dem Titel „Strike a Pose. Intuition und Inszenierung – Die Kunstphotographie der 1890er bis 1920er Jahre“ wurde am 18. Februar eröffnet und ist mit großem Erfolg gestartet, bevor sie aufgrund der Corona-Krise vorübergehend geschlossen werden musste. Gezeigt werden über 160 historische Originalabzüge, Leihgaben aus den Sammlungsbeständen des Museums für Kunst und Gewerbe, Hamburg, der Stiftung F.C. Gundlach, Hamburg, des Münchner Stadtmuseums, der Berliner Sammlung Kicken, der Hochschule München sowie aus einer Privatsammlung.

Ausstellung im Kunsthaus Kaufbeuren bis 12. Juli 2020

Nähere Infos finden Sie auf der Website des Kunsthauses Kaufbeuren.

 

In der Eifel
Photographien von Heinrich Pieroth 
Herausgegeben vom Rheinischen Bildarchiv
Texte von Katja Hoffmann 
Deutsch
Buchgestaltung Festeinband, sehr guter Bilderdruck,
320 Seiten ca. 300 Abbildungen in Schwarz-Weiß
Emons Verlag, Köln
39,95 €
ISBN 978-3-7408-0794-8

Das Buch »In der Eifel« ist eine wirkliche Entdeckung, denn es geht weit über eine Dokumentation der `Heimat Region´ hinaus. Es zeigt mit den Photographien von Heinrich Pieroth (1893–1964) sehr deutlich, dass in den 1920er Jahren bereits der stilistische Einfluss der `Neuen Sachlichkeit´ sehr weit gedrungen und die Photographie in der klassischen Moderne verankert war. Sicher ist ein Großteil seiner Motive einem bildjournalistischem Arbeitsstil zuzuordnen, aber die Portraits der Seiten 26-28, 55, 56, 59 z.B. haben doch deutliche Bezüge zu den Menschen des 20.Jhts von August Sander. Andere Motive u.a, Seite 86, 97, 103, 108118 sind der `Neuen Sachlichkeit´ eines Renger-Patzsch verbunden, nur dass statt des Ruhrgebiets  Eifel-Landschaften abgebildet sind. Heute sehen wir immer die Rezeption in der zeitgenössischen Photographie. Aber auch die Strukturen der 20er Jahre sind für die Stilentwicklung bedeutend und werden mit diesem Buch gut erschlossen!


Für das Buch hat Katja Hoffmann eine thematische Auswahl aus dem Glasplattenarchiv (ca. 1920-1960) getroffen. Es sind dies u.a. die Themen „Landschaft, Portraits, Basaltsteinbrüche und der bäuerliche Alltag,“ die Pieroth in seinem Atelier (Mayen) und der südöstlichen Eifel photographiert hat. In seiner Vollständigkeit und der thematischen Vielfalt stellt das Archiv ein visuelles Gedächtnis der Eifel dar. Das Glasplattenarchiv hat in einem Schieferstollen den 2. Weltkrieg überstanden und wird heute vom `Rheinischen Bildarchiv´ (Köln) bewahrt und der kunstgeschichtlichen Forschung zugänglich gemacht.

Ein sehr empfehlenswertes Buch als Dokument der Kulturgeschichte der Eifel aber auch für die Entwicklung von der klassischen Moderne und ihren stilistischen Impulsen für die Photographie. Ein für zeitgeschichtlich interessierte Leser, Kunstwissenschaftler und Photographen gleichermaßen interessantes Buch, das schön gestaltetet ist und zur kritischen Reflexion einer historischen wichtigen Epoche anregt. Es regt zu einem Diskurs über die stilistischen Varianten des Photojournalismus und der Dokumentarphotographie an.(db)

 

Das Fotobuch in Kunst und Gesellschaft
Herausgeber Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft
Texte von Gerry Badger, Anne-Katrin Bicher, Susanne Bosch, Ruth Gilberger, Frederic Lezmi Shalini Randeria, Markus Schaden u.a.
Deutsch,
Buchgestaltung und Typografie Helge Hofmann, Frederic Lezmi, Schweizer Broschur mit Klappen,
468 Seiten, 220 farbige und Schwarz-Weiß Abbildungen
JOVIS Verlag, Berlin
42,80 €
ISBN 978-3-86859-580–2 

Das Buch ist in Zusammenarbeit mit `The PhotoBookMuseum´ (Köln) konzipiert worden. Bereits in den 1920er Jahren spielte das Buch zu den eigenen Werkserien bei den Photographen Albert Renger-Patzsch, August Sander und Alfred Ehrhardt eine wichtige Rolle. Es sind Künstlerbücher wie bei Malern und Grafikern zu eigenen Werkserien oder Monografien über sie. Diese beiden Buchformen haben seit den 1990er Jahren eine starke Renaissance erlebt und sind bis heute für die Photograph*innen wichtiger als Ausstellungen. Sie haben im Buch die ultimative Ausdrucksform für ihre Photographien gefunden.

In einer Zeit der digitalen Photographie ist es erstaunlich, dass Photographiebücher gedruckt erscheinen. Seit 2000 hat sich diese Entwicklung auch international ausgebreitet. Dabei muss man sehr genau unterscheiden zwischen den Künstlerbüchern und einer Kunstform, die zwischen Roman und Film einzuordnen ist, und die man als visuelle Literatur klassifizieren kann. Diese Kunstform haben einige Photograph*innen als künstlerische Ausdrucksform für sich entdeckt.

Da das Photobuch in der Öffentlichkeit kaum präsent ist - trotz der Initiativen des PhotoBookMuseum und der Montag Stiftung - ist die Publikation »Das Photobuch in Kunst und Gesellschaft - „Partizipative Potenziale eines Mediums“« ein wichtige Standortbestimmung. Neben einer Geschichte des Photographiebuches werden die Theorie und aktuelle Praxis partizipativer Kunst mit dem Erfahrungswissen aller Beteiligten vorgestellt. Ergänzt durch Texte zu den Produktions- und Distributionsbedingungen von Photobüchern aus Asien, Europa und den USA; den politischen und emanzipatorischen Aspekten dieser Kunstform und einer Diskussion des Gegensatzes von analogem Buch in einer digitalen Welt.

Ein empfehlenswertes Buch als Dokument der Kulturgeschichte des Photobuches und seine Entwicklung von der klassischen Moderne bis aktuell zu einer eigenständigen Kunstform. Ein für zeitgeschichtlich interessierte Leser, Kunstwissenschaftler und Photographen gleichermaßen interessantes Buch, das zur kritischen Reflexion eines wichtigen Mediums anregt. 
Besonders ist die gut durchdachte Buchgestaltung und die dazu passende nahezu perfekte Typografie hervorzuheben. Das gekonnte Variieren der Schriftschnitte, der Schriftgrößen und der gelungene Einsatz von Farbe zur Auszeichnung der Texte geben dem Buch eine besondere Qualität. Es ist erfreulich, dass ein Buch zu diesem Thema mit der `Schweizer Broschur mit Klappen´ dem Inhalt kongruent entspricht. Es regt zum Diskurs über das Photographiebuch und seine künstlerischen Möglichkeiten und stilistischen Varianten an. (db)
 

 

The Glacier's Essence
Grönland – Glarus: Kunst, Klima, Wissenschaft
Künstlerische und wissenschaftliche Antworten auf existenzielle globale Herausforderungen
Radierungen von Martin Stützle und Photographien von Fridolin Walcher.
Mit Texten von Nadine Olonetzky, Gabriela Schaepman-Strub, Konrad Steffen und Thomas Stocker sowie einem Vorwort von Benedikt Wechsler
1. Auflage, 2020
Text Deutsch, Englisch und Kalaallisut (Grönländisch)
Broschiert
272 Seiten, 137 farbige Abbildungen
23 x 30.5 cm
Scheidegger & Spiess
ISBN 978-3-85881-665-8
58,00 €

Die Gletscher in den Alpen und auf Grönland schmelzen seit Jahrzehnten. Die globale Erwärmung beschleunigt ihren Schwund in alarmierendem Ausmaß. Der Schweizer Geophysiker Alfred de Quervain (1879–1927) vermaß als Erster den Glarner Claridengletscher und führte 1909 und 1912 bedeutende Forschungsexpeditionen nach Grönland durch.

Glarus und Grönland: Der Künstler Martin Stützle und der Photograph Fridolin Walcher machten die Glarner Gletscher zum Thema ihrer Werke und begleiteten im Mai 2018 Schweizer Umweltwissenschaftler auf einer neuen Grönlandexpedition. Ihre Photographien, Radierungen und Performances entstanden vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Fakten, sprechen jedoch die Sinne und Gefühle direkt an.

The Glacier’s Essence präsentiert die Essenz von Gletscherkernbohrung und Kunst und nimmt de Quervains Faden auf: Im Anschluss an ein Vorwort von Benedikt Wechsler, Schweizer Diplomat und Mitinitiator der Expedition von 2018, geben die Geografin und Evolutionsbiologin Gabriela Schaepman-Strub, der Glaziologe Konrad Steffen und der Klima- und Umweltphysiker Thomas Stocker Einblick in den neusten Stand ihrer Forschung. Die Kunstpublizistin Nadine Olonetzky beleuchtet Martin Stützles und Fridolin Walchers Arbeiten und die aktuelle Bewegung der Klimakunst.

Martin Stützle bildete sich an der Schule für Gestaltung Bern aus und hat eine Lehre als Steinmetz absolviert. Er lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Ennenda im Kanton Glarus.

 Fridolin Walcher ist als freiberuflicher Photograph tätig. Er lebt in Nidfurn, Kanton Glarus.


 

Dara McGrath
Project Cleansweep

Beyond the Post Military Landscape of the United Kingdom
Texte: Rachel Andrews, Robert MacFarlane, Dara McGrath, Ulf Schmidt
Design: Read That Image
Festeinband 20 x 24 cm
216 Seiten, 102 Farbabbildungen
Englisch
Kehrer Verlag
ISBN 978-3-86828-967-1 2020
44,00 €

Der Name Project Cleansweep stammt aus einem Bericht des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2011. In diesem Bericht wurden die Risiken einer Restkontamination der Orte in Großbritannien bewertet, an denen in den letzten hundert Jahren chemische und biologische Waffen hergestellt, gelagert und entsorgt wurden. Im 20. Jahrhundert wurde eine Landfläche von mehr als 4.000 Quadratkilometern militärisch genutzt. Die Photos von über 80 Testgeländen und Lagerstätten führen uns durch Dorset und Devon, in den Peak District, die Waldgebiete von Yorkshire und die Hochebene Salisbury Plain, an die Küsten im Osten und Westen, nach Wales und bis in die abgelegenen schottischen Highlands und an die Irische See. Der romantische Mythos von der einfachen, unberührten Natur Großbritanniens wird von den tatsächlichen Gegebenheiten zerstört, die zu einem Bestandteil der Landschaft selbst geworden sind.

Der irische Photograph Dara McGrath lebt und arbeitet in Cork, Irland. Seine Bilder wurden vielfach ausgezeichnet und ausgestellt, so zum Beispiel auf der 11. Architekturbiennale Venedig, wo er Irland mitrepräsentierte. Die Arbeiten zum Project Cleansweep wurden Ende 2019 bei den Vereinten Nationen in Den Haag gezeigt.

"1942 startete das Verteidigungsministerium die Operation Vegetarian, so naate sich eine Reihe von Experimenten, bei denen tödliche Anthrax-Bomben gegen Rinder auf Gruinard Island eingesetzt wurden". Das British Journal of Photography schreibt dazu: "Die Waffen waren noch erfolgreicher, als das Verteidigungsministerium erwartet hatte, so dass die Insel wurde für Jahrzehnte zur No-Go-Zone erklärt wurde. Dies ist keine einzigartige Geschichte: Dara McGraths Fotoserie Project Cleansweep untersucht über 60 Orte in ganz Großbritannien, an denen das Verteidigungsministerium im Laufe des 20. Jahrhunderts die Erprobung biologischer und chemischer Waffen vorgenommen hat."

Geplante Ausstellungen:
Town Hall, Buxton, Derbyshire / Vereinigtes Königreich
April 2020

DSTL (Defence Science and Technology Laboratory)
Porton Down, Wiltshire / Vereinigtes Königreich
Mai 2020

 

The adidas Archive
The Footwear Collection
Vorwort: Jaques Chassaing
Texte: Christian Habermeier, Martin Herde, Barbara Hölscher, Sebastian Jäger, Marcus Wessel
Mehrsprachig: Englisch, Deutsch, Französisch
644 Seiten
Format: 32,5x30,5 cm, Hardcover, in Trageschuber
Taschen-Verlag, Köln
ISBN: 978-3-8365-7195-1
100,00 €

Vor 100 Jahren stellten die Gebrüder Adolf („Adi“) und Rudolf Dassler ihre ersten Sportschuhe in Herzogenaurach in der Waschküche ihrer Mutter Pauline mit Maschinen der Marke Eigenbau her. Um seine Produkte weiter zu entwickeln und auf ihre spezifischen Bedürfnisse zuzuschneiden, setzte Adolf Dassler auf Gespräche mit Sportlern aus dem Fußball und vieler weiterer Sportarten. Er galt als „Athletenflüsterer“ und wollte sicherstellen, dass die Athleten aus unterschiedlichen Disziplinen mit der bestmöglichen Ausrüstung zu ihren Wettkämpfen antreten konnten. 

Auch bat Dassler die Athleten, ihre getragenen Schuhe nach Gebrauch zurückzugeben. Und so schicken bis heute viele Sportler ihre Schuhe an adidas zurück, oft als Dankeschön nach einem Titelgewinn oder einem Weltrekord. Daraus entwickelte sich das „adidas archive“, eines der weltweit größten historischen Archive eines Sportartikelherstellers, das die Photographen Christian Habermeier und Sebastian Jäger seit Jahren umfassend und detailliert dokumentieren. Mittels hochauflösender Reproduktionstechniken entlocken sie den Schuhen möglichst viele Details. Der Betrachter wird in die Lage versetzt, kleinste Feinheiten der Materialien, wie Nähte und Webstrukturen, zu entdecken und die Entwicklung des adidas-Schuhs im Detail nachzuvollziehen. Alles, was man sieht - Risse, Flecken, Grasreste, verblasste Signaturen - ist echt. Unter jedem Produktfoto wird zudem die persönliche Geschichte jedes einzelnen Nutzers zu seinem Schuh erzählt. Der Leser begegnet Helmut Rahns Endspielschuhen des „Wunders von Bern“ vom 4. Juli 1954 ebenso, wie Sondermodellen für Run DMC, Parley for the Oceans, Madonna oder Lionel Messi. 

Der im Taschen-Verlag, Köln, erschienene, großformatige Band „The adidas Archive“ präsentiert die visuelle Aufarbeitung der Geschichte des adidas-Schuhs mit über 350 Modellen. Mit einem Vorwort des langjährigen Designers Jacques Chassaing sowie fünf Expertenessays dokumentiert der Band nicht zuletzt Deutsche Sport-, Design- und Wirtschaftsgeschichte von den Anfängen der Gebrüder Dassler über die Gründung von adidas und die Zeit zwischen 1950 und 2010 bis heute. Deren Einfluss auf Mode, Lifestyle und Popkultur sowie Kuriositäten, Fashion, aber auch nie gezeigte Prototypen und einzigartige Raritäten runden das Werk ab. 

Der Band ist auch eine Anerkennung für die Menschen, die zum Aufbau der kulturellen Identität des Unternehmens mit den drei Streifen beigetragen haben. Er liefert gleichzeitig eine visuelle Chronik über das adidas-Symbolprodukt, den Sportschuh – vom Leistungssport bis zum Lifestyle. (vZ)

 

Heidi & Hans-Jürgen Koch (DGPh
Thank you, Mouse!
Texte: Deutsch, Englisch
96 Seiten mit 49 Photos
Format: 24×30 cm, Hardcover mit „French Fold“-Schutzumschlag
Baden (A), Edition Lammerhuber
ISBN: 978-3-903101-18-0
€ 39,90

Nach dem Menschen war die Maus das zweite Lebewesen, dessen Erbgut vollständig entschlüsselt wurde. Weil beide sich genetisch sehr ähnlich sind, sind Mäuse an der Forschungsfront daher unsere Stellvertreter.

Die Immunsysteme passen zusammen, fast alle Gene sind identisch.

In den Forschungseirichtungen dieser Welt werden tagtäglich Legionen von Mäusen als eine anonyme Masse Tiermaterial produziert und verbraucht. Ist dies moralisch zu rechtfertigen – oder möglicherweise geradezu ethisch notwendig? Der Erkenntnisgewinn für den Menschen ist jedenfalls immens und nicht selten relevant für das Überleben. Und so koppelt der Mensch sein Schicksal an das der Maus.
Heidi und Hans-Jürgen Koch (DGPh) setzen den kleinen Helden mit dem bei der Edition Lammerhuber, Baden (A), erschienenen Bildband „Thank you, Mouse!“ ein Denkmal - es ist somit auch ein Tribut an die Labormäuse, denn diese machen den Menschen letztlich ein Geschenk: ihr Leben. Für den Bildband hat das Photographenpaar die Stars der Labormäuse porträtiert und sagt dazu: „Wir wollten ihnen in die Augen schauen und sie photographisch ernst nehmen. Wir geben ihnen ihre Individualität und Persönlichkeit zurück.“ Durch die künstlerische Herangehensweise erhalten die Photographien der „Menschenmäuse“ darüber hinaus eine universelle Bedeutung. In ihnen spiegelt sich nichts Geringeres wider als die Würde der Kreatur und der Respekt vor ihr.

Heidi und Hans-Jürgen Koch begannen vor mehr als 25 Jahren ihre gemeinsame Expedition in die Welt der Photographie. Für die studierte Sozialarbeiterin und den Verhaltensforscher wurden Tiere zum photographischen Lebensthema. Zahllose Publikationen in renommierten Magazinen der Welt zeugen gleichermaßen von Passion und Profession. „Die Kochs zeichnet der zweite Blick aus, das zu sehen, was andere übersehen“, sagte Wolfgang Behnken (DGPh), der legendäre Art Director des STERN, einmal über das Photographenpaar. Für diese ihnen so eigene Sichtweise sowie die Spannbreite ihres photographischen Schaffens wurden Heidi und Hans-Jürgen Koch vielfach geehrt, unter anderem von World Press Photo und vom Art Directors Club Deutschland und Europa, sie wurden als BBC Wildlife Photographer of the Year ausgezeichnet und erhielten die Lead Awards, den Hansel-Mieth-Preis, den Deutschen Preis für Wissenschaftsphotographie, den Alfred Fried Photography Award und 2011 den Dr.-Erich-Salomon-Preis der DGPh. (vZ)

Ausstellung „Danke, Maus!“ noch bis 24. Mai im Wilhelm-Fabry-Museum, Hilden.

 

SURVIVORS
Fotografien von Martin Schoeller 

Geleitwort Joachim Gauck (Bundespräsident a.D.)
Einführung Avner Shalev (Yad Vashem, Israel)
Text von Kai Diekmann (Freundeskreis von Yad Vashem in Deutschland) 
Englisch
Buchgestaltung Festeinband
168 Seiten, 75 Farbabbildungen 
Steidl Verlag, Göttingen
28,00 €
ISBN 978-3-95829-621-3 
Ausstellung bis 26. April 2020 im UNESCO-Welterbe Zollverein, (Essen)

 

 

Unfassbare Wunder
Fotografien von Konrad Rufus Müller 

Einführung Heribert Prantl im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid und Konrad Rufus Müller 
Texte von Alexandra Föderl-Schmid, 
Deutsch 
Buchgestaltung Festeinband
184 Seiten mit 40 Abbildungen in Schwarz-Weiß
Vandenhoeck & Rupprecht Verlage
35,00 € / Auch als E-Book erhältlich: 27,99 €
ISBN 978-3-205-23226-1 

 

Aus gegebenem historischem Anlass - „75 Jahre Frieden“ werden zu dem Thema Verfolgung von Mitbürgern Jüdischen Glaubens in der Diktatur zwei Bücher »Unfassbare Wunder - Konrad Rufus Müller« und »SURVIVORS« von Martin Schoeller mit sehr unterschiedlichen photographischen Ansätzen einander gegenübergestellt.

Das verbindende Thema ist den Überlebenden der `Shoa´ eine würdige und respektvolle Rezeption ihres bewegten Lebens zu geben. Bei beiden photographischen Serien nimmt die Buchkonzeption und Textgestaltung eine große Bedeutung für die Präsentation des Themas ein. Neben einem in die Thematik „Verfolgung, Überleben und erlebte Niedertracht“ einführenden Text setzen beide Bücher aktuelle Stellungnahmen der Zeitzeugen ein. Interessant ist, dass kurze Statements mit eng beschnittenen Portraitphotographien in »SURVIVORS« einhergehen. Dagegen in der Serie »Unfassbare Wunder« setzt Konrad Rufus Müller prägnante SW-Portraits journalistischen Motiven aus dem Lebensumfeld der Portraitierten entgegen und lässt so einen vertiefenden Einblick zu. Ergänzt wird dies durch sensible Handstudien die dem Begriff „das Leben in die Hand nehmen ...“ eine ganz spezielle/neue Bedeutung geben.

Die künstlerische Frage ist, kann man alle Themen über einen stilistischen Kamm (Obama rechtfertigt nicht alles!!) scheren oder bedarf es unterschiedlicher konzeptueller Ansätze, die auf die Thematik und die Texte eingehen. Wenn Lebensumgebung und nahe Angehörige mit gezeigt werden, ist ein Punkt sicher besonders betont: Die wichtigste Botschaft „ich lebe noch, und habe Nachkommen! ist stark herausgearbeitet.

Die Lebenserinnerungen der Zeitzeugen der Verfolgung und der Shoa werden immer wichtiger, da diese altersbedingt weniger, aber die Mahnung ihrer Lebenserfahrungen vor den aktuellen Entwicklungen noch wichtiger werden. Ihre mahnenden Worte zu „ihrer Sicht auf die politische Gegenwart und die möglichen Gefahren in der Zukunft“ werden von einer ausdrucksvollen Photographie ergänzt. Mit den Portraits aus dem deutschsprachigen Raum wird unterstrichen was den einstigen Mitbürgern in der nationalsozialistischen Diktatur zugefügt wurde. Persönlich berührend für den Leser/Betrachter ist immer die heutige Einstellung der Opfer zu ihrem Umfeld und der Erfahrung, die sie daraus gezogen haben. Aller Portraits sind gegen das Vergessen und Bagatellisieren, aber gerade die SW-Motive zeugen von einer ungebrochenen Lebensbejahung und mit dem Erinnern an eine (hoffentlich) wieder gemeinsame Zukunft der Religionen. Portraits aus Polen und der Ukraine unterstreichen das Europa immer einen größeren Kulturraum umspannte, den wir bewahren und neu entwickeln sollten.

`SURVIVORS´ konzentriert den Blick auf 75 Zeitzeugen, die heute in Israel leben in Zusammenarbeit mit `Yad Vashem´ und mit Blick auf den 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. In den farbigen eng beschnittenen Portraits spiegeln sich körperliches und seelisches Leiden und deren Bewältigung - sie geben den Zeitzeugen der Shoa ein Gesicht, das eindringlicher ist als jede statische Zahl.

Beide Bücher sind der Versuch für „unfassbare Ereignisse“ eine mahnende Erinnerung zu formulieren und damit sind sie empfehlenswerte Dokumente der Zeitgeschichte der letzten 100 Jahre. Es sind für zeitgeschichtlich interessierte Leser und Photographen gleichermaßen interessante Bücher, die zur kritischen Reflexion eines historischen wichtigen Epoche auffordern. Mit der Spannweite der Darstellung zwischen strenger Konzeptkunst und journalistischer Portraitphotographie entsteht ein Diskurs über die Photographie und ihre künstlerischen Möglichkeiten wie die stilistischen Varianten konzeptueller Photographie.

Das Buch ist eine wichtige Neuerscheinung, da es stilistisch bedeutende Photographen vorstellt und zugleich dazu anregt, über die aktuelle Frage nachzudenken, welche identitätsstiftende Wirkung künstlerische Photographie in Verbindung mit Zeitzeugen-Interviews haben kann.  Bedauerlich ist, dass die Buchgestaltung beider Publikationen nicht den anspruchsvollen Photographien und Texten gerecht wird. (db)

 

Mena Kost, Annette Boutellier
Ausleben

Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später
März 2020
196 Seiten, 55 farbige Abbildungen
gebunden, 15 x 20 cm
Christoph Merian Verlag
ISBN 978-3-85616-914-5            
28,00 €

Menschen zwischen 83 und 111 schauen auf ihr Leben zurück – und wagen den Blick nach vorne. Von der Bergbäuerin über den Nobelpreisträger bis zum ehemaligen Verdingbub

«Man kann auch im Alter nicht stillstehen. Es geht immer weiter, der Endlichkeit entgegen.» Monica Gubser (1931–2019)

Wie möchten Sie am liebsten sterben? Fürchten Sie sich vor dem Tod? Kann man mit dem Tod Frieden schließen? Im Porträtbuch Ausleben erzählen fünfzehn Frauen und Männer über 80 von ihren Gedanken, Ängsten und Hoffnungen in Bezug auf ihren eigenen Tod. Sie erzählen aus ihrem Leben und sagen, wie es sich anfühlt, nach vorne zu schauen.

"Der letzte Lebensabschnitt stellt uns alle vor große Herausforderungen: In Würde zu altern und schließlich zu sterben ist eine Lebensendaufgabe. Trotzdem – oder gerade deshalb – verliert der Tod für viele alte Menschen an Schrecken. Einige entwickeln sogar eine Art freundschaftliches oder humorvolles Verhältnis zu ihm. Die Nähe zum Tod, gepaart mit der Lebenserfahrung alter Menschen, ist berührend und inspirierend. Ein Buch für alle, die einmal sterben werden". (M. Kost)

Über die Autorin:
Mena Kost (* 1980) ist freie Journalistin und Autorin und lebt mit ihrer Familie in Basel. Sie ist auf Porträts, Interviews und sozialpolitische Themen spezialisiert und schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene.

Über die Photographin:
Annette Boutellier (* 1966) arbeitet als freischaffende Photographin, betreibt ein Atelier und reist für Zeitschriften und Magazine, NGOs und kulturelle Organisationen durch die nahe und ferne Welt. Sie lebt in Bern.

 

Das Auge des Fotografen. - Industriekultur in der Fotografie seit 1900
Photographien von Hans Finsler, Evelyn Richter, Bernd & Hilla Becher, dem Atelier Hermann Walter,
Herausgeber Museum für Druckkunst
Vorwort Susanne Richter
Texte von Sara Oslislo
Deutsch
20 Seiten, ca. 18 Abbildungen in Schwarz-Weiß
Eigenverlag Museum für Druckkunst

Die Photographie ist ein wichtiges Thema und Medium bei der Reflexion der `Industriekultur in Sachsen´ (2020). So ist die rasante Entwicklung in Sachsen der vergangenen 120 Jahre von den Photographen als Arbeitsplatz, Mitarbeiter, Handwerk und Architektur dokumentiert worden. Die Industrie und ihre Anlagen reichen von der Dokumentation von Herstellungsprozessen, Industriestandorten bis zu Motiven mit künstlerischem Anspruch. Es entstehen erste Aspekte einer Industriekultur, denn so bedeutende Photographen wie Hans Finsler und Albert Renger-Patzsch sind hier tätig gewesen. Mitteldeutschland und das Ruhrgebiet, beide Industriezentren sind ihr Tätigkeitsfeld.

Die Photographie wurde zur bildlichen Repräsentantin der Industrieunternehmen als Leistungsschau, Werbe- und Propagandamittel. 110 Photographien aus der Montanindustrie, dem Maschinenbau, der Textil- und der Druckindustrie bilden einen Querschnitt durch die Tätigkeitsfelder von Hans Finsler, Evelyn Richter, Bernd & Hilla Becher und dem Atelier Hermann Walter, ergänzt durch unbekannte Aufnahmen aus sächsischen Archiven sowie zeitgenössische Positionen.

Das Museum für Druckkunst ist ein authentischer Ort der Industriekultur, denn in der ehemaligen Druckerei „Offizin Drugulin“ wurden seit 1892 qualitätsvolle Druckerzeugnisse auf höchstem Niveau hergestellt.

Eine interessante und gut gestaltete Broschüre mit informativen Abbildungen, der bei diesem wichtigen Thema zu wünschen ist, dass sie auch noch als Buch publiziert wird. Da die Gegenüberstellung der Industriezentren „Mitteldeutschland und Ruhrgebiet“ im Spiegel der Photographie von überregionalem Interesse ist. (db)

Ausstellung bis bis 28. Juni 2020 im Museum für Druckkunst (Leipzig)