Aktuelle Bücher im November 2020

Michael Schmidt - Fotografien 1965-2014
Photographien von Michael Schmidt

Hrsg.: Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt
Vorwort Udo Kittelmann
Texte von Ute Eskildsen, Janos Frecot, Peter Galassi, Heinz Liesbrock, Thomas Weski
Ausgaben: deutsch und englisch
Buchgestaltung Festeinband, 400 Seiten
ca. 353 Schwarz-Weiß und 168 und 168 farbigen Abbildungen
Verlag Koenig Books, London
ISBN 978-3-96098-794-9
49,90 €

Die Retrospektive des photographischen Werks von Michael Schmidt (1945–2014) war nach den Publikationen „Werkstatt für Photographie“ und „Fotografien werden Bilder“ zum BAUHAUS und der „Neuen Sachlichkeit“ zwingend erforderlich. Denn er hat mit seiner „Werkstatt für Photographie“ (1976-1986) und seinen Werkserien eine ganze Photographie Generation inspiriert. Diese Bedeutung in der deutschen Gegenwartsphotographie wird jetzt mit der chronologischen Präsentation seines Gesamtwerks im Museum Hamburger Bahnhof (Berlin) gewürdigt. Diesem Aspekt wird auch dadurch Rechnung getragen, dass die Autoren der Katalogbeiträge alle mit dem Künstler in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet haben. Dadurch ergibt sich eine besonders intensive Betrachtungsweise und Auseinandersetzung mit den Werkserien.

Seine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit hat er bei jeder Werkgruppe „Porträts, Selbstporträts, Stadtlandschaften, Landschaften und Stillleben“ aus einer anderen Perspektive und mit einer individuellen photographischen Methode durchgeführt. Auch für den Schmidt Kenner geben neben den Werkgruppen „Waffenruhe (1987), Ein-heit (1996), Lebensmittel (2012)“ besonders die bisher unveröffentlichten Arbeitsabzüge, Buchentwürfe und Archivmaterialien einen umfassenden Überblick von Schmidts künstlerischen Intentionen, die bis heute auf die zeitgenössische Photographie nachwirken.

Als Michael Schmidt in seiner Heimatstadt Berlin mit der Photographie begann war der „Stadtraum“ eine naheliegende Thematik, die er in den 1970er Jahren für die Bezirksämter und den Senat als Auftragsarbeiten mit einem starken persönlichen Akzent umsetzte, wie das Buch „Wedding“ zeigt. Mit der Serie „Waffenruhe“ setzte er sich mit der damals noch geteilten Stadt Berlin auseinander. Einen weiteren photographischen Schritt über Berlin hinaus machte er mit der Werkgruppe „Ein-heit“ bei dem er sich einfühlsam mit den staatlichen Veränderungen in Deutschland auseinandersetzt.

Seine prägende Wirkung auf die zeitgenössische Photographie basiert wesentlich auf seiner photographischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die er auf die Themen „Stadtraum, der andauernden Aktualität von Geschichte, dem Selbstbildnis, dem Selbstverständnis von Frauen und der Bedeutung von Natur und Lebensmitteln“ anwendete. Seine anregende Wirkung beruht auch auf seinen unterschiedlichen ‚Veröffentlichungsformaten‘ und selbst erarbeiteten und erprobten Präsentationsformen, die er themengerecht und kreativ einsetzte.
Seine Photographien (1970er- und 1980er-Jahre) aus Wedding und Kreuzberg zeigen die Stadtlandschaft und den Alltag der Bevölkerung. Daraus entwickelt er in dem Buch „Irgendwo“ eine Stilrichtung, die Dokumentation und Abstraktion in den Motiven verbindet.

In dem Buch und Ausstellungsprojekt „Waffenruhe“ entwirft er mit „Stadtlandschaften, Naturdetails und Porträts“ ein facettenreiches Bild Berlins, indem er Motive entwickelt, die symbolisch für Großstadt, Geschichte und Gesellschaft stehen. In seiner Werkserie „Ein-heit“ (1991-94) setzt sich Schmidt mit der Ikonografie von Nationalsozialismus, dem Sozialismus und der Demokratie auseinander, die seit 1933 Deutschland geprägt haben. Seine Frauenportraits (1997–1999), thematisieren das Verschwinden von Individualität in einer Internet Gesellschaft. In der Werkgruppe „Lebensmittel“ (2006–2010) arbeitet Michael Schmidt erstmals mit Farbphotographie und zeigt eine Lebensmittelindustrie, die von Normierung, Entfremdung und Internationalisierung geprägt ist. Bereits Mitte der 1990er-Jahre hat Schmidt sein Archiv für seine Inspiration entdeckt und nach kritischer Durchsicht daraus neue Bücher wie z.B. „Natur“ entwickelt.

Das Buch ist eine wichtige Neuerscheinung, da es stilistisch einen bedeutenden Photographen vorstellt und zu gleich dazu anregt, über den regionalen Tellerrand zu schauen und die künstlerische Photographie als eine Einheit und nationales Erbe zu erkennen. Es steht in der Tradition besonders gestalteter Photographiebücher mit klarer Typografie und einer prägnanten Buchgestaltung, die den gezeigten Werkgruppen künstlerisch gerecht wird. Auch für den Kenner der zeitgenössischen Photographie ein besonders empfehlenswertes Buch einer Zeitepoche der klassischen SW-Photographie. Mit diesem Buch und den Ausstellungen wird der vielbeschworene Anspruch, dass Photographie neue Perspektiven schafft und einen interkulturellen Austausch ermöglicht, eindrucksvoll umgesetzt. (db)

Ausstellungen:
bis 17.01.2021 HAMBURGER BAHNHOF - Museum für Gegenwart, (Berlin)

vom 11.5. – 29.8.2021 Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris
vom 28.9.2021 – 28.2.2022 Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid
vom 24.3. – 12.6.2022 Albertina Museum, Wien

 

Nach uns die Sintflut
Benoit Aquin, Ursula Biemann, Axel Braun, Solmaz Daryani, Verena Dengler, Michael Goldgruber, Justin Brice Guariglia, Stephan Huber, Genoveva Kriechbaum, Anouk Kruithof, Bénédicte Kurzen, Douglas Mandry, Benedikt Partenheimer, Sarker Protick, Gabriele Rothemann, Anastasia Samoylova, Christina Seely, Nicole Six & Paul Petritsch, Frank Thiel, Angela Tiatia
Text: Lukas Egger, Nils Güttler, Gaby Hartel, Sophie Haslinger, Verena Kaspar-Eisert, Bettina Leidl
Hg.: Kunst Haus Wien GmbH, Bettina Leidl
Design: Dieter Auracher
deutsch / englisch
2020, Softcover
28 x 22 cm, 180 Seiten
120 Farbabbildungen
Fotohof edition; Wien
ISBN 978-3-903334-08-3
27,00 €
 

20 Positionen, 20 Orte, ein Thema.
Von Alaska über China, Dubai, Grönland nach Nigeria, Tschad und Tuvalu. Auf allen Kontinenten sind die Folgen der Klimakrise unübersehbar: Schwindende Gletscher und Polkappen, steigende Meeresspiegel und versteppte Landflächen. Schon lange bekannt sind sie ebenso. Die Publikation Nach uns die Sintflut zeigt mit allen photographischen Mitteln der Kunst die Dringlichkeit dieses Themas auf. 21 internationale Photographen verdeutlichen durch ihre photographischen und videographischen Arbeiten die ökologischen Auswirkungen unseres wachstumsorientierten Wirtschaftssystems. Ihre Fotos und Videos sind eine Bestandsaufnahme der Erschöpfung, der Ermüdung der Natur. Sie veranschaulichen das Verschwinden eines Gleichgewichts von Wasser, Wärme, Kälte, Biotopen und damit die Zerstörung von Lebensräumen.

Die Werke aus den vergangenen zehn Jahren sind oft in intensiver Recherche und in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen entstanden. Sie geben den abstrakten Prozessen und komplexen Zusammenhängen der Klimakrise eine visuelle Form und berühren auf emotionaler Ebene. Die Textbeiträge behandelnd vertiefend die globale Klimakrise und die Rolle der Kunst sowie die Geschichte des ökologischen Denkens und Karl Marx‘ Naturbegriff.

"So wie wir uns heute an die Kulturleistungen der Antike erinnern, so werden kommende Generationen an uns als diejenigen denken, die das Klima verändert haben und die Weltmeere ansteigen ließen",  so vor einiger Zeit in der Le Monde diplomatique zu lesen. Das vorliegende Buch ist eindringlich und durch die verschiedenen photographischen Positionen und die Textbeiträge überzeugend. Und vielleicht mag es einen Teil dazu beitragen, dass die vorgenannte Prognose sich nicht erfüllt.

 

Andreas Rost 
3. Oktober 90

78 Seiten mit 66 Photographien
Format: 22x30 cm , Klappenbroschur
Berlin, Wasmuth & Zohlen Verlag
ISBN: 978-3-8030-3412-0
24,80 €


Andreas Rost, geboren 1966 in Weimar, machte nach dem Abitur in Dresden zunächst eine Photographenlehre und begann 1988 ein Studium an der Hochschule für Graphik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Dort waren Arno Fischer, DGPh-Salomon-Preisträger 2000, und die 1992 mit dem Kulturpreis der DGPh ausgezeichnete Photographin Evelyn Richter  seine Lehrer.


Als 24-Jähriger streunte Rost, bewaffnet mit einer mit Schwarzweiß-Film geladenen Bridgekamera und einem starken Blitzgerät,  in der Nacht zum 3. Oktober 1990 in Berlin durch die erwartungsfrohen Massen, die sich zur Feier der Wiedervereinigung am Brandenburger Tor versammelt hatten, um den Ausruf „Wir sind das Volk“ in die neue Version „Wir sind ein Volk“ zu ändern. Dabei haben die von ihm abgelichteten Personen den Photographen zumeist einfach ignoriert.  Bei seinem Streifzug sind daher keine Aufnahmen von Jubelszenen entstanden sondern von eher skeptischen, was wird die gemeinsame Zukunft wohl bringen fragenden Gesichtern. „Ich hatte das Bestreben, ein möglichst großes Spektrum abzulichten zwischen jung und alt, Ost und West und verschiedenen sozialen Schichten“, sagte der Photograph einmal. Und so zeigen seine vor nunmehr 30 Jahren Photographierten oft auch eine gewisse Unsicherheit.

Ähnlich wie August Sander habe Andreas Rost die Menschen gesehen, meint der Photograph, Autor und Hochschullehrer Rolf Sachsse in seinem, das Buch abschließenden Essay „Berlin aus Rand und Band“. Dabei war Rost, aufgewachsen in Dresden und einige Jahre in Leipzig studierend, die Stadt Berlin 1990 eher noch ein wenig fremd – ähnlich wie dem aus dem Siegerland stammenden August Sander die Stadt Köln.
In seiner Einleitung zum dem im Verlag Wasmuth & Zohlen, Berlin, erschienenen Buch „3. Oktober 90“ meint Matthias Flügge, dass Rosts Photographien jetzt, 30 Jahre nach deren Entstehung, die Situation, deren ökonomische Verwerfungen und Veränderungen viel klarer als damals zeigen: „Aus der Masse treten nun die Individuen und ihre Schicksale deutlich hervor“.  Der Kunsthistoriker und Kurator schließt mit der Feststellung: „Rosts Bilder zeigen Geschichte, aber sie sind noch längst nicht Geschichte. Die Operation deutsche Einigung ist noch nicht abgeschlossen. Es ist noch immer fünf nach zwölf.“ (vZ)

 

natura
Photographien von Bernard Descamps

Herausgeber Stiftung Situation Kunst
Text von Maria Spiegel
Deutsch, Französisch
Buchgestaltung Bernard Descamps, Festeinband, Duplexabbildungen,
160 Seiten, 73 Abbildungen in Schwarz-Weiß
Filigranes Editions, Paris
Buchhandelspreis: 24,00 Euro, Museumspreis 20,00 Euro.
ISBN 978-3-941778-14-6
Ausstellung »Ortlose Stille. Landschaftsphotographien« bis 18. April 2021 im Museum unter Tage (Bochum)

Dieses Buch ist die Monografie eines künstlerisch photographischen Projektes, das in der Buchgestaltung des Photographen seine optimale Vollendung erfährt. Bernard Descamps (*1947) hat die Werkgruppe „natura“ (1995-2019) in Frankreich, Island, Japan, Madagaskar und Venezuela photographiert.


In Bezug auf die stilistische Form der „new topographics“ (USA) stellt Maria Spiegel (Kuratorin) die Frage ist „natura“ „old topographics“ und wie ist die Relation? In unserer gegenwärtigen Umwelt haben wir es fast ausschließlich mit einer Kulturlandschaft zu tun, die Naturlandschaft ist von Menschenhand verändert. Die „new topographics“ haben zuerst in der Photographie die starken Veränderungen der Natur durch die Landnahme thematisiert
Bernard Descamps hat nun die Landschaft durch eine künstlerische Konzeption, die Reduktion der Landschaft in seinen Photographien auf ihre wesentlichen Elemente reduziert und sich daraus vier Themen „Meer, Berge, Wald, Vogelflug“ ausgewählt, die er in jeweils einer Serie im Buch vorstellt. Es ist keine klassische Landschaftsphotographie wie bei Anselm Adams, der uns die Majestät der Natur und die Kraft der Witterung in eindrucksvollen Lichtstimmungen und fein nuancierten Schwarz-Weiss Abstufungen näherbringt.
Das „Meer“ ist auf einen strengen Bildaufbau (Horizontlinie in Bildmitte) und helle Grautöne reduziert so dass was Meer ausmacht zum Tragen kommt der Horizont in der Bildmitte.
Die Berge sind auf zweidimensionale Flächen und Strukturen reduziert, das geht soweit, dass die Gletscher Islands nicht mehr als Eis zu erkennen sind, sondern es könnte sich auch um Sandstrukturen halten. Dieser reduzierte Realitätsbezug wird noch verstärkt durch das Fehlen von Bildunterschriften und die Motivliste am Ende des Buches besteht nur aus Ländernahmen und Jahreszahlen wie „Islande, 2011 France, Bretagne, 2016 Belgique, Forêt de Soignes, 2015 France, Les Alpes, 2019.“
Mich haben ganz besonders die Waldaufnahmen im Kapitel III beeindruckt, ganz auf die Baumstämme und ihre Strukturen reduziert, sind doch auch die Baumarten zu erkennen. In ihrer ästhetischen Konsequenz erinnern sie stark an die Werkserie „Bäume“ von Albert Renger-Patzsch, der aber im Geiste der „Neuen Sachlichkeit“ stärker den einzelnen Baum und das allgemeingültige seiner jeweiligen Spezies betont.

Bei dieser starken Konzentration auf das Wesentliche in den Photographien (Formalisierung), vermisst man die Farbe nicht, sondern im Gegenteil SW hat die größere Aussagekraft für die künstlerische Intention. Durch Betonung dieser formalästhetischen Aspekte geht es nicht um eine bestimmte Landschaft, sondern deren elementare Formen und Oberflächenstrukturen wie Horizont-, Kammlinie Baumstämme und Flugformationen der Vögel.
Besonders deutlich wird diese Intension bei der Serie IV „Vögel“ bei der nicht die Arten oder der Himmel, sondern nur noch Strukturen (Flugformationen der Vögel) auf hellgrauen Flächen zu sehen sind! In einer durch und durch industrialisierten Welt zeigt sich eine Landschaft ohne Zivilisation als eine Form künstlerischer Imagination.


Ortlose Stille. Landschaftsphotographien von Bernard Descamps und Andreas Walther ist eine Projektkonzeption der Stiftung Situation Kunst (Bochum), die die Ausstellung im Museum unter Tage kuratiert hat.
Der fundierte und detailreiche Text von Maria Spiegel vollzieht den vielschichtigen Prozess der Wahrnehmung von Natur und Landschaft in den Photographien von Bernard Descamps (1947 in Paris) nach. Darin wird deutlich, dass seit der Antike eine ursprüngliche Naturvorstellung (Arkadien) über Jean-Jacques Rousseau, die Romantik bis heute ein Produkt der menschlichen Vorstellung ist, die in einer bis in die Landwirtschaft industrialisierten Welt der künstlerischen Interpretation bedarf.


Ein sehr empfehlenswertes Buch als Dokument der Landschaftsdarstellung aber auch für die stilistischen Impulse in der Photographie. Die Buchgestaltung in ihrer klaren SW-Optik entspricht diesem wichtigen photographischen Archivbestand zur Landschaftsphotographie. Eine klare Typografie, und Themengliederung, der gute Druck der Duplexabbildungen und die Texte auf Naturpapier machen das Buch zu einer besonders gelungenen Publikation, die den gezeigten Werkgruppen künstlerisch gerecht wird und den Liebhaber des Photographie-Buches durch eine besondere künstlerische Note erfreut. Mit diesem Buch und der Ausstellung wird der vielbeschworene Anspruch, dass Kunst neue Perspektiven schafft und einen kulturellen Austausch ermöglicht, eindrucksvoll umgesetzt.

 

Annemarie Schwarzenbach
Aufbruch ohne Ziel

Hrsg. Nina Zimmer und Martin Waldmeier
Mit Essays von Mirco Melone, Katharina Sykora, Martin Waldmeier, Barbara Wiegand-Stempel
Design: Integral Lars Müller
Deutsch
19 x 26 cm, 144 Seiten, 85 Abbildungen
Paperback
Lars Müller Publishers
ISBN: 978-3-03778-651-2
25,00 €

Soeben erschienen ist ein schmaler, hochinformativer Band über das photographische Werk von Annemarie Schwarzenbach (1908–1942), einer der schillerndsten Figuren der modernen Schweizer Kultur- und Literaturgeschichte. Neben journalistischen Veröffentlichungen und literarischen Texten hinterließ die rastlose, die Welt bereisende Schriftstellerin und Reporterin Photographien von großer emotionaler Intensität.

'Aufbruch ohne Ziel' ist die erste Publikation, die sich ausschließlich ihrem bisher wenig bekannten photographischen Werk widmet. Begleitende Essays verorten die S/W-Photographien photohistorisch und analysieren das Verhältnis von Photographie und Literatur. Annemarie Schwarzenbachs rastlose Existenz – sowohl intellektuell wie geographisch – manifestiert sich so anschaulich in diesem mehrperspektivischen Band.

Annemarie Schwarzenbachs photographische Dokumentationen der Zwischenkriegszeit zeugen von einer besonderen, visuellen Könnerschaft und sind auch heute noch beeindruckend. Die sorgfältig komponierten Bilder zeigen zudem ein waches Interesse an politischen Umbrüchen und sozialen Fragen vor dem Hintergrund hochaktueller Themen: Identität und Heimat, Individualität und Gemeinschaft, der Aufbruch aus traditionellen Geschlechterrollen und das Verhältnis zwischen Natur und Kultur, Tradition und Fortschritt.

'Aufbruch ohne Ziel' gibt diese Qualitäten prima wider. Unaufgeregt im Design und Editing ist der Band trotz seines kleinen Formats und geradezu günstigen Preises ein vielschichtiger, empfehlenswerter Band."
(© Richard Sporleder, cafelehmitz-photobooks.com, 2020)

 

Christian Borchert – Wege ins Land.
Photographien von Christian Borchert

Hrsg.: Jens Bove, Hansgert Lambers, Karen Weinert
Texte von Elke Erb, Jens Bove, Hansgert Lambers, Karen Weinert
Deutsch
Buchgestaltung Festeinband
64 Seiten, 35 Abbildungen in Schwarz-Weiß
hesperus print* Verlag, Dresden und ex pose verlag Berlin
Editionsprint vom Originalnegativ Christian Borcherts, 350 € (Auflage: 20; www.hesperusprint.de)
ISBN 978-3-925935-81-7
24,00€

Die Landschaftsphotographien von Christian Borchert sind nie eine eigenständige Werkgruppe geworden, sondern immer sprichwörtliche „Fingerübungen“ die er gerne zum Dialog seinen Freunden und Bekannten als Neujahrsgrüße verehrte.
Sein bekanntes Ouvré die „Familienporträts“ (1983-1985 und 1993-1994), die 1977 begonnene „DDR-Sammlung“, einem besonderer Zeitblick aus künstlerischer Sichtweise und der Dokumentation des Wiederaufbaus der Semper-Oper“ wurden an dieser Stelle mit dem Buch »Christian Borchert. Tektonik der Erinnerung« vorgestellt. Seine narrative und poetische Bildsprache angeregt durch seine Freundschaft u.a. mit den Lyriker*innen Elke Erb (*1938) oder Richard Pietraß (*1946) prägt auch seine Landschaftsphotographie. In diesem Buch wird die große Retrospektive „Tektonik der Erinnerung“ um einen kleinen, aber sehr interessanten Aspekt ergänzt. „Wege ins Land“ beschreibt sehr gut die Intention des Photographen Christian Borchert bei seiner Motivfindung. Gleich einem Flaneur lässt er sich von Orten oder Situationen zu einer Photographie anregen. Er teilt uns seine Eindrücke mit, er will nicht wie in anderen Serien auf etwas aufmerksam machen oder Inhalte vermitteln. Die Buchkonzeption wurde beim Sichten des Archives in der Deutschen Fotothek (Dresden) entwickelt, um eine bisher kaum beachtete Facette im photographischen Schaffen Borcherts zu dokumentieren.


Die Landschaftsphotographien von Christian Borchert sind ein weiteres Projekt, das aus seinem photographischen Nachlass entstand, und posthum das Werk neu interpretiert und um neue Aspekte erweitert. Die kleine Serie seiner Photographen ist eine sehenswerte aber subjektive Auswahl zur Landschaftsphotographie und für den ambitionierten Amateurphotographen eine schöne Anregung für einen eigenen Fotorundgang in seiner regionalen Umgebung. Ein gelungenes Buch, das die bisherigen Werke zu Christian Borchert durch seine sehr persönliche Sichtweise, die beinahe bibliophile Buchgestaltung und den interdisziplinären Ansatz `Dialog aus Photographie und Essay´ ergänzt, und damit der zeitgenössischen Photographie neue Themengebiete aufzeigt. (db)

 

Her Majesty
A Photographic History 1926 – Today

Hrsg.: Reuel Golden, Autor: Christopher Warwick
Texte: Englisch, Deutsch, Französisch
368 Seiten
Format: 25 x 34 cm, Hardcover mit Schutzumschlag
Köln, Taschen-Verlag
ISBN: 978-3-8365-8468-5
50,00
 

Im Dienste des Empire: Ihre Majestät Elizabeth II. von Großbritannien – 1926 geboren, 1947 verheiratet und 1953 zur Königin gekrönt – erfüllt ihre Pflichten seit über sechs Jahrzehnten. Mit einem großformatigen  Bildband feiert der Taschen-Verlag, Köln, die bemerkenswerte Karriere von „Her Majesty“ mit einer prachtvollen Sammlung von Photos aus ihrem öffentlichen und privaten Leben, beginnend mit einem 2014 von David Bailey photographierten Titelbild einer strahlenden Königin und auf der Rückseite als junge Prinzessin mit einer 1951 entstandenen Aufnahme von Yousuf Karsh.

Das Buch voller Glanz und Glamour, Kitsch und Kultur schildert Elizabeths erstaunliche Lebensgeschichte von den frühen Jahren der Königin bis zu ihren jüngsten Staatsbesuchen und Empfängen. Der angesehene königliche Historiker Christopher Warwick schildert in seinem einführenden Text, eingeteilt in die Kapitel ‚Prinzessin Elizabeth (1926 – 1946)‘, ‚Ehefrau, Mutter & Königin (1947 – 1952)‘, ‚Das königliche Leben (1953 – 1976)‘ und ‚Eine moderne Monarchie (1977 – 2020)‘ das Leben und die Regentschaft von Elizabeth II., die bekanntermaßen auch gerne selbst photographiert und filmt. Der Weg der modernen Königin von der Geburt über ihre Jugend während des Zweiten Weltkriegs, ihre Ehe und ihre Mutterschaft sowie ihre Krönung, ihre Begegnungen mit Kultfiguren ihrer Zeit und ihre zahlreichen Auslandsreisen werden in teilweise doppelseitig gedruckten Photographien ebenso dargestellt wie die eindrucksvollen Königspaläste, ihr Auftreten bei Staatsempfängen, königlichen Hochzeiten und Jubiläen, bei Pferderennen und Hutparaden, schließlich das private Ambiente bei Tee und Feingebäck sowie mit ihren geliebten Corgis.

Der Bildband „Her Majesty – A Photographic History, 1926 - Today“ ist zum einen eine königliche Chronik, zum anderen aber auch ein Schaulaufen großer Photographinnen und Photographen, die sich ihr eigenes Bild der berühmtesten Monarchin der Welt machen durften, darunter Eve Arnold, Cecil Beaton, René Burri, Cornell Capa, Henri Cartier-Bresson,  Alfred Eisenstaedt, Josef Koudelka, Annie Leibovitz, Inge Morath und Rankin, aber auch ihr Schwager Antony Armstrong-Jones und ihr Cousin Patrick Lichfield. Den Anhang bilden eine detaillierte Aufstellung der Überseereisen der Königin 1953 – 2015, eine Chronologie ihres bisherigen Lebens sowie unter dem Titel „Die Queen in den Medien“ auf insgesamt 35 Seiten eine von 1926 bis heute reichende umfangreiche Sammlung von Veröffentlichungen über Elizabeth II.

Entstanden ist ein überwältigendes photographisches Kompendium, das sämtliche Einzelheiten des bemerkenswerten Lebens der Queen abdeckt. (vZ.)

 

 

Wolfgang Tillmans
four books

Text: Englisch
512 Seiten
Format: 16x22 cm,  Hardcover
Köln, Taschen-Verlag
ISBN: 978-3-8365-8253-7
20,00 €

Wolfgang Tillmans, 1968 in Remscheid geboren und in London lebend, hat sich wie kein anderer Künstler seiner Generation mit dem Medium Photographie auseinandergesetzt. Von frühen Porträts seiner Freunde über abstrakte Bilder, die in der Dunkelkammer ohne Kamera entstanden, bis hin zu Werken, die mit einem Kopierer erstellt wurden, hat er dem photographischen Prozess auf vielfältige Weise seine Grenzen gezeigt. Von frühen Porträts seiner Freunde über Stillleben, Reisefotos, Aktstudien, Landschafts- und Himmelsaufnahmen bis hin zu abstrakten Arbeiten schuf er in seiner unverwechselbaren Bildsprache eine Vielzahl ikonischer Werke und eröffnete sowohl der Photographie als auch der zeitgenössischen Kunst neue Wege.

Für die in dem kleinen, aber 512 Seiten dicken, im Taschen-Verlag, Köln, erschienenen Band „four books“ hat Tillmans seine bisherigen vier Bücher in einer Art Photosammlung zu einem Werk sich überschneidender Perspektiven zusammengestellt. Unter Beibehaltung seines ursprünglichen Layouts fügte er einige neue Arbeiten hinzu, so dass die Publikation bis hinein in die Gegenwart reicht.

Im ersten Teil ‚Wolfgang Tillmans 1995‘ zeigt er die junge Generation der 90er Jahre, zu der er selbst gehörte, in Clubs, beim Gay Pride, auf Fashion-Events oder im Alltag. Seine dichten, wirklichkeitsnahen Aufnahmen beschwören greifbare Utopien von Gemeinschaft und Gesellschaft und sind nicht zuletzt bedeutende Dokumente ihrer Zeit. Mit dem Folgeband ‚Burg‘ (1998) veredelte Tillmans seine Sujets zu weiteren wunderschönen, heute längst ikonischen Bildern. In ‚truth study center‘ (2005) verdichten sich die Aufnahmen zu noch subtileren Kompositionen und stehen jetzt neben gänzlich abstrakten Arbeiten. Im vierten Kapitel ‚Neue Welt‘ (2012) schließlich dokumentiert Wolfgang Tillmans seine Reisen rund um den Globus: Von London über Feuerland, Indien, Papua-Neuguinea, Saudi-Arabien bis nach Zentralafrika ist sein stets neugieriger Blick für die Realitäten unseres Planeten, für soziale Situationen mit Menschen und Märkten, für Technologie und Architektur und nicht zuletzt Natur und Astronomie zu sehen.

Der Band vereint somit das Beste aus seinen vier Büchern, wurde teilweise neu gestaltet und mit aktuelleren Arbeiten versehen. Und so blättert man durch eine nunmehr drei Jahrzehnte umfassende Bildersammlung eines der wichtigsten, mittlerweile vielfach, unter anderem 2009 mit dem Kulturpreis der DGPh und 2014 dem Hasselblad-Award ausgezeichneten Künstler unserer Zeit, dessen photographische Arbeiten in den Sammlungen zahlreicher internationaler Museen zu finden sind. (vZ)

 

Trügerische Bilder – Ein Spiel mit Malerei und Fotografie
Künstler*innen: Dirk Braeckman, Tacita Dean, Vittoria Gerardi, Anthony McCall, Radenko Milak, Kelly Richardson, James White

Herausgeber: Marta Herford gGmbH
Texte von Friedrike Fast, Wiebke Hahn, Jasmina Janoschka, Friederike Korfmacher.
Deutsch / Englisch
Buchgestaltung Broschur
124 Seiten, ca. 400 Abbildungen in Schwarz-Weiß und Farbe
Kettler Verlag, Bünen
ISBN 978-3-938433-40-9
9,00 €

Ausstellung bis 28.02.2021 im Marta (Herford)

Das Buch dokumentiert das Verhältnis von Photographie zu der Auseinandersetzung mit künstlerischen Prozessen. Dies ist eine Schule des Sehens, die hinterfragt wieweit ein „scheinbarer fotografischer Realismus“ auch subjektive Deutungen zulässt, beziehungsweise „Malerei und Zeichnung“ auch Fakten vermitteln kann, und stellt damit die Frage nach „neuen Darstellungsweisen des Dokumentarischen“ die seit der Antike künstlerische Arbeit durchziehen.

Dies wird im Buch mit 7 Positionen von Künstler*innen gezeigt und entsprechend den aktuellen Positionen entsteht mit Videos, Installationen, Photographien und Malereien ein Dialog aus „eigener Wahrnehmung und bildlicher künstlerischer Interpretation! Diese stellt die ewige Frage nach realer Wirklichkeit, welcher Realitätsebene und meinen persönlichen Eindruck. Wenn in den zeitgenössischen beiden Medien viel mit „konstruierten“ Bildern gearbeitet wird, worin besteht dann der dokumentarische Wert eines Motives was ist Illusionsraum und was realer Zusammenhang?

Dokumentiert wird dies mit den Arbeiten von Dirk Braeckman, Tacita Dean, Vittoria Gerardi, Anthony McCall, Radenko Milak, Kelly Richardson, James White, die mit photographischen Techniken wie Lichtinstallation, Schablonen chemische Prozessen Nachbelichtungen, Fotogravüre“ ihre illusionistischen Raumbilder erstellen. Dirk Braeckman (* 1958, Eeklo) erzielt durch Über- und Unterbelichtung des Abzugs, den gezielten Einsatz von Taschenlampen, Pinseln oder Besen, von Chemikalien und Staub dunkle, traumhafte Szenen, die die Betrachtenden über das Geschehene im Unklaren lassen. Tacita Dean (* 1965, Canterbury) setzt die großformatige Fotogravüre ein, deren feine Nuancen der Grautöne das Bild malerisch (Piktorialismus) erscheinen lassen, wie im Motiv „Quarantania“ (2018) das auf die biblische Erzählung über den „Berg der Versuchung“ verweist. In der Dunkelkammer verarbeitet Vittoria Gerardi (* 1996, Venedig) Teile von Negativen als Fragmente von Landschaften, nutzt Schablonen und setzt Belichtungszeit und chemische Prozesse als bildgebende Verfahren zu surrealen Landschaftsmotiven ein. Mit einer Lichtinstallation „You and I (II)“ (2010) zeigt Anthony McCall (* 1946, London) dreidimensionale Formen, die vertikal in den Raum hineinragen und mit künstlichem Nebel wird die räumliche Dimension des Werks erst sichtbar. Radenko Milak (* 1980, Travnik) überträgt in der Serie „COVID-19 (2020)“ Nachrichtenbilder in das Medium der Malerei mit schwarzer Wasserfarbe entsteht der Anschein von Photographien und hinterfragt unsere Wahrnehmung der Medien. Kelly Richardson (* 1972, Ontario) überarbeitet akribisch photographische oder filmische Aufnahmen realer Orte. die nicht mehr zwischen Realität und Erfindung unterscheiden. James White (* 1967, Tiverton) fügt in der Serie „Bodies (2020)“ zwei Bildausschnitte der vermeintlich gleichen Situation zu einer gemeinsamen Komposition zusammen und lässt durch Licht, Reflexionen, Schattierungen, Spiegelungen und Oberflächenbeschaffenheit den Eindruck von gestochen scharfen Photographien entstehen.

Als Resümee der Betrachtung steht Man Rays (1981) berühmtes Statement im Raum: „Ich male, was nicht photographiert werden kann, was aus der Fantasie, aus Träumen oder dem Unbewussten herrührt. Ich photographiere die Dinge, die ich nicht malen möchte, die Dinge, die bereits eine Existenz vorzuweisen haben.“ Es ist eine individuelle Einstellung und wird es sicher auch bleiben. Insgesamt ein interessantes Buch, das in der hybriden Form der Photographie zum Nachdenken über die Photographie und ihre künstlerischen Möglichkeiten anregt und einen Beitrag zu weiteren Diskursen über die stilistischen Varianten konzeptueller Photographie bietet.(db)

 

Alfio Tommasini
Via Lactea

Mit einem Text von Noëmi Lerch
Design: Sidi Vanetti
in Deutsch und Englisch
Hardcover
136 Seiten
90 Farbabbildung
24.8 x 19.5 cm
Edition Patrick Frey, Zürich
ISBN 978-3-90736-01-7
52,00 €


Es begann, wie so oft, mit einer genetischen Mutation. Erst seit rund 7500 Jahren bewahren sich erwachsene Mitteleuropäer das Enzym, um Milch auch über das Säuglingsalter hinaus abbauen zu können. Die heutigen Milchbauern nahmen ihren Anfang in den frühen landwirtschaftlichen Besiedelungen, und aus Natur wurde ganz allmählich Kultur und schliesslich das, was man heute Zivilisation nennt. Nicht mehr nur von Ernte und Lebensmittelvorräten abhängig zu sein ermöglichte Viehhaltern von da an das Überleben auch unter harschen klimatischen Bedingungen der weniger fruchtbaren, oft kalten und schneebedeckten Bergregionen. Sie und ihre Bewohnerinnen und Bewohner stehen im Zentrum von Via Lactea des Schweizer Photographen Alfio Tommasini. Gerade in den langen Wintermonaten, wenn Mensch und Tier in enger Symbiose unter einem Dach leben, besuchte er vornehmlich Kleinbauern, aber auch Viehzüchter in den voralpinen Bergregionen sowie größere Milch- und Besamungslaboratorien der Schweiz.

Via Lactea versammelt zwischen 2015 und 2019 entstandene tableauhafte Landschaftsphotographien sowie präzise und dennoch intime, den Bauern und ihren Nutztieren zugewandte Porträts von malerischer Qualität. Tommasinis Projekt unternimmt eine bildhafte Studie zum Verhältnis von Mensch, Tier und Topografie im Kontext einer sich rasant verändernden und zunehmend technisierten Land- und Milchwirtschaft. Denn hinter den urbanen Kulissen wohnten all die Menschen und Dinge, die eine Stadt brauche, um zu überleben. Die andere Seite der Medaille, das seien die durchorganisierten und digitalisierten Agrarwirtschaften, gigantische Warenlager und Datenzentren (Rem Koolhaas). Die nichtstädtischen Gebiete scheinen – im Positiven wie im Negativen – wieder einmal die Orte einer großen Transformation zu sein.

Via Lactea eröffnet einen Blick in einen Mikrokosmos dieser Peripherie, der keineswegs folkloristisch-romantisierend ausfällt, denn in den Bilddetails der Kleidung, der Werkzeuge und Maschinen blitzen subtil immer wieder die Insignien dieses technologischen, koevolutionären Umbruchs auf. (Edition Patrick Frey)

 

Le Corbusier
Aircraft

Mit Beiträgen von Engelbert Lütke Daldrup und Gerwin Zohlen
Format: 18x25 cm, Ganzleinen mit Schutzumschlag
Berlin, Wasmuth & Zohlen Verlag
ISBN: 978-3-8030-3411-3
38,00 €
 

Le Corbusier (1887 – 1865) war  einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Seit 2016 gehören 17 seiner Bauten in sieben verschiedenen Ländern zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der schweizerisch-französische Stadtplaner, Maler, Zeichner, Bildhauer und Möbeldesigner war schon immer vom technologischen Fortschritt fasziniert und baute in seine ersten Bücher stets Kapitel über Ozeandampfer, Automobile, Flugzeuge und später Aufzüge ein.

1929 sitzt er in einem Flugzeug und überfliegt Südamerika. Diese erste Flugerfahrung begeisterte ihn und er schlug William Gaunt, dem Chefredakteur des englischen Verlags ‚The Studio‘, vor, ein Buch über die Luftfahrt zu produzieren. Daraufhin stellte der Verleger ihm eine große Auswahl von Photographien zur Verfügung, die aus bedeutenden Sammlungen der ganzen Welt stammten. Als Berater zieht sich Le Corbusier insbesondere Antoine de Saint-Exupéry hinzu. Das Buch erscheint 1935 in der Sammlung „The New Vision“ und wurde eine Eloge auf die Erfindung des Flugzeugs. Der Architekt propagiert darin vor allem den „Bird’s Eye View“, die Vogelperspektive, für die Entwurfsgrammatik von Stadt und Architektur, wie sie in der Folgezeit bei allen Großprojekten maßgeblich benutzt wurde.
Es erscheint als Ironie der Geschichte, dass die Originalvorlagen 1942 bei einem V2-Angriff auf London zerstört wurden, während sich Le Corbusier gerade um eine deutsche Ausgabe seiner Veröffentlichung bemühte.

Das im Wasmuth & Zohlen Verlag, Berlin, erschienene Buch „Aircraft“ ist ein Schlüsselwerk der architektonischen Moderne des 20. Jahrhunderts, das nach fast 90 Jahren endlich auch in deutscher Sprache und auf dazu passendem Papier gedruckt vorliegt. In seinem Original-Vorwort vom Mai 1935 schildert Le Corbusier seine Begeisterung für das Fliegen, die auf die erste Luftfahrt-Ausstellung in Paris nach dem Krieg zurückgeht: „Ich nahm die Aufgabe an und stelle den Seiten, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, den bescheidenen Untertitel ‚Frontispiz zu Bildern vom Epos der Lüfte‘ voran“. Die Details der heute historischen 124 Abbildungen sind dem Hauptteil vorangestellt und auf den Seiten, eingeteilt in insgesamt 18 Abschnitte, jeweils zusätzlich mit erläuternden Texten versehen.

Dem Bildteil folgen zwei Beiträge, die die Zeit der Fliegerei um 1935 aus heutiger Sicht und hier speziell am Beispiel des gerade eröffneten Flughafens Berlin Brandenburg (BER) betrachten. In seinem Text beschreibt BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup unter dem Titel „Wenn das Fliegen Städte prägt“ den Einfluss der durch das Fliegen möglichen Vogelperspektive auf das Sehen und hier speziell die Architektur. Gerwin Zohlen widmet sich unter der Überschrift „Als das Flugzeug noch Zukunft war“ der Entstehung des 1935 erschienenen ersten Buchs „Aircraft“ von Le Corbusier und geht auf die bis heute durch die Fliegerei wirkenden Veränderungen auf das Leben ein. Ein interessantes historisches Buch, das zugleich die industriegeschichtliche Epoche des Fliegens in wunderbaren alten Photographien und Texten darstellt. (vZ)

 

Auf Münster fixiert
Photographien von Berthold Socha

Herausgeber Berthold Socha
Vorwort Dr. Barbara Rommé, Markus Lewe
Text von Axel Schollmeier
Deutsch,
Buchgestaltung Broschur
172 Seiten, ca. 120 Abbildungen in Schwarz-Weiß
Tiekötter Verlag, Münster
Buchhandelspreis: 15,00 Euro.
ISBN 978-3-939838-55-5

Ausstellung bis 10. Januar 2021 im Stadtmuseum Münster (Münster)
 

Das Stadtmuseum Münster zeigt seit vielen Jahren Photographie-Ausstellungen, die jeweils einen jährlichen Zeitabschnitt der Stadtgeschichte „Münster vor 50 Jahren“ wiedergeben. In dieses Konzept passt gut der Erwerb des photographischen Archives von Berthold Socha (1940 DGPh), der sich seit den 1960er Jahren mit der Stadt Münster politisch kulturell und gesellschaftlich auseinandergesetzt hat. Daraus ist ein großes Bildarchiv mit eindrucksvoller Themenbreite entstanden, das Socha jetzt dem Stadtmuseum zur weiteren Nutzung und historischen Aufbereitung übergeben hat.
Berthold Socha hat als Referent der Kulturpflegeabteilung des LWL maßgeblich den Aufbau der Industriemuseen mit acht Standorten in Westfalen begleitet und ist dort einem breiteren photographischen Publikum in seiner Tätigkeit als Dokumentarist der „Schliessungsstunde“ bekannt geworden. Die von ihm betreuten Industriestandorte hat er in ihrem damaligen Ist-Zustand photographiert. Diese Bestandsdokumentation ist aus heutiger Sicht auch ein historischer Augenblick und in einem Buch „Bestandsaufnahme“ festgehalten (1985).

Berthold Socha lebt seit den 1960er Jahren in Münster und hat in den vergangenen 50 Jahren die Entwicklung der Stadt und ihren Alltag aber auch das kulturelle Leben in allen Facetten intensiv begleitet. Im Buch sind die Photographien in den Themengruppen „auf dem Domplatz, auf dem Prinzipalmarkt, in der Stadt, am Aasee, Skulpturen, Momente, Porträts, Karneval“ zusammengefasst und stellen eine Auswahl aus dem Gesamtarchiv dar. Ein bereits 2017gezeigtes Konvolut zeigt Impressionen der Skulptur Projekte 1977 bis 2007.

Socha hat seine Tätigkeit immer als ein engagierter Amateur ausgeübt, wenn manchmal auch die visuelle Anregung eines berühmten Kollegen durchblitzt, den er in seiner kulturellen Tätigkeit kennenlernte. Diese innere Überzeugung wird in seiner Kamera einer „Leica M6“ und seiner intensiven analogen Dunkelkammerarbeit deutlich. So ergibt sich die Themenvielfalt und der Umfang seines photographischen Nachlasses zur Stadtgeschichte und als kulturgeschichtliche Quelle eben aus der Ausdauer und Zähigkeit eines Amateurs (Wortbedeutung „Liebhaber“), der nie einen professionellen Auftrag erhielt. Denn die Tätigkeit aus Liebhaberei sagt nichts über die Qualität, sondern lediglich aus, dass diese nicht auf formaler Ausbildung und gegen Entgelt ausgeübt wird.

Das Buch regt dazu an über die Frage nachzudenken, welche identitätsstiftende Wirkung kann Photographie in Bezug zu urbanen Veränderungen haben. Die war sicher auch ein Aspekt, dass Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe Berthold Socha im September 2019 dazu veranlasste sein photographisches Archiv dem Stadtmuseum zu übereignen. Das Buch ist nicht nur ein gelungener Erinnerungsband zu Münsters Stadtgeschichte, sondern für den ambitionierten Amateurphotographen auch eine schöne Anregung zu einem eigenen Fotorundgang in der Stadt.(db)

 

GrauBunt
Photographien von Jürgen Hohmuth

Herausgeber Jürgen Hohmuth
Texte von Sten Nadolny, Lutz Seiler, Ingo Schulze, Christoph Links, Kara Huber, Rainer Kirchmann, Christoph Hein, Markus Meckel, Kathrin Schmidt u.a.
Deutsch,
Buchgestaltung Festeinband,
152 Seiten, ca. 80 Abbildungen in Schwarz-Weiß und Farbe
Edition Braus, Berlin
ISBN 978-3-86228-214-2
29,95 €
Ausstellung »Nahaufnahme Ostdeutschland, Photographien von Jürgen Hohmuth 1990-1994« bis 11. April 2021 im Museum in der Kulturbrauerei (Berlin)


Das Buch »GrauBunt« mit den Photographien von Jürgen Hohmuth zeigt ein Land im Umbruch auf allen gesellschaftlichen Ebenen „Zwischen Anarchie und D-Mark – Ostdeutschland in den frühen 90ern.“ Die Photographien im bildjournalistischen Stil sind kritisch dezidiert und doch voller Empathie für die Menschen. So geben sie ein lebendiges Zeitzeugnis jener Umbruchjahre und sind zugleich politische Mahnung und persönliche Erinnerung.
Ein besonderes Element sind die sehr unterschiedlichen Textbeiträge u.a. von Sten Nadolny, Lutz Seiler, Ingo Schulze, Christoph Links, Kara Huber, Rainer Kirchmann, Christoph Hein, Markus Meckel, Kathrin Schmidt, die zum Teil die Photographien kontrastieren oder ihre Botschaft auch verstärken. Dazu ist das Zitat aus „Farbsysteme“, von Bärbel Klässner: „Grau war der Osten, grau, so grau. Bunt war der Westen, bunt, schön bunt. Und das Bunte roch nach Bohnenkaffee, Sarotti-Schokolade und feinem Parfum. Und das Graue roch nach feuchten Uniformjacken, nach Filzstiefeln und zusammengeklebten Kantinenkartoffeln. Alles schmeckte angenehm und aufregend im bunten Sonntagsstaat. (…)“ ein gutes Beispiel.
Die staatliche Zusammenschluss (1989/1990) der beiden deutschen Teilstaaten hat das Leben und die Alltagsumfeld der Menschen in Ost- und Westberlin aber auch in den alten und neuen Bundesländern stark verändert Szenen des Um- und Aufbruchs sind wie Zeitblitze „Graffitis und McDonald‘s-Mützen, die in den Straßen auftauchen. Auf der anderen Seite verschwinden Trabis, sowjetische Soldaten und die Ostmark.

Ein empfehlenswertes Buch als Dokument der letzten 75 Jahre aber auch für die klassische bildjournalistische Photographie und ihre stilistischen Impulse. Ein für zeitgeschichtlich interessierte Leser, Kunstwissenschaftler und Photographen gleichermaßen interessantes Buch, das schön gestaltetet ist und zur kritischen Reflexion einer historischen wichtigen Epoche anregt. (db)