Ulrich Görlich

Ulrich Görlichs Arbeiten haben einen raumeinnehmenden Charakter - und das nicht nur im übertragenen Sinn. Die Jury bezeichnete in einer begeisterten Laudatio seine Wandbilder als eine "neuartige und experimentelle Umgehensweise mit dem Medium der Fotografie und eine erweiterte Form der Vermittlung räumlicher Erfahrung".

Dieses Urteil bezieht sich auf die von Görlich benutzte spezielle Technik: Fotoemulsion wird direkt auf die Wand eines ausgewählten Raumes aufgetragen. Auf die behandelte Wand werden bereits existierende Bilder projiziert, so daß die Motive direkt auf der Wand belichtet und großformatig entwickelt werden. Die nicht fixierten Bilder sind dem Licht ausgeliefert, so daß sie nach einiger Zeit verblassen. Die Installation löst sich selber auf. Die Zeit wird zum konstitutiven Element dieses Prozesses. Auch die spezifischen Gegebenheiten des Raumes bestimmen wesentlich die Motivwahl und ihre Anordnung. Sie geben dem Ort eine neue Dimension: auf glatten Mauern erscheinen transparente Fenster, vernachlässigte Winkel werden einbezogen, lebensgroße Hausfassaden werden sichtbar. Die dynamische Verbindung von Raum, Zeit und Fotografie macht jede Fotowand einzigartig. Diese Arbeiten sind weniger der klassischen Fotografie, vielmehr der Installation und dem Environment zuzurechnen.

Görlich nutzt das fotografische Bild nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel um mit vorgefundenem Bildmaterial arbeiten zu können. In seinen Projektionen sind Bild und Träger, Gegenstand und Medium nicht mehr voneinander zu trennen. Im Gegenteil: Für den kurzfristigen Zeitraum ihrer Existenz verschwimmen die Grenzen zwischen Leben und Kunst, Fiktion und Realität. Damit treffen die Arbeiten Görlichs direkt ins Zentrum einer immer noch aktuellen Diskus sion darüber, was Fotografie leisten kann und soll. Gerade der oft an die Fotografie gestellte Anspruch, VVirklichkeit adäquat zu dokumentieren erfüllen Görlichs Wandbilder nicht, denn sie haben weder ein transportables Format noch einen archivierbaren Träger. Indem er Dokumente unserer florierenden Bildkultur dem Verfall in der Zeit aussetzt, legt Görlich die Vergänglichkeit von Wirklichkeitsauffassungen hin.
Über Zeugnisse vermeintlicher Realität und das subjektive künstlerische Einzelbild hinaus, eröffnet Görlich einen Raum, in dem die Fotografie jenseits der Diskussion um ihre Funktionen und Verwertbarkeiten als eigenständiges künstlerisches Medium existent ist. (s.b.)