Hermann Stamm

Hermann Stamm erhielt für seine Arbeit "der verbotene tod" den Otto-Steinert-Preis 1979.

Mit der Wahl Hermann Stamms entschied sich die Jury einen Fotografen auszuzeichnen, dessen Arbeit "der verbotene Tod" sie als "eine künstlerisch verdichtete Aussage zu der weitgehend anonymen Art heutigen Sterbens" bezeichnete. Nicht nur das brisante Thema sondern auch die spezielle Darstellungsweise wird dieses Urteil veranlaßt haben. Denn erst durch das Wechselspiel zwischen Fotografie und Text wird die künstlerische Dimension dieser Arbeit deutlich. Die Diskrepanz zwischen der Anonymität der Bilder auf der einen Seite und der durch den Text vermittelten individuellen Geschichten auf der anderen, wird zum konstitutiven Element.

Somit ist "der verbotene Tod" keine Dokumentation im klassischen Sinne. Sie speist sich nicht aus dem in den 70ern so gängigen "human touch" und einem explizit geäußerten Wirklichkeitsanspruch. Vielmehr ist die aus 1 4 Serien bestehende Arbeit die essayistische Annäherung Stamms an das persönliche wie gesellschaftlich heikle Thema des Sterbens.

In der Darstellungsweise zeigt sich, was der Schriftsteller La Rochefoucauld so formulierte: "Man kann nicht direkt in die Sonne sehen und in den Tod. "Auch wenn der Tod unmittelbar nicht abgebildet werden kann, zeigen die zum Vergleich paarweise angeordneten Fotos dennoch exemplarisch die Formen des Sterben in einer Industrie-Gesellschaft auf. So ist die von dem Fotografen aufgenommene Bahnhofstoilette das prägnanteste Synonym für den Tod eines Heroin-Süchtigen in der westlichen Welt geworden. Die Unabbildbarkeit des Todes ist nicht alleiniger Grund für das augenfällige Fehlen sterbender Menschen auf den Fotografien. Vielmehr sieht Hermann Stamm darin auch die Haltung einer Gesellschaft und ihrer einzelnen Mitglieder zu diesem Phänomen, das trotz oder gerade wegen seiner Unverständlichkeit und Unausweichlichkeit in der westlichen Welt ein"verbotenes" Thema zu sein scheint. Nur einmal sieht man die Hand eines Sterbenden. Auf den übrigen Fotos betrachtet man die Spuren des Todes an verschiedenen Orten. Sie verweisen auf den Umgang einer Gesellschaft mit dem Sterben: medizinische Hilfsmittel im Krankenhaus, durch die der Kranke nicht nur gepflegt, sondern der Mensch auch seines eigenen Todes enteignet werden kann. Bestattungsunternehmen leisten ein Übriges, indem sie aus Leichen mit Schminke und Haarspray "Untote"machen. Gewaltsame Tode, sei es ein Selbstmord oder ein Goldener Schuß, finden in Stamms Arbeit an verborgenen Orten statt. Eine einsame Wohnung, ein entlegenes Stück Land oder eine Bahnhofstoilette sind die "unzulässigen Orte", an denen Menschen sich ihr Leben nehmen. Letztlich manifestiert sich gerade in und durch die Medien eine konfektionierte Darstellung des Todes. Wer kennt nicht die prototypischen Bilder von Flugzeugabstürzen in der Tagespresse oder den verdient heldenhaften Tod des bad guy im Western.

Der Tod, so Stamm, wird verdrängt, beiseite gelegt. Aus diesem Grund präsentierte Stamm seine Fotos auch in Leitz-Ordnern, dem beliebtesten "Ablagesystem" der Deutschen. (s.b.)