Workshop "Farbmanagement" (Hannover, Mai 2003)

Bericht über den Workshop ”Farbmanagement”

16. Mai 2003, Fachhochschule Hannover

Fast genau ein Jahr nach der ersten Veranstaltung dieser Art, fand der DGPh-Workshop der Sektion ”Wissenschaft und Technik” zur digitalen Photographie an der Fachhochschule Hannover zum Thema ”Farbmanagement” statt. Wiederum kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem von außerhalb der DGPh. Mit dem Thema hatte Prof. Brümmer, dessen organisatorischer Energie das Zustandekommen zu verdanken ist, offenbar ein in der Photoszene latentes Bedürfnis getroffen: Mehr als 230 Interessierte aus der Schweiz und Deutschland fanden sich im Hörsaal auf dem ehemaligen Expo-Gelände ein, darunter Vertreter von Bibliotheken, Archiven, einem Fraunhofer-Institut und natürlich von der Photoindustrie. Im Vergleich zu 35 Interessierten im letzten Jahres eine bemerkenswerte Steigerung. Der Studiengang Fotografie im Fachbereich ”Design und Medien” unter der Leitung von Prof. Rolf Nobel lieferte die Rahmenorganisation für die Veranstaltung. Zehn Firmen präsentierten ihre Produkte an gut frequentierten Ständen.

Prof. Dr. Nickel, Vorsitzender der veranstaltenden Sektion, begrüßte die Anwesenden und stellte die DGPh vor. Er hob hervor, dass zwei der Vortragenden jüngst in die DGPh berufen worden seien, was das Engagement der Gesellschaft für aktuelle Entwicklungen betone. Hans Brümmer eröffnete die Fachsitzung, indem er in die ”Grundbegriffe der Farbenlehre, Farbensysteme und des Farbmanagements” einführte. Infolge des physiologischen Charakters des trichromatischen Sehens stelle der Übergang vom additiven Farbsystems zu subtraktiven Druckfarben (CMYK) ein grundsätzliches Problem dar. Die drei additiven Grundfarben Rot, Grün und Blau seien spektral nicht eindeutig definiert. Die Darstellung von reinem, gesättigten Grün durch das Zahlentripel (0, 255, 0) in einem Bildbearbeitungsprogramm sei daher zunächst nichts weiter als eine numerische Repräsentation. Ein Röhrenmonitor könne beispielsweise nur die Farben darstellen, die durch die physikalischen Eigenschaften des verwendeten Leuchtphosphors vorgegeben sind. Der dadurch definierte ”Farbraum” sei immer kleiner, als die Menge der im Programm numerisch darstellbaren Farben. Diese Aussage träfe im Prinzip auf alle Ein- und Ausgabesysteme zu, allerdings sei ein Monitor-Farbraum besonders einfach, da er durch ein Dreieck gebildet wird, dessen Ecken die drei Grundfarben bilden (Monitor-Rot, -Grün und -Blau). Beim Farbmanagement stelle sich als zentrale Frage, wie Farben in der Prozesskette der Verarbeitung möglichst verlustfrei transformiert werden können.

1931 wurde nach umfangreichen physiologischen Untersuchungen das CIE Farbsystem definiert, das seitdem kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Als besonders nützlich für das Farbmanagement habe sich das CIE L*a*b*-System erwiesen, mit dem Farbdifferenzen (”DE”) berechnet werden können. Damit könnten gerätespezifische ”Farbprofile” erstellt werden, die es erlaubten, unterschiedliche Geräte miteinander in Beziehung zu setzten.
Wenn Farben in einem bestimmten Farbraum nicht dargestellt werden könnten, so gäbe es verschiedenen Algorithmen (”Rendering Intent”) zur Anpassung von Farbwerten. Hier seien farbmetrische und perzeptive Methoden zu unterscheiden. Ein farbmetrischer rendering intent erhält zwar die Farbwerte im Druckfarbraum, schneidet jedoch die außerhalb liegenden Farben ab, was für Photographien meist nicht die beste Wahl ist. Beim perzeptiven (wahrnehmungsorientierten) Rendering Intent wird versucht, die Beziehung der Farbwerte untereinander möglichst beizubehalten. Dazu werden die Farben des gesamten Farbraums so lange gleichmäßig komprimiert, bis sie vollständig in den Farbraum der Druckfarben hineinpassen. (Anm.: Der Vortrag kann unter www.hansbruemmer.de abgerufen werden.)

Reinhardt Fittkau (PIC, ADF, www.adf.de, www.dvsplus.de) begann die Reihe der Fachvorträge mit dem Thema ”Farbübergabestandard der Fotografenverbände”. Für professionelle Photographen seien praxistaugliche, allgemein akzeptierte Standards zur Verarbeitung digitaler Photographien besonders wichtig, weil sie mit ihren Arbeiten am Anfang der Prozesskette stünden. Die Weitergabe ihrer Ergebnisse sei früher in Form von Dias erfolgt, die eine leichte Beurteilung der Qualität erlaubt hätten. Heute würden Auftraggeber Bildfehler häufig den Photographen anlasten. Die ursprüngliche Motivation der Arbeiten am DVSplus-Standard, die vor etwa vier Jahren begonnen habe, sei die Entwicklung eines ”digitalen Dias” gewesen. Da ”wir Photographen nicht die einzigen sind, die nicht mit digitaler Technik umgehen können”, seien nicht nur Standards nötig, sondern auch Zertifikate, die, ähnlich der Gesellen- und Meisterprüfung der Photographieausbildung, den Nachweis dokumentieren, dass jemand wirklich die Befähigung zum standardkonformen Arbeiten hat. Ziel des Übergabestandards sei es, auf unterschiedlichen Geräten, die also auch unterschiedliche Farbräume aufweisen, Ergebnisse mit ”der gleichen Anmutung” zu erzeugen.

Jens Rubbert (DGPh), Fuji Photo Film (Europe) GmbH (www.fuji.de), setzte mit seinem streckenweise pointierten Vortrag ”Automatisch bessere Bilder durch Colormanagement?” einen gewissen Gegenpol zu den Ausführungen Fittkaus. Rubbert ging zunächst auf die Thematik seines Vorredners ein und bemerkte, der DVSplus_Farbraum sei kleiner als der Farbraum, der mit klassischen RGB-Belichtern möglich sei. Der Weg von der digitalen Aufnahme zum Print bestünde im "Standard RGB-Workflow" aus nur zwei Schritten: Der Zuweisung des Kameraprofils und der Konvertierung in das Printerprofil. Die DVSplus-Prozesskette sei mit insgesamt fünf Schritten wesentlich aufwändiger: Kameraprofil zuweisen - in ECI-RGB konvertieren - in DVSplus-Separationsprofil konvertieren - in DVSplus-RGB konvertieren - in Printerprofil konvertieren. In beiden Fällen würde die Profile der jeweiligen Printer verwendet, jedoch würde beim Standard RGB-Workflow vermieden, den (im Vergleich zum Druckerfarbraum) kleineren DVSplus Farbraum zu verwenden. Dieser tendenziell kritischen Sichtweise widersprach Reinhard Fittkau unmittelbar, ohne dass jedoch im Rahmen des Workshops Raum für eine vollständige Klärung der Vor- und Nachteile beider Verfahren gesorgt werden konnte. In dieser Thematik erscheinen weitere Diskussionen zwischen allen Beteiligten dringend geboten.
Rubbert betonte im weiteren, dass dies nicht gegen Standardisierung spreche. Er machte jedoch deutlich, dass Colormanagement nicht in jedem Fall die beste Wahl sei. Amateur- und Profiansprüche seien völlig verschieden. Ein Profi wolle ein Photo (Dia oder digital) unter kontrollierten Bedingungen verarbeitet wissen. Sein Ausgangsphoto sei korrekt belichtet und werde teilweise viele Millionen mal reproduziert. Wichtig sei eine Kontrolle des Workflows, was nur mit Geräten (Kameras, Scanner, Printer, etc.) geschehen könne, deren Automatiken abschaltbar und für die Farbprofile verfügbar seien. Bei Amateurphotos sei die Situation eine ganz andere. Hier würde von einem Ausgangsphoto meist nur ein Print erstellt und das Ausgangsphoto sei oft fehlerhaft. Intelligente Bildverarbeitungsverfahren seien notwendig.

”Rundum Sorglos Paket” nannte Rubbert die auf dem EXIF-Header basierenden automatischen Bildoptimierungen, die von der digitalen Aufnahme bis zum Print sinnvolle Optimierungen erlauben: Graubalance, Reduzierung von Farbstichen, Korrektur von Unterbelichtungen. Manche Verfahren, wie beispielsweise die Erkennung von ovalen Bereichen als potenzielle Gesichter (Optimierung von Hautton-Wiedergabe), kämen auch in Negativprintern zum Einsatz, da in RGB-Belichtern wie dem Fuji Frontier die Negative nicht direkt vergrößern, sondern eingescannt würden. Colormanagement sei nur möglich, wenn Profiphotograph und Labor in direkter Kommunikation miteinander stünden.

Dietmar Fuchs, LOGO GmbH & Co. KG/GretagMacbeth (www.gretagmacbeth.com), ging mit "Profilierung von Digitalkameras & Lichtmessung" insbesondere auf die Elemente des Colormanagements auf Seiten der Kamera ein. Entscheidend seien Gamut (Farbumfang) und Farbraumeigenschaften der Kamera unter dem gegebenen Aufnahmelicht. Kameras können nur mit speziellen Testtafeln profiliert werden. IT8-Testtafeln, die für Scanner Verwendung finden, sind nicht geeignet. Die Farbverteilungen von geeigneten Testtafeln basierten unter anderem auf natürlichen Farbverteilungen. Die Farbwahrnehmung und die Photographie sind lichtartabhängig. Mit den neuesten Spektralphotometern könnten nicht nur Aufsichtsvorlagen, sondern auch das photographische Licht gemessen werden. Die Lichtart einer Aufnahme müsse Teil der Profilierung sein (Metamerie-Problematik). Wenn Profilierung als Erzeugung eines "Fingerabdrucks" eines Gerätes verstanden wird, so sei ein ICC-Profil nur erstellbar, wenn die Kameraeigenschaften vom Photographen bewusst eingesetzt werden (Kontrolle der Signalverarbeitung). Der Weißabgleich würde nicht selten falsch durchgeführt: eine weiße Wand oder ein normales Blatt Papier enthielten sehr oft "Weißmacher", d.h. Substanzen, die den Blauanteil erhöhen. Das Auge könne dies nicht ohne weiteres feststellen, der Weißabgleich reagiere jedoch darauf. Da der Kontrastumfang eines Sensors häufig geringer ist als der eines Negativfilmes, sollte, wie bei einem Diafilm, eher auf die Lichter belichtet werden. Beim Abgleich mit verschiedenen Ausgabemedien sollte als Werkzeug ein "Softproof", also eine Emulation der Druckerausgabe am Bildschirm, eingesetzt werden. Der Bildschirm als wichtigstes Arbeits- und Beurteilungsmittel muss kalibriert und profiliert sein.

Am Markt erfolgreiche proprietäre Lösungen stellte Sabine Hell von der Best GmbH (www.bestcolor.de) unter der Überschrift ”Digitale Photographie und Druck - verbundene Welten” vor. Die im Druckwesen etablierten Produkte von Best (Best wurde vor einer Weile von der US-amerikanischen Firma EFI aufgekauft) sind vor allem im Bereich Vorstufe und im Druckereiwesen anzutreffen, zielen aber inzwischen auch auf Photographen als Endanwender. Die zugrundeliegende Technologie ist die Seitenbeschreibungssprache PostScript von Adobe, die vektorbasiert ist (also beliebig vergrößert oder verkleinert werden kann, im Gegensatz zu Bitmap-basierten Formaten). Basistechnologie für die Bestsoftware sei das RIP (Raster Image Prozessor), das grundsätzlich benötigt würde, um PostScript Daten zu interpretieren. Best sei die erste Firma gewesen, die RIPs und Colormanagement zur Ansteuerung von InkJet-Printern herausgebracht habe (RIP = Raster Image Processor; wird benötigt, um PostScript-Daten aufzubereiten). Da die Anfänge von PostScript etwa 20 Jahre zurück lägen, habe die eingesetzte Technologie zunächst einmal nichts mit ICC-Profilen zu tun. Diese würden jedoch in den modernen Workflow eingehen, so dass die Kombination von RIPs und ICC-Profilen die Verwendung von Tintenstrahldruckern zum “Proofen” gestatte. Nutzen für einen Photographen sei, dass ein von einer Druckerei geliefertes ICC-Profil vom Photographen dazu genutzt werden könne, Ausdrucke vor Versendung via Softproof oder Proof auf dem eigenen InkJet-Printer zu emulieren, um so das Druckergebnis zu kontrollieren.

Michael M. Müller (DGPh) von artificial image (www.artificiality.com) widmete sich nicht der Farbe, sondern dem digitalen Schwarzweißdruck, der schon auf dem Workshop des letzten Jahres Beachtung gefunden hatte: ”Schwarzweiß-Profile zum Einsatz im ICC-kompatiblen Farbmanagement-Workflow”. Er zitierte zu Beginn seiner Ausführungen keinen geringeren als Ansel Adams, der 1981 prophetisch in die Zukunft geschaut hatte: ”Das elektronische Bild wird der nächste Fortschritt in der Photographie sein”. Reine Schwarzweiß-Prints mit Standarddruckern zu erzeugen, sei problematisch, da schon kleine Schwankungen als Farbstiche erkennbar wären. Abhilfe würde die Substitution von Farb- durch Schwarzweißtinten schaffen. Der Einsatz sei bisher jedoch mit vielen Experimenten verbunden gewesen, da laut Hersteller keine ICC-kompatiblen SW-Profile erstellbar seien. Jedoch hätte er nach dem Studium der ICC-Spezifikationen eine Softwarelösung für SW-Prints gefunden, bei der hochwertige Prints ohne größere Schwierigkeiten zu erzeugen wären.
Das von ihm gezeigte Beispiel war durchaus überzeugend - leider blieb die Frage offen, wie sein Verfahren funktioniert oder wie es allgemein eingesetzt werden kann.

Der ”Lichtechtheit von Tintendrucken und ihre Prüfung” widmete sich Dr. Artur Rosenberg von der FOGRA Forschungsgemeinschaft Druck (www.fogra.org). Lichtechtheit wurde von ihm definiert als ”die Beständigkeit von Farben gegen erkennbare Veränderungen unter der Einwirkung von Licht”. Ziel der von ihm präsentierten Untersuchungen war es, die tatsächliche Beständigkeit von Druckfarben gegenüber verschiedenen Lichtquellen normgerecht zu prüfen. Farbveränderungen wurden anhand der ”Wollskala” (DIN ISO 12040). Die Wollskala besteht aus einem Satz von 8 Wollstreifen, die mit Farbstoffen unterschiedlicher Lichtbeständigkeit eingefärbt sind und verläuft von WS 1 (sehr niedrige) bis WS 8 (sehr hohe Lichtbeständigkeit). Der Farbstoff mit der niedrigsten Lichtechtheit bestimme die Gesamthaltbarkeit eines digitalen Druckes. InkJet-Großformatdrucke wären heutzutage durchaus auch für Außenanwendungen im Sommer geeignet. Entgegen der Erwartung habe keine besondere Abhängigkeit der Lichtechtheit vom UV-Anteil festgestellt werden können. Die Stabilität einer Farbe hänge vom Gesamt-Absorptionsspektrum ab.
Es schloß sich eine rege Diskussion an. Insbesondere wurden die langen Haltbarkeitszeiträume für digitale Ausdrucke, die aus anderen Quellen bekannt sind, hinterfragt. Rosenberg wollte nicht ausschließen, dass unter musealen Bedingungen lange Haltbarkeiten möglich sind. Ob die ursprünglich von Wilhelm publizierten Haltbarkeitszeiträume wirklich reproduzierbar seien, wurde teilweise bezweifelt. (www.wilhelm-research.com)

Sehr anschaulich schilderte Dr. Umberto De Rossi, Tetenal (www.tetenal.de) die unterschiedlichen Eigenschaften von Farbstoffen, Pigmenten und ihre Wechselwirkungen mit dem Papier, ”Zusammenhänge zwischen Farbräumen, Tinten und Papieren beim Tintendruck”. Farbstoffmoleküle seien kleiner als die Lichtwellenlänge, sie würden das Licht somit nicht streuen, was eine hohe Brillianz und relativ große Farbräume ergäbe. Allerdings könnten schon einzelne Lichtquanten ein Molekül zerstören. Pigmente seien hingegen Partikel der Größe 0.01 - 1 mm, an denen Licht gestreut würde, was Brillianz und Farbraum verringere, jedoch eine höhere Beständigkeit gegen Zersetzung bedeute. Durch eine verbesserte Abstimmung zwischen Papier und Farbstoffen einerseits und die Entwicklung kleinerer Pigment-Partikel hätten sich beide Technologien jedoch zunehmend angenähert. Manche Papiere, die für Farbstoffe optimiert seien, beispielsweise Micropore (mikroporöse) Papiere, seien nicht für Pigmente geeignet.

Fazit

Die hohe Teilnehmerzahl aus einer Vielzahl von Fachrichtungen zeigt, dass die Sektion ”Wissenschaft und Technik” mit dem Workshop, wie schon im letzten Jahr, den Nerv der Zeit getroffen hat. Die DGPh konnte ihre Stärke, katalytisch zu wirken und unterschiedlichste Interessengruppen der Photoszene zusammen zu bringen, gerecht werden. Insbesondere die Diskussion um mögliche Standards und ihr Für und Wider benötigt die öffentliche Debatte im weitgefaßten Rahmen, der von Interessenverbänden und einzelnen Industriepositionen allein nicht gesetzt werden kann.

Systematik und Probleme der Archivierung schälten sich während der Diskussionen als ein brennendes Thema heraus. Die DGPh wird versuchen, auf dem nächsten Workshop wieder ein passendes Diskussionsforum zu schaffen.
Auf Bitten von Herrn Fittkau geben wir hier seinen Aufruf wieder: Interessenten für ein Symposium über die Details von DVSplus mögen sich bitte per eMail an Herrn Fittkau wenden: r.fittkau@dvsplus.de

Christian Gapp
5. Juni 2003