Dawid: Kemigram, #9343, 1989
Dawid: Kemigram, #9343, 1989
Eröffnungsdatum
Photograph*in
Dawid
Ausstellungsdatum
-
Name der Galerie / Museum / Ausstellungsort
Beschreibung

Die fotografischen Arbeiten des schwedischen Künstlers Dawid gehören zu den radikalsten, poetischsten und eigenwilligsten Versuchen, das Verhältnis der Fotografie zu seinem Bildreferenten neu zu definieren. Aus einem ursprünglich sozialdokumentarischen Kontext der 1970er Jahre kommend, Student von Christer Strömholm, schreibt sich Dawids Fotografie in die ehrgeizige Bewegung der 1980er Jahre ein, aus der Fotografie ein emanzipiertes, autonomes Bild zu schaffen, auf gleicher Augenhöhe wie die Malerei, Zeichnung und Skulptur.

Mit einer großen Ökonomie der Mittel – oftmals nur mit Hilfe eines Leuchttisches und einer Großformatkamera – transzendiert er unsere physische Welt der sichtbaren und benennbaren Dinge in ein Reich der Zeichen, eine Welt fotografischer Hieroglyphen, die teils die Funktion der Objekte noch lesbar lässt, teils ihnen eine völlig neue Bedeutung verleiht.

Rätselhafte Scherenschnitte, Landschaften, Felsformationen, Umrisse unbekannter Länder auf einer Karte, asiatische Schriftzeichen – all diese Formen mag der Betrachter in den Bildern der Serie Comp entdecken. Die Aufnahmen der Serie Rost geben mehr Auskunft über die Materialität der Dinge. In einer immer stärker werdenden Digitalisierung aller Lebensbereiche erinnern diese Bilder daran, dass die obsolet gewordene Welt der physischen Dinge, selbst der Schrott, das Material für abstrakte Kompositionen schafft und sie gleichsam vor dem Verschwinden bewahrt. Die Kemigrame wiederum lassen die Welt der Objekte hinter sich. Von ihrer Genese sind die Arbeiten die am stärksten malerischen, am Werk sind hier das Licht und die Chemie, die Geste und der Zufall, Oberflächenspannung von Flüssigkeiten und Absorptionsverhalten von Papieren. Wie in fast allen unterschiedlichen Serien von Dawid entwachsen auch hier die Formen dem milchigen, warmen Weiß der damals verwendeten Agfa-Portriga-Papiere.

Das erste Mal, dass mir Dawids Fotografie begegnet ist, war vor fast dreißig Jahren, im Sommer des Jahres 1993, als er damals im inzwischen legendären Untergeschoss der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwangs die M+M-Series ausstellte. Sie veränderte damals oder vielmehr erweiterte sie signifikant meinen Begriff der Fotografie, die für mich in erster Linie als ein Blick durch das Fenster auf die Welt bestand. Dawids Serie der Objekte aus der Werkzeugkiste seines verstorbenen Onkels lehrten mich, dass Fotografie einen "Weltbezug" haben und zugleich Ausdruck formaler Abstraktion und Eleganz sein kann, dass auch Bilder am Rande der Repräsentation dazu in der Lage sind, was Siegfried Kracauer als Aufgabe der Kameramedien definiert hat: die Errettung der äußeren Wirklichkeit. Dawids damaliger Werkzeugkasten hatte für mich die Schlüssel parat, eine Geschichte der experimentellen Fotografie für mich neu zu lesen und zu erarbeiten. Und heute stellt sein Werk in meinen Augen eine herausragende Position dar, eine Art Brücke, welche die fotografischen (und malerischen) Experimente der modernistischen Avantgarden der Vor- und Nachkriegszeit, die Sachfotografie eines Irving Penns oder die postmoderne Fotografie der 1980er Jahre zu einem, wie bereits erwähnt höchst eigenwilligen, aber formal immer eleganten Werk verbindet, einer Art von magischen Formalismus, wie es Lars O. Ericsson einmal bezeichnet hat.

Florian Ebner, November 2022

Dawid (*1949, Schweden) ist ein Künstler, der sowohl das Medium der Fotografie als auch das Motiv vor der Kamera erforscht und dabei in vielerlei Hinsicht Grenzen überschreitet. Bereits mit seinem Debüt, der Ausstellung Ingen älskar mig (Niemand liebt mich) in 1973 in Liljevalchs Konsthall, Stockholm, führte er Fotografie als künstlerisches Medium ein – ganz im Gegensatz zu den damals in Schweden vorherrschenden dokumentarischen Idealen der Fotografie.Seit den 1970er Jahren hat Dawid zahlreiche Ausstellungen in Institutionen wie der Malmö Kunsthalle (SE), dem Museum Folkwang (DE), dem Moderna Muséet (SE), dem Nationalmuseum Stockholm (SE), dem Hasselblad Center (SE), dem Kiasma (FI) und vielen anderen internationalen Institutionen durchgeführt. Dawid hat über 35 Bücher veröffentlicht, darunter die Monografie "Beautiful Frames" im Steidl Verlag.