Thibaut II, 2018, (Detail) © Anna Ehrenstein
Thibaut II, 2018, (Detail) © Anna Ehrenstein
Photograph*in
Anna Ehrenstein
Datum
-
Name der Galerie / Museum / Ausstellungsort
Beschreibung

Vor einem schimmernden Poolhintergrund fallen riesige, goldene Bitcoin-Münzen, während ein junger Mann lässig auf einem der Goldstücke durch das Bild surft. In seinem Batik-T-Shirt nimmt er eine coole Pose ein, die Sonnenbrille sitzt auf der Stirn, jederzeit griffbereit auf seinem Flug durch den digitalen Goldregen. Die deutsch-albanische Medienkünstlerin Anna Ehrenstein entwirft futuristische Bildwelten, die sie in surrealen Arrangements in Szene setzt. Die digitale Utopie der globalen Konnektivität aufgreifend, wählt Ehrenstein Motive wie Bitcoins, Drohnen und VR-Brillen, die in ihren Collagen wie Fremdkörper erscheinen. Bewusst bedient sie sich in ihren Arbeiten einer Photoshop-Ästhetik, um gängige visuelle Narrative, welche die Fotografie seit jeher als Medium der Dokumentation beschäftigen, gezielt zu konterkarieren.

Tools for Conviviality ist ein multimediales Projekt, das ein 360°-Video, Fotografien, Collagen sowie bedruckte Textil- und Acrylsklupturen zu einer komplexen Installation verwebt. Mit dem Titel ihrer Arbeit bezieht sich Ehrenstein auf das gleichnamige Buch des österreichisch-US-amerikanischen Philosophen Ivan Illich, der bereits 1973 den westlichen Fortschrittsglauben kritisiert hat. Anstatt unser Leben zu erleichtern, würden wir uns, so Illich, den Werkzeugen der technologischen Innovation unterwerfen. Heutzutage versprechen Smartphones, Social Media und Virtual Reality eine globale Vernetzung über Ländergrenzen hinweg. Ehrenstein stellt mit ihrer Arbeit diese vermeintliche Utopie zur Diskussion. Mit großer Leichtigkeit bedient sie sich digitaler Medien- und Kommunikationstechnologien, um die Betrachter*innen ihrer Bildwelten zu einer kritischen Reflexion über Stereotype und deren mediale Repräsentation anzuregen.

Mit seinem multiperspektivischen Ansatz hinterfragt Tools for Conviviality gleichzeitig die europäische Perspektive auf Lebensentwürfe im westafrikanischen Raum. An Stelle eines klassischen dokumentarischen Blicks von außen rückt eine kollektive Methode der oralen und visuellen Recherche vor Ort, in die lokale Kreative als Ko- Produzent*innen eingebunden werden. Während ausgedehnter physischer und virtueller Aufenthalte in Dakar hat sich Anna Ehrenstein an die Lebenswelten der dort ansässigen Kunst- und Kulturschaffenden Saliou Ba, Donkafele (Mandé Mory Bah und Thibault Houssou), Nyamwathi Gichau, Lydia Likibi und Awa Seck visuell herangetastet. Die senegalesische Hauptstadt zieht aufgrund ihrer kulturellen Signifikanz und den dort herrschenden losen Visabestimmungen eine Vielzahl junger Kreativer an. Die im Bereich Mode, Design, Schreiben, Übersetzung und spiritueller Heilung tätigen Kollaborant*innen migrierten aus Benin, Guinea, Gambia, der Republik Kongo und Kenia in die florierende Metropole, um sich eine neue Existenz aufzubauen.

In seiner Surrealität und den bewusst eingebauten Glitches – visuelle Turbulenzen und Störeffekte, welche eine vermeintlich faktenorientierte Dokumentation in Frage stellen – ermöglicht Ehrensteins multimediales Projekt eine Vielzahl von Lesarten und passt aus Sicht der Jury ideal in das Thema der ‚New Documentary Strategies‘, für das der C/O Berlin Talent Award vergeben wird. Für ihre lebendige, facettenreiche und visionäre Strategie des Visual Storytellings erhält die Künstlerin ein Preisgeld von 7.000 Euro und wird mit der Einzelausstellung Anna Ehrenstein . Tools for Conviviality bei C/O Berlin geehrt. Zur Ausstellung erscheint eine begleitende Publikation bei Spector Books, Leipzig, herausgegeben von Dr. Kathrin Schönegg für die C/O Berlin Foundation, mit Texten der parallel ausgezeichneten US-amerikanischen Theoretikerin Emily Watlington. Seit 2020 wird der C/O Berlin Talent Award durch die Alexander Tutsek-Stiftung ermöglicht.