Stefan Moses © archiv stefan moses "Kapuzinerpater mit Katze", Immenstadt 1964 Courtesy Johanna Breede
Stefan Moses © archiv stefan moses "Kapuzinerpater mit Katze", Immenstadt 1964 Courtesy Johanna Breede
Photograph*in
Stefan Moser
Datum
-
Name der Galerie / Museum / Ausstellungsort
Beschreibung

Wer Stefan Moses bei der Arbeit beobachtet, gerät unversehens in den Sog jenes leisen beharrlichen Wahnsinns, mit dem ein großer Photograph die lebenden Objekte seiner Begierde gefügig, wenn nicht wehrlos macht. Er lächelt gütig. Durch viele sanfte, zustimmende Worte entsteht der trügerische Eindruck eines Gesprächs, als habe das photographische Opfer noch einen eigenen Willen, als habe es zu seiner Selbstdarstellung noch irgendetwas beizutragen. Letzte Widerstände und anfängliche Wachsamkeit wandeln sich zu einer Atmosphäre hilflosen Vertrauens.

Augenblicke später schmiegt sich vor der Kamera eine Ehepaar unter Missachtung einer in Jahrzehnten gewachsenen Abneigung leidenschaftlich aneinander. Ja, es ist sogar bereit, den Vorgang beliebig oft zu wiederholen. Wider Erwarten enthüllt das Ergebnis (ein Abzug im Format 24 x 30, schwarz-weiß, hochglanz) die Spuren gemeinsam verkorkster Jahrzehnte. Stefan Moses beherrscht die psychologischen und hypnotischen Mittel, Menschen und anderen Wirbeltieren die verlorene Natürlichkeit zurückzugeben.

Mir gelingt das so gut wie nie. Kaum richte ich meine Rolleiflex, ein etwas umständliches, aber verlässliches Gerät aus dem Jahre 1952, auf ein lebendes Motiv, versagt mir dieses jeden Respekt. Menschen beginnen artfremd zu grimassieren, äußern sich in verletzenden Kommentaren oder verlieren die Kontrolle über ihre gewohnten Bewegungsabläufe.

Anwesende Tiere erscheinen gleichermaßen verhaltensgestört. Anton, ein sonst sehr besonnener, nachdenklicher Hund, knurrt ins Objektiv (Schneider Xenar, 1:3,5) unter leichter Anhebung der Oberlippe. Paul, ein Mops vertrauenerweckender Abstammung, verschränkt die Ohren über dem Kopf und offenbart sein Gesäß, das infolge der natürlichen Öffnung nicht zu den gängigen Motiven gehört.

Die Verweigerungsrituale bei Tier und Mensch sind demnach unterschiedlich. Auch der hingehaltene Kalbsknochen ist bei Herr und Hund nicht gleichermaßen wirkungsvoll. Und doch gelingt es dem virtuosen Photographen beim Portrait des Löwenbändigers, der sein Haupt schräg zwischen die Zähne des Zöglings bettet, auch noch die Hintergründe der Beziehung aufzuspüren und seelische Spannungsfelder im Mienenspiel der Partner nachzuweisen. Da sind Kunst und Geduld gefordert. Ein falscher Blick, das Tier schließt missgelaunt den Rachen, schon wirkt das Lächeln des Artisten seltsam abgebrochen. Ein Betriebsunfall, und doch, rechtzeitig abgelichtet, ein rares Dokument der Wahrheit: Photographenglück.

Das Tier und sein Mensch. Der Titel macht unsicher. Auf den ersten Blick vermutet man die schicksalhafte Zugehörigkeit. Auf den zweiten ist der Mensch bereits Eigentum des Tieres. Mir ist die letztere Version vertrauter. Seit Jahrzehnten bestimmen die Verdauungsrhythmen dreier Hunde das gesellschaftlich Leben der Familie. Sie zwingen uns, nach kulturell genutzter Freizeit hastig heimzukehren, nötigen zum Aufenthalt im Freien, nächtlich bei ungünstiger Witterung.

Stefan Moses, der Photograph und Psychologe, kennt diese einseitige Betrachtungsweise nicht. Mit zarter Hand begleitet er das empfindliche Miteinander, ohne Gut und Böse, Tragik oder Komik zum Programm zu machen. Mit jedem Photo erzählt er eine Geschichte aus der Manege des verlorenen Paradieses, vielleicht in der Hoffnung, dass einmal Tier und Mensch gemeinsam durch den Reifen springen.

Loriot